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NahtoderfahrungenWarum zieht unser Leben an uns vorbei, wenn wir sterben?

Sie sehen goldene Lichter, göttliche Wesen oder sich selbst von oben: Wer eine Nahtoderfahrung macht, erlebt Unvergleichliches. Wie Neurologen das Phänomen erklären.Benjamin Ansari 15.07.2024 - 10:35 Uhr
Betroffene auf der ganzen Welt berichten im Bezug auf Nahtoderfahrungen Ähnliches. Foto: pawel szvmanski / unsplash

Frankfurt. Sie begegnen verstorbenen Angehörigen oder göttlichen Wesen. Sie sehen ein goldenes Licht am Ende eines Tunnels. Sie verlassen den eigenen Körper, schweben wie eine Feder hinauf in den Himmel und blicken auf sich und die Welt hinab. Sie sind dabei frei von Schmerz, dafür unheimlich beseelt, geborgen, glücklich und friedvoll. Ihr Leben  läuft wie ein rasanter Film vor dem inneren Auge ab.

So schildern Menschen die Erfahrungen, die sie an der Schwelle zwischen Leben und Tod gemacht haben. Sogenannte Nahtoderfahrungen umfassen oft mystische, übernatürliche Phänomene wie ein losgelöstes Bewusstsein, außerkörperliche Erfahrungen oder den berühmten Lebensrückblick vor dem inneren Auge.

Was daran erstaunlich ist: Die Berichte von Betroffenen weisen oft große Parallelen auf. Menschen, die dem Tod sehr nahe waren, sehen millionenfach und auf der ganzen Welt annähernd ähnliche Bilder und machen relativ ähnliche Erfahrungen – unabhängig von Alter, Kultur, Geschlecht, Bildungsgrad oder Religionszugehörigkeit. Bei Nahtoderfahrungen scheint es sich also um universelle Phänomene zu handeln, die tief in der menschlichen Neurologie verankert sind.

Allein in Deutschland haben schon etwa 3,3 Millionen Menschen Nahtoderfahrungen gemacht. Für viele sind sie das schönste Erlebnis, das sie je hatten, spirituelle Grenzerfahrungen, die das ganze Leben verändern. Betroffene erfahren mitunter tiefgreifende und dauerhafte Veränderungen ihrer Persönlichkeit, werden der Schönheit dieser Welt gewahr, verlieren die Angst vor dem Tod, setzen fortan andere Prioritäten in ihrem Leben.

Die Erforschung des Phänomens ist komplex

Doch was passiert bei Nahtoderfahrungen genau? Warum zieht unser Leben an uns vorbei, wenn wir sterben? Wie erklären Neurowissenschaften und Bewusstseinsforschung das, was da im Gehirn so abläuft?

Eine endgültige naturwissenschaftliche Erklärung für das Phänomen gibt es nicht. Wie auch? Studien gestalten sich schwierig. Schließlich können gerade Verstorbene nicht mehr berichten, was sie an der Schwelle von Leben und Tod erlebt haben. Und Menschen, die sich gerade so noch dem Tod entzogen haben, sind nicht wirklich gestorben. Das noch aktive Gehirn könnte die Bilder, Halluzinationen und Phänomene im Kopf ausgelöst haben.

Was beim Sterben im Hirn passiert

Wenn ein Mensch stirbt, sein Herz beim klinischen Tod stillsteht, zirkuliert kein Blut mehr durch seinen Körper. Organe wie das Gehirn werden nicht mehr mit genug Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Fünf Minuten lang kann das Gehirn ohne Sauerstoff auskommen, danach sterben Nervenzellen ab. Es drohen irreversible Schäden und letztlich der Hirntod. Unser Hirn wechselt in diesem Zustand akuten Sauerstoffmangels in eine Art Überlebensmodus.

Die Hirnaktivität verändert sich stark, zeigt eine aktuelle Studie von Neurologen der University of Michigan. Die Wissenschaftler analysierten die Hirnaktivität von vier komatösen, im Sterben liegenden Patienten mithilfe der Hirnstrommessung Elektroenzephalographie (EEG).

Das Ergebnis der Studie: Kurz vor dem Tod ist das Hirn in diversen Hirnarealen noch mal besonders aktiv. So zeigten zwei der vier Sterbenden eine gesteigerte interhemisphärische Konnektivität, also eine erhöhte Verknüpfung verschiedener Hirnregionen. Laut den Forschern seien solche Verbindungen beim Aufrufen von Erinnerungen, der bewussten Wahrnehmung sowie der Integration von Informationen besonders wichtig.

Dazu stieg die Anzahl sogenannter Gammawellen signifikant an, vor allem in der hinteren Region des Gehirns, die Forscher mit Träumen und veränderten Bewusstseinszuständen in Verbindung bringen. Gammawellen sind die schnellsten Gehirnwellen, die bei starker geistiger Anstrengung, Meditation oder Zuständen stark erhöhter Aufmerksamkeit auftreten.

Gammawellen-Schübe könnten Nahtoderfahrungen auslösen

Diese Gammawellen-Schübe fanden dabei auch in der sogenannten Temporo-Parietal-Occipital-Verbindung (TPO) statt: Dieses Hirnareal wird während Träumen, Anfällen und außerkörperlichen Halluzinationen aktiviert und soll am Bewusstsein beteiligt sein. Im Gehirn der Sterbenden zeigten sich in der Studie somit ähnliche Gammawellen-Signaturen, wie sie auch beim Träumen, bei Halluzinationen oder einigen Epilepsien auftreten.

Selbst als das Herz der Patienten nicht mehr schlug, habe dieser Aktivitätsausbruch noch angehalten. Bei einem der Patienten sei die Produktion dieser Gammawellen kurz vor dem Tod gar auf das Dreihundertfache der vorherigen Werte gestiegen.

Ob die vier untersuchten Sterbenden eine Art Nahtoderfahrung durchlebten, bleibt leider offen, da alle trotz Wiederbelebungsmaßnahmen verstarben. Dennoch vermuten die Forscher, dass diese intensive Gammawellen-Aktivität in verschiedenen, miteinander vernetzten Hirnregionen Nahtoderfahrungen auslösen könnte.

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Das passiert im Gehirn, wenn man keine Nachrichten mehr liest

Dass Gammawellen-Schübe durch einen beim Herzstillstand eintretenden Sauerstoffmangel im Gehirn verursacht werden, hat dazu auch eine Studie der Charité in Berlin belegt.

Sauerstoffmangel führt zu Hirnfunktionsstörung

Dass die neuronale Aktivität beim Sterben noch einmal rapide ansteigt und das Gehirn dann ungewöhnliche Gehirnwellenmuster erzeugt, wiesen Forscher zudem auch bei Mäusen nach, die den Hirntod erlitten hatten.

All das spräche also dafür, dass Nahtoderfahrungen das Ergebnis einer Art Hirnfunktionsstörung aufgrund von Sauerstoffmangel sind. Dass es sich bei ihnen um neurologische Erscheinungen und Phänomene handelt, ausgelöst durch Sauerstoffmangel, Gammawellen-Schübe und neuronale Überaktivität.

Es scheint also einen biologischen Mechanismus zu geben, der dazu führt, dass das Gehirn in den letzten Lebensmomenten erinnerungswürdige Ereignisse in schneller Abfolge wieder abspielt. Doch wie das Gehirn das genau macht, sei laut der an der US-Studie beteiligten Neurologin Nusha Mihaylova weiterhin „eines der größten Rätsel der Neurowissenschaften“.

Und wird es wohl auch erst mal bleiben.

Traurig muss das nicht sein – eher tröstlich: Zwar werden wir Menschen nie ganz wissen können, was uns mit dem Tode ereilt. Doch wir dürfen darauf vertrauen, dass wir selbst im Schrecklichsten aller Momente meist einer sehr schönen Erfahrung gewahr werden, die uns zurückblicken lässt auf das, was hinter uns liegt, auf dass wir Frieden finden und gehen können in diese neue, fremde Welt.

Erstpublikation: 12.07.2024, 08:03 Uhr.

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