Start-up-Check: Übers Wasser fliegen – So wird der Fährverkehr emissionsfrei
Stockholm. Erst ist es nur ein unauffälliges Surren, dann wird daraus ein unaufdringliches Brummen. Kurz darauf erhebt sich die P-12 etwa 1,5 Meter über der Wasseroberfläche. Die P-12 ist der große Hoffnungsträger von Candela, einem in Stockholm ansässigen Start-up-Unternehmen.
Die batteriegetriebene Fähre kann bis zu 30 Personen befördern und soll von Herbst an die Halbinsel Ekerö mit der Innenstadt der schwedischen Metropole verbinden. Fahrtzeit: statt 55 Minuten gerade einmal 25 Minuten.
Um wen geht es?
Candela wurde 2014 von Gustav Hasselskog gegründet. Es waren seine Kinder, die den Ingenieur auf die Idee brachten, ein elektrisch angetriebenes Motorboot zu entwickeln. „Wir hatten ein Sommerhaus in den Stockholmer Schären, und wenn meine Kinder ein Eis haben wollten, fuhren wir mit meinem kleinen Motorboot zur nächsten Insel, wo es einen Laden gab. Der Trip kostete 50 Euro an Benzin, das Eis ein paar Euro“, sagt Hasselskog.
Der Ingenieur, der zuvor in einem medizintechnischen Unternehmen in der Produktentwicklung tätig war, begann darüber nachzudenken, wie man ein Boot effizienter machen könnte. 2017 entstand so die Idee, ein Boot zu entwickeln, das elektrisch angetrieben wird und einen extrem geringen Wasserwiderstand hat.
Die Candela C-7 war das erste elektrische Motorboot, das dank seiner Flügel oder Tragflächen (Foils) über das Wasser fliegt. Die überarbeitete Version, Candela C-8, kam einige Jahre später auf den Markt. Mittlerweile liegt der Fokus aber auf der Entwicklung der Fähre P-12.
Wie funktioniert das Tragflügelprinzip?
Ab einer bestimmten, relativ niedrigen Geschwindigkeit hebt sich das Boot leicht aus dem Wasser und „fliegt“ auf den Foils durch das Wasser. Der Wasserwiderstand wird dramatisch gesenkt, da nicht mehr der ganze Rumpf des Bootes, sondern nur noch die vergleichsweise kleinen Foils Kontakt mit dem Wasser haben.
„Dank der Tragflächen können wir die benötigte Energie für den Vortrieb um 75 Prozent senken“, erklärt Candela-Gründer Hasselskog im Gespräch.
Das Prinzip ist nicht neu: Schon 1905 entwickelte der italienische Ingenieur Enrico Forlanini das vermutlich erste Tragflügelboot der Welt. Doch es sollte noch mehr als 100 Jahre dauern, bis mit Candela ein Unternehmen die kommerzielle Produktion elektrisch betriebener Tragflügelboote begann.
Ein Computer steuert mithilfe eines Gyrokompasses die Foils, sodass das Boot immer gerade auf den Tragflächen liegt. Einhundertmal pro Sekunde wird die Ausrichtung des Schiffs neu berechnet. „Es ist eine Garantie gegen Seekrankheit“, lacht Hasselskog. Wegen des geringen Wasserwiderstands kann Candela außerdem kleinere Batterien in die Schiffe einbauen, was wiederum das Gewicht deutlich reduziert.
Die Stockholmer Stadtregierung erteilte Candela eine Ausnahmegenehmigung für die ansonsten geltende Höchstgeschwindigkeit von zwölf Knoten, etwa 22 Stundenkilometer. Da die Fähre kaum Wellen verursacht, darf sie deutlich schneller fahren.
Wie stehen die Chancen für das Unternehmen?
Die Anfangsjahre waren schwierig. „Ich habe rund 100 Venture-Capital-Unternehmen in Europa kontaktiert, aber niemand war interessiert“, sagt Hasselskog. Erst als ein Bootmagazin über Candela schrieb, meldete sich ein Geschäftsmann, der rund 400.000 Euro investierte.
Mit diesem Startkapital konnte der 52-Jährige Hasselskog seinen ersten Prototyp bauen und erste Mitarbeiter einstellen. Mittlerweile zählt Candela 230 Beschäftigte. Da es einen großen Markt für die schwebenden Elektrofähren gibt, ist auch das Interesse von Investoren an dem Unternehmen deutlich gestiegen.
Im März dieses Jahres konnte Candela mit der französischen Groupe Beneteau den größten Bootsbauer der Welt als Investor gewinnen. In einer Finanzierungsrunde, an der auch EQT Ventures, Ocean Zero LLC und Kann Dela AB teilnahmen, kamen 25 Millionen Euro zusammen. Verschiedene Finanzierungsrunden brachten bislang rund 70 Millionen Euro ein.
„Die P-12 stellt einen Wendepunkt im nachhaltigen Transport dar“, erklärte Lars Jörnow, Partner bei EQT Ventures, dem größten Investor bei Candela. Wegen des Einstiegs von Beneteau schließt Hasselskog nicht aus, dass die Produktion der Boote ganz oder teilweise in Frankreich stattfinden kann. „Es gibt keine Beschlüsse, aber Beneteau produziert ja knapp 10.000 Boote pro Jahr“, sagt er.
Wie geht es weiter?
Da der wassergebundene öffentliche Nahverkehr für rund drei Prozent der weltweiten CO2-Emissionen steht, haben viele Städte großes Interesse an den elektrischen Fähren. Und Mitbewerber sind bislang Mangelware. Fortune Business Insights schätzt den Markt für batteriebetriebene Schiffe bis 2030 auf rund 14 Milliarden Dollar.
Und immer mehr Städte mit einem Wasserstraßennetz haben Interesse an der P-12 angemeldet. Nach einigen Verzögerungen soll die Fähre in diesem Herbst in Betrieb gehen. Die Stadt Stockholm unterstützt das Projekt.
Auch in Neuseeland soll die elektrische Fähre eingesetzt werden. Verhandlungen werden mit mehr als hundert Städten geführt. Hasselskog gibt sich deshalb optimistisch, dass die Candela-Fähre dem-nächst an vielen Orten emissionsfrei über das Wasser „fliegt“.