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EditorialUnser Sommermärchen heißt Dornröschen

Zum EM-Start erlebt die Welt ein Gastgeberland, das sich seit dem Sommermärchen 2006 kaum weiterentwickelt hat. Wir können uns hier ja nicht mal darauf einigen, was überhaupt das Problem ist.Sebastian Matthes 21.06.2024 - 08:43 Uhr
Handelsblatt-Chefredakteur Sebastian Matthes Foto: Max Brunnert für Handelsblatt

2006 hat Deutschland die WM gewonnen, ohne sie als Fußballweltmeister zu beenden. Die Gäste haben damals ein Land erlebt, das in all jenen Kategorien überraschte, die gemeinhin als Softpower bezeichnet werden – bis hin zu Dingen, die den Deutschen bis dahin nicht zugetraut wurden: Freundlichkeit zum Beispiel. Es war ein wunderbarer Sommer, in dem Deutschland die Welt und ein bisschen auch sich selbst begeistert hat.

Heute ist nicht einmal mehr gewährleistet, dass die Fans in den Stunden nach dem Abpfiff die Heimfahrt antreten können, weil Busse und Bahnen sie nicht mitnehmen. Aus Gründen, die für alle Deutschen natürlich völlig normal geworden sind: Weil der Lokführer Viertagewoche hat, die Türen mal wieder defekt sind oder wegen der berüchtigten „Verspätung aus vorangegangener Fahrt“, also einer Verspätung wegen einer Verspätung. Im Jahr 2024 ist dies die vielleicht deutscheste Formulierung überhaupt.

Ein anderer deutscher Begriff, den man kennen sollte, um unsere derzeitige Lage zu verstehen, lautet „Ersatzinvestition“. Die sind im Infrastrukturbereich in Deutschland allzu oft ausgeblieben, weil wechselnde Bundesregierungen es vorzogen, seit 2006 Jahr für Jahr die auf Rekordhöhen gestiegenen Staatseinnahmen zu verkonsumieren – für Mütterrente, Bürgergeld und die Rente mit 63. Die teilweise mehr als hundert Jahre alten Stellwerke der Deutschen Bahn und die vielen verfallenen Brücken sind ein rostiger Beleg dafür. All das lässt sich in nüchternen Zahlen von Ökonomen messen – und nun auch in den enttäuschten Social-Media-Reaktionen der Fußballfans.

Nach dem EM-Spiel in Gelsenkirchen: Viele englische Fans erreichten erst spät ihre Unterkunft. Foto: Reuters

„Vergessen Sie alles, was Sie über deutsche Effizienz zu wissen glaubten“, titelte die Sportrubrik der „New York Times“. Auch wenn das Turnier gerade erst beginnt, die deutsche Mannschaft einen Traumstart hatte und auch sonst sportlich zahlreiche Highlights zu sehen waren, definiert „German Schienenersatzverkehr“ schon jetzt auch das Lebensgefühl dieses Turniers. Oder „German EC-Karte“ (wenn man überhaupt mal mit Karte zahlen kann).

Die Welt blickt auf ein Land, das sich seit dem Sommermärchen erstaunlich wenig verändert hat. Und wenn, dann nicht immer zum Guten. Das Wirtschaftswachstum lag damals bei 3,8 Prozent (dieses Jahr rechnet die Bundesregierung mit 0,3 Prozent) und, ja, auch die Züge waren pünktlicher.

Allerdings nur gemäß der Deutsche-Bahn-Definition, nach der ausgefallene Züge nicht als verspätet zählen, weil sie ja nicht zu spät angekommen sind – sondern gar nicht. Manchmal wünsche ich mir, dass Bahnchef Richard Lutz diese Logik nachts um eins auf dem Gelsenkirchener Hauptbahnhof mal einer Gruppe aufgebrachter englischer Fans erklären muss.

Die Welt erlebt aber auch ein Land, das sich nicht einmal darauf einigen kann, was eigentlich das Problem ist. Nicht nur, weil Städte, in denen das Chaos besonders groß war, der Meinung sind, eigentlich sei „alles perfekt gelaufen“, wie in Gelsenkirchen zum Beispiel. Dieses Phänomen ist überall zu beobachten.

Klar, die Wirtschaft tut sich schwer. Aber da geht es mit den unterschiedlichen Auffassungen schon los. Die einen meinen, das wird schon alles wieder werden, wenn man nur fest dran glaubt (Olaf Scholz). Andere argumentieren, der Staat müsse Milliardengeschenke verteilen (Grüne, SPD, BDI). Und dann gibt es eine wachsende Gruppe von Menschen, die den nahenden Untergang ohnehin für unabwendbar halten (Deutsche-Börse-Chef Theo Weimer).

Dabei übersehen wir das Eigentliche, dass Deutschland nämlich auch ein Mentalitätsproblem hat.

Als ich vor einigen Monaten mit dem Inhaber eines mittelständischen Maschinenbauers über die nun anstehende Transformation der Wirtschaft und seines Geschäfts sprach, gab er unumwunden zu, dass er bei digitalen Fragen vieles verpasst hätte. Warum? Weil sein Unternehmen in den vergangenen Jahren einfach zu viel damit zu tun gehabt habe, all die Aufträge abzuarbeiten, die bei ihm eingingen. Und solche Fälle gibt es viele. Dadurch ist die deutsche Wirtschaft in digitalen Fragen immer weiter zurückgefallen. Gerade kleinere und mittelgroße Unternehmen tun sich mit der Digitalisierung schwer, und das hat erst einmal nicht so viel mit der Politik zu tun.

Viele waren in der Gegenwart so erfolgreich, dass sie keine Zeit hatten, sich mit der Zukunft zu beschäftigen. Nun fehlen Unternehmen häufig die digitalen Köpfe und die Strategien für die großen technologischen Disruptionen der Zukunft.

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In der Politik lief es lange Jahre ähnlich. Weil die Wirtschaft wuchs und die Unternehmen immer mehr Gewinne machten, konnten die Finanzminister in Berlin Jahr für Jahr neue Ausgabenwünsche erfüllen. Und die Koalitionen konnten alle aufkommenden Probleme und Streitfragen mit immer neuen Wohltaten und abertausenden neuen Stellen in der Verwaltung lösen. Dabei ist die Zukunft aus dem Blick geraten. Während immer neue Milliarden in soziale Projekte gesteckt wurden, verfiel die Infrastruktur, was Fußballfans aus ganz Europa nun zu spüren bekommen.

Nur die deutsche Nationalmannschaft scheint ihr Mentalitätsproblem, oder was immer es für eines war, pünktlich zum Turnier überwunden zu haben. Vielleicht kann das Land ja etwas lernen von Ilkay Gündogan und seiner Truppe. Immerhin dürfte der deutsche Mannschaftskapitän einer der berühmtesten Gelsenkirchener aller Zeiten sein.

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