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Start-up-CheckBST baut eine Satellitenfabrik in Berlin

Berlin Space Technologies will zum Ende des Jahres Satelliten in Serie bauen. Die Fabrik könnte die größte in Europa werden – und dem Start-up ganz neue Möglichkeiten bieten.Thomas Jahn 17.05.2024 - 07:57 Uhr
Matthias Buhl, Tom Segert und Björn Danziger: Sie studierten an der TU Berlin – und gründeten 2010 das Start-up BST. Foto: BST

Berlin. Temperaturen von minus 80 bis plus 150 Grad – der Satellit Lagari steckt in einer Vakuumkammer, in der Weltraumbedingungen simuliert werden. Von den Temperaturschwankungen ist in dem Testprogramm im Labor im Technologiepark Adlershof in Berlin nicht viel zu merken. Ein Computer tickert vor sich hin, Einsteckkabel laufen kreuz und quer aus einer Modulbatterie, kein Mensch ist weit und breit zu sehen.

„Als wir den Test zum ersten Mal gemacht haben, verbrachten wir ganze Nächte vor der Kammer“, sagt Tom Segert, Chef und Mitgründer von Berlin Space Technologies (BST), einem Spezialisten für Kleinsatellitensysteme und Technik. Heute steuert ein Computerprogramm den Test, den ein Ingenieur aus dem Homeoffice verfolgt. Segert sagt: „Automatisierung ist der Schlüssel.“

Das spart Kosten. Das Raumfahrtunternehmen versucht sie mit Innovation und Pioniergeist zu drücken, wo es nur geht. Beispielsweise beim Hexapod, auf dem der Satellit beim Testverfahren steht und der ihn präzise bewegt. Üblicherweise kostet der eine Viertelmillion Euro. BST baute ihn mithilfe von Garagenmotoren selbst – für insgesamt rund 2500 Euro.

Auf diese Weise fertigt das Start-up Satelliten für einen Bruchteil der sonst in der Raumfahrt üblichen hohen Kosten an. Mit Erfolg: Kunden kommen von überall auf der Welt nach Berlin. BST brachte vor wenigen Monaten den ersten kommerziellen Satelliten Indiens in die Erdumlaufbahn.

Bislang flog das Start-up eher unter dem Radar, finanzierte sich vollständig aus Eigenmitteln. Doch mit einem neuen Großinvestor, dem Bremer Raumfahrtunternehmen OHB, wagt sich BST in neue Dimensionen – und will in der Nähe des Flugfelds Tempelhof eine Fabrik für Satelliten bauen.

Satelliten: Warum ist das wichtig?

Im vergangenen Jahrzehnt verringerten sich die Transportkosten für Satelliten deutlich. Private Anbieter, vor allem SpaceX, bauten preiswerte und wiederverwendbare Raketen. Das senkte die Kosten je ins Weltall gebrachte Nutzlast von mehr als 30.000 US-Dollar auf derzeit rund 6200 Dollar.

Das ermöglicht neue Geschäftsmodelle. So bauen SpaceX mit Starlink oder Amazon mit Kuiper sogenannte Satellitenkonstellationen auf. Mit ihnen ermöglichen sie überall auf der Welt einen schnellen Internetzugang. Die Konstellationen umfassen Zehntausende Satelliten.

Der Lagari-Satellit wird von BST in der thermischen Vakuumkammer auf Herz und Nieren geprüft. Foto: BST

Zahlreiche andere Firmen bauen mittelgroße bis kleinere Satellitenkonstellationen auf, um Erdbeobachtungen wie beispielsweise zum Klimawandel oder für die Landwirtschaft durchzuführen. Laut dem Marktforscher Euroconsult sollen im nächsten Jahrzehnt fast 29.000 Satelliten in die Umlaufbahn gebracht werden. Davon dürfte auch BST profitieren.

Was genau macht BST?

Angefangen hat alles mit einem faltbaren Weltraumteleskop. Für ihren Entwurf gewannen Tom Segert und Björn Danziger einen mit 250 Euro dotierten Preis auf der Berliner Kleinsatellitenkonferenz. Mit dem Geld bauten sie mit einem alten Tchibo-Teleskop und Fahrradschläuchen ein Modell. Das brachte Anerkennung, aber kaum Geld.

Daher kam die Idee auf, Satelliten statt Teleskope zu bauen. 2010 gründeten Segert und Danziger mit Matthias Buhl das Start-up BST. Alle drei hatten an der TU Berlin Raumfahrttechnik und Physik studiert. Der Ansatz bei der Produktion von Satelliten blieb gleich: pragmatisch, simpel und kostengünstig vorzugehen.

In Indien gründete BST 2019 schließlich ein Joint Venture mit Azista Industries, einem Unternehmen der indischen Industriellenfamilie Reddy. Von Azista BST Aerospace gehören den Berlinern 30 Prozent. Das Ziel ist eine Satellitenproduktion in Indien, der erste Satellit ging 2023 in die Umlaufbahn.

Was sagen die Investoren?

Was OHB überzeugt: Satelliten werden von vielen Herstellern bisher maßgeschneidert gebaut, BST entwickelt stattdessen eine Art modulares Baukastensystem. Nach dem Vorbild des PC-Herstellers Dell kann der Kunde seinen Satelliten selbst konfigurieren. Nur dass statt Grafikkarte oder Speichergröße beim Satelliten verschiedene Solarpanels, Batterien oder Rechnerleistungen zur Auswahl stehen.

Mit zwei bis drei Dutzend Modulen will BST den Raumfahrtfirmen eine breite Palette an Satelliten mit verschiedener Funktionalität und Größe anbieten. Zugleich aber standardisiert das Unternehmen mit den Modulen die Produktion, BST kann die einzelnen Komponenten in einer höheren Stückzahl herstellen. Das senkt die Kosten.

Der Lagari-Satellit: Er wird von BST noch im Süden von Berlin zusammengebaut. Künftig soll das in einer Fabrik passieren. Foto: BST

Die Firma zieht bald in eine neue Fabrik in der Nähe des Flugfelds Tempelhof in Berlin um. Dort entstehen in einem ehemaligen Baumarkt für ungefähr 15 Millionen Euro 16 Fertigungslinien bis zum Ende des Jahres. Sie werden insgesamt bis zu 300 Satelliten jährlich herstellen.

Sabine von der Recke, Vorständin bei OHB System, sagt: „BST ist sehr gut aufgestellt mit einem guten Produkt und einem erfahrenen Team.“ Es gebe einen chancenreichen Markt für Kleinsatelliten, so die Managerin. „Der wird sich aber nicht gleichmäßig entwickeln, sondern kann sehr dynamisch sein.“ Daher ergibt das flexible und kostengünstige System von BST Sinn für das Bremer Unternehmen, wie auch der Pioniergeist. „Eine Fabrik in einem Baumarkt in Berlin zu bauen, das passt zu uns.“

Wie geht es weiter?

Steger und sein Team wollen durch ein besseres Design und eine einfachere Konzeption den Satellitenbau weiter beschleunigen. Das Ziel ist es, einen Satelliten innerhalb einer Woche zu integrieren – derzeit dauert das drei Wochen. Das will Steger spätestens 2027 erreichen.

Mit einer Woche Bauzeit für einen Satelliten könnte die Fabrik in Berlin bis zu 1000 Satelliten pro Jahr herstellen – womit es die größte ihrer Art in Europa wäre.

Wie sieht es mit den Kunden aus?

BST wurde bereits für den Aufbau einer Konstellation mit 80 Satelliten als bevorzugter Lieferant ausgewählt. Darüber hinaus verhandelt Segert mit zahlreichen Interessenten über Projekte mit mehreren Hundert Satelliten. „Der Boom rollt erst an“, sagt Segert.

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Die Fabrik spielt in den Gesprächen eine wichtige Rolle. Ohne Produktionserfahrung zögern die Satellitenbetreiber, einem Start-up einen Großauftrag zu geben. „Das ist wie das Henne-Ei-Problem“, sagt Segert. „Die Kunden vertrauen demjenigen am meisten, der bereits Satelliten im All hat und eine Fertigungsstraße besitzt.“

Derzeit beschäftigt BST 50 Mitarbeiter, die Anzahl soll sich bald verdoppeln. In den vergangenen beiden Jahren setzte die Firma jährlich fünf Millionen Euro um. Wenn die Nachfrage stimmt und die Fabrik voll ausgelastet läuft, könnte sich der Umsatz bald in ganz andere Regionen bewegen.

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