Die neuen Gründer – Berlin Space Technologies: Quadratisch, praktisch, billig
4,5 Millionen Euro Umsatz werden bis zum Jahresende erwartet.
Foto: HandelsblattBerlin. Wenn am heutigen Mittwoch auf der Halbinsel Sriharikota im Südosten von Indien die Rakete PSLV-C29 zu ihrem Flug ins Universum abhebt, hat sie neben jeder Menge Technik auch Träume mit an Bord. Den Traum des Staates Singapur zum Beispiel, der sich zum 50. Jahrestag seiner Unabhängigkeit eine eigene Weltraum-Mission gegönnt hat, die Fortschritt und Leistung der Nation zur Schau stellt. Und auch den Traum von Tom Segert, 36, Ingenieur und Unternehmer aus Berlin.
Sein Start-up hat den Satelliten Kent-Ridge-1 gebaut, den PSLV-C29 ins All befördern soll. Er wird im Auftrag der National University of Singapore die Welt von oben fotografieren. Wenn der Start gelingt, ist Berlin Space Technologies einen großen Schritt weiter auf dem Weg zu Segerts Ziel: Mit einer 24-Mann-Firma mit den Großen der Raumfahrtindustrie konkurrieren.
Das Bestechende an den Satelliten von Berlin Space Technologies ist ihr Preis: Ein 80-Kilo-Satellit kostet in der traditionellen Raumfahrtindustrie um die 40 Millionen Euro, rechnet Segert vor. Bezahlbar ist das nur für große, staatliche Raumfahrtagenturen wie die europäische ESA oder die amerikanische Nasa.
An Bord ein Satellit aus Berlin.
Foto: dpa
Raumfahrt wird für ärmere Staaten finanzierbar
Berlin Space Technologies verlangt nur fünf Millionen Euro, inklusive Raketenstart. Zielgruppe sind Schwellenländer wie Indien oder eben Stadtstaaten wie Singapur – und die Privatindustrie.
Mit ihren Billig-Satelliten sind Tom Segert und seine Mitgründer Matthias Buhl und Björn Danziger Teil einer neuen Generation von Raumfahrtunternehmen, die sich mit schlanken Strukturen und pragmatischen Ansätzen anschicken, das Weltall für alle zu öffnen. Gerd Gruppe, Vorstand des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt begrüßt, dass kleine Unternehmen größere herausfordern und das Weltall für immer mehr Zwecke zugänglich machen. „Wenn die Segerts dieser Welt sich durchsetzen“, sagt Gruppe, „wird die Nachfrage steigen und werden die Preise sinken. Das ist gut für die Raumfahrt.“ Aufwendige Forschungsvorhaben bedürften zwar nach wie vor höchster Sicherheitsstandards, bei kleineren Projekten dürfe man ruhig auch mal pragmatisch herangehen.
Angefangen hat alles mit dem Traum von einem faltbaren Weltraumteleskop. Für ihren Entwurf gewannen Segert und sein Kollege Danziger, mit dem er gemeinsam an der Technischen Universität Berlin studiert hatte, einen mit 250 Euro dotierten Preis auf der Berliner Kleinsatellitenkonferenz. Mit dem Geld gingen sie auf den Schrottplatz, erwarben ein altes Tchibo-Teleskop und ein paar Fahrradschläuche.
Konkurrenz für Airbus und OHB
Das Modell brachte Anerkennung, aber kaum Geld, weshalb sie sich auf den Bau von Satelliten verlegten. Ihrem Ansatz sind sie aber treu geblieben: pragmatisch, simpel, kostengünstig. Zunächst beschäftigten sich die Gründer mit kleineren Projekten, einer Sternkamera etwa, die sie im Auftrag eines kanadischen Unternehmens bauten und die sich heute auf der internationalen Raumstation ISS befindet. Kent-Ridge-1 ist ihr erster Satellit, ein zweiter ist bereits in Arbeit, für einen Auftraggeber aus dem Nahen Osten. Die Herstellung kompletter Satellitensysteme war bis dahin zwei großen Unternehmen in Deutschland vorbehalten war: Airbus und dem Bremer Familienunternehmen OHB.
Tom Segert sitzt in einer schmucklosen Büroküche im Technologiepark Adlershof und legt drei identisch aussehende Schokoriegel auf den Tisch. „Wenn Sie für die Esa Komponenten einkaufen, reicht es nicht, eine oder zwei zu testen, um sicherzugehen, dass die Charge in Ordnung ist“ , sagt Segert. Man müsse einhundert Stück einkaufen und 21 davon zerstören. Das mache die Endprodukte so teuer.
Berlin Space Technologies garantiert seinen Kunden eine Sicherheitsquote von 80 Prozent. Den großen Raumfahrtagenturen ist das zu wenig. Sie verlangen eine Garantiequote von nahezu hundert Prozent. Die letzten zwanzig Prozent aber seien am teuersten, erklärt Segert. Und bei seinen Preisen könnten die Kunden auch einen Ersatzsatelliten kaufen.
Teuer ist die Raumfahrtindustrie bislang auch, weil die Stückzahlen so klein sind. Eine Rotationseinheit, an der man einen Satelliten befestigen kann, so dass er von allen Seiten zugänglich ist, kostet an die 100.000 Euro, sagt Segert. Dabei stehen ähnliche Geräte in jeder Autowerkstatt herum. Sie fanden eines für 2500 Euro, das sich leicht für ihre Bedürfnisse umbauen ließ.
Kreditfreie Eigenfinanzierung
Wie kommen drei Studenten auf die Idee, ein System infrage zu stellen, das auf jahrzehntelangen Strukturen beruht und in dem etablierte Unternehmen mit einem Vielfachen an Mitarbeitern dominieren? Für Tom Segert ist das nichts, was ihm Angst einjagt, er ist in Ost-Berlin aufgewachsen. Als die Mauer fiel, war er zehn. Er saß mit am Tisch, wenn seine Eltern, Professoren für Philosophie und Soziologie, über den Untergang des Systems sprachen. „Wenn man sieht, wie ein Staat verschwindet, verliert man den Respekt vor Institutionen“, sagt Segert. Eine Gesellschaft, das sei nichts anderes als ein Traum, der von vielen geträumt werde.
Nicht einen Cent Risikokapital hat Berlin Space Technologies bislang erhalten und keinen einzigen Kredit aufgenommen. Die Gründer finanzieren alles aus den laufenden Einnahmen. 4,5 Millionen Euro Umsatz erwarten sie für das Jahr, das gerade zu Ende geht, doppelt so viel wie im Vorjahr und fast hundertmal so viel wie noch 2012. Es hat Segert viel Anstrengung gekostet, die Kunden davon zu überzeugen, dass sie das Geld bezahlen sollten, bevor der Satellit fertig war.
Und es gab Rückschläge, mehrfach. Wie im Jahr 2011, als ein Vertrag mit einem russischen Auftraggeber kurzfristig platzte. Zwei Jahre hatten sie verhandelt unter dem damaligen Präsidenten Dmitrij Medwedjew. Dann kehrte Wladimir Putin in das Amt zurück. Der Chef des Auftraggebers wurde ausgewechselt. Der Neue wollte mit dem Projekt nichts zu tun haben. Tom Segert fuhr ein paar Tage ans Meer, er schrie sich seinen Frust heraus, dann wurde er wieder pragmatisch. „Wir sind jedes Jahr einmal gescheitert“, so sieht er es heute, „aber jedes Jahr an einem größeren Projekt.“ Wenn es schon einen Wladimir Putin brauche, um sie aufzuhalten, dann sei das der Beweis dafür, dass sie etwas richtig machen.