Kommentar: Deutschland braucht eine Mentalitätswende – auch im Management

Es gibt da eine Erzählung, auf die sich gerade fast alle einigen können, sieht man vielleicht von Bundeskanzler Olaf Scholz ab: Wirtschaftlich läuft es mies in Deutschland, schlechter noch als in allen anderen großen Industrieländern. Und es wird auch so lange nicht laufen, bis, ja bis endlich die Rahmenbedingungen stimmen.
Diese Erzählung können Sie beliebig mit den Sätzen fortsetzen: „Weil die Steuern zu hoch sind“, „weil die Bürokratie aus dem Ruder gelaufen ist“ und „weil Energie zu teuer“ ist. Und diese Geschichte ist ja auch nicht ganz falsch.
Es gibt aber auch eine andere Erzählung. Sie handelt von einem Land, das sich allzu gern hinter diesen sogenannten Rahmenbedingungen versteckt, die ja ach so vieles behindern, und von einem Land, das sich in den vergangenen Jahren sehr an den anstrengungslosen Erfolg gewöhnt hat.
Die Deutschen haben sich daran gewöhnt, dass andere die unangenehmen Jobs machen
Die deutsche Wirtschaft hat ein goldenes Jahrzehnt hinter sich. Unternehmen konnten Autos, Anlagen, Maschinen und chemische Produkte in alle Welt verkaufen, vor allem aber nach China. In jenes Land, das zwei Jahrhunderte Industrialisierung in wenigen Dekaden nachholte – mithilfe von deutschem Equipment. Und die Bundesregierung konnte jedes Jahr neue Rekord-Steuereinnahmen verbuchen.
In dieser Zeit haben sich die Deutschen daran gewöhnt, dass andere ihnen viele unangenehme Jobs abnehmen. Nicht nur die Sicherheitsfragen, die an die USA outgesourct wurden, oder das Migrationsproblem, das die Türkei lange mit einem Flüchtlingsabkommen für Europa regelte.
Die deutsche Wirtschaft produzierte über Jahre mit chinesischen Partnern zu Bedingungen, die daheim umwelt- und arbeitsrechtlich längst verboten gewesen wären. Ganz nebenbei linderten die Chinesen mit ihrer Nachfrage den Transformationsdruck gleich mehrerer Branchen in Deutschland. Warum digitalisieren? Wir schaffen doch schon kaum noch, das Tagesgeschäft abzuarbeiten. Und wenn es wirtschaftlich dann mal schlechter lief, darauf konnten sich die Unternehmen stets verlassen, kam die Bundesregierung mit ihrem Erste-Beihilfe-Koffer.
Das macht etwas mit der Mentalität. In der Politik. Aber auch in den Unternehmen. Nehmen wir das Beispiel eines größeren Automobilzulieferers. Seit einiger Zeit schon steckte das Unternehmen in der Krise. Schließlich rief die Unternehmensführung einen renommierten Berater zur Hilfe, der mit der zweiten Managementebene einen Plan für die Zukunft des Unternehmens entwickeln sollte.
Doch das ging gründlich daneben, erinnert sich einer, der dabei war: „Das erste Treffen war wie in einem Konzert.“ Bei dem Termin saßen die hochbezahlten Manager einfach da und warteten auf die Präsentation einer fertigen Lösung. Als der Berater dann sagte, dass er den Plan nun mit ihnen zusammen entwickeln werde, gab es Protest. So eine Reise ins Ungewisse, nein, das sei nun wirklich nicht der Deal gewesen.
Das ist nur eine kleine Geschichte, die aber für eine Haltung steht, die in vielen Bereichen der Wirtschaft zu beobachten ist, wie unser großer Titelreport „Die Null-Bock-Nation“ zeigt.
Dazu passt auch, dass einige Wirtschaftsvertreter, die sonst gern von einem schlanken Staat sprechen, neuerdings immer lauter um Hilfe aus der Politik rufen. Aber mal die Komfortzone verlassen? Puh ... Mutig an der eigenen Zukunft arbeiten? Bis zur Rente wird’s schon noch irgendwie ohne große Veränderungen gehen ... Das war jahrelang die Haltung von Industrievertretern, auch in der deutschen Leitbranche, der Autoindustrie. Die Quittung dafür kommt nun per BYD-Frachter aus China in Bremerhaven an.
Nicht, dass hier Missverständnisse aufkommen: Die Probleme der deutschen Wirtschaft sind groß. Der grüne Umbau der Industrie, die digitale Transformation der Unternehmen sind jeweils schon Jahrhundertprojekte. In Deutschland wäre eine politische Reformagenda gerade deshalb dringend nötig, das haben wir im Handelsblatt mehrfach ausführlich beschrieben.
Die politische Klasse ist immer auch ein Abbild des Landes
Weil es hier kaum Impulse gibt, muss man die Politik kritisieren. Aber die politische Klasse ist immer auch ein Abbild des Landes, das sie repräsentiert. Wer also (zu Recht) die Politik als mut- und planlos kritisiert, der kritisiert auch sich selbst.
Die Politik wird all diese Probleme aber nicht allein lösen können. Die anstehenden Transformationen sind so gewaltig, dass sie sich nur mit Innovationsfreude, unternehmerischen Visionen und vor allem Mut bewältigen lassen. Mit Firmen, die ihre grünen Technologie-Innovationen in alle Welt exportieren, Unternehmer, die an neuen Formen der Energieerzeugung forschen, und Technologie-Pionieren, die den enormen Datenschatz der Industrie für neue KI-Anwendungen endlich heben.
All das passiert aber nicht in einer Gesellschaft, die sich damit zufriedengibt, kleinmütig über die Rahmenbedingungen zu jammern.
Seit Jahren gehört es zum Baukasten der Tagespolitik, Wendepunkte auszurufen. Die Energiewende. Die Zeitenwende. Neuerdings auch die Wirtschaftswende. Dabei haben wir aber vielleicht zu lange übersehen, dass Deutschland zunächst eine ganz andere Wende braucht: nämlich eine Mentalitätswende.
