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Moskau-ReiseModi bei Putin – Indien will Chinas Einfluss auf Russland begrenzen

Indiens Premierminister will in Moskau die militärische Kooperation mit Russland vertiefen – trotz des Ukrainekriegs. Er will damit eine andere Weltmacht ausstechen.Mathias Peer 08.07.2024 - 04:24 Uhr
Archivbild von Narendra Modi und Wladimir Putin: Beim bisher letzten Treffen in Usbekistan im Jahr 2022 ging Indiens Regierungschef vorsichtig auf Distanz zum Kreml. Das könnte sich nun ändern. Foto: AP

Bangkok. Der Zeitpunkt von Narendra Modis Reise nach Moskau ist für Russlands Propaganda fast perfekt. Am Montag trifft Indiens Regierungschef zu seinem ersten Besuch bei Wladimir Putin seit Beginn des Ukrainekriegs ein. Nur wenige Tage nachdem Ungarns Regierungschef Viktor Orban im Kreml empfangen wurde – und nur einen Tag vor Beginn des Nato-Gipfels in Washington.

Während dort das westliche Verteidigungsbündnis darüber beraten will, wie es künftig besser auf Russlands Aggression reagieren kann, demonstriert der Kreml-Herrscher mit dem Empfang Modis außenpolitische Stärke. Auch zweieinhalb Jahre nach Beginn des Angriffskriegs in der Ukraine sei Russland alles andere als international isoliert, lautet die unterschwellige Botschaft des geplanten Treffens.

Modi setzt mit der auf zwei Tage angesetzten Russland-Visite einen Balanceakt fort. Er möchte Indien als verlässlichen Partner des Westens positionieren, wovon er sich unter anderem Vorteile für den wirtschaftlichen Aufstieg seines Landes verspricht. Gleichzeitig will er aber an dem seit Jahrzehnten engen Verhältnis mit der Regierung in Moskau festhalten, was Indien bereits seit Sowjetzeiten einen einfachen Zugang zu Rüstungsgütern ermöglicht.

Indiens Außenpolitik zielte zuletzt darauf ab, keine der Seiten zu verschrecken: Die Regierung in Neu-Delhi weigerte sich, Russlands Einmarsch in die Ukraine zu verurteilen. Sie gehörte auch zu den wenigen Staaten, die der Abschlusserklärung der Ukraine-Friedenskonferenz in der Schweiz nicht zustimmen wollten.

Zumindest oberflächlich ging Modi aber auch auf Distanz zu Putin: Beim bislang letzten Treffen am Rande eines Gipfels in Usbekistan vor knapp zwei Jahren sagte Indiens Premier zu ihm, die Gegenwart sei „kein Zeitalter des Krieges“. Die Formulierung wurde als indirekte Kritik des russischen Vorgehens verstanden.

Indien sorgt sich wegen Russlands Nähe zu China

Zudem setzte Indien die seit der Jahrtausendwende jährlich stattfindenden bilateralen Gespräche auf Ebene der Staats- und Regierungschefs zwischen Russland und Indien aus. Das letzte Treffen in dem Format fand im Dezember 2021 statt – wenige Monate vor Beginn der russischen Ukraineoffensive.

Beobachter sehen aber einen besonderen Grund dafür, dass Modi die „besondere und privilegierte strategische Partnerschaft“, die Russland und Indien bereits vor mehr als einem Jahrzehnt beschlossen haben, offenbar wieder in vollem Umfang ausleben möchte: Russlands zunehmend enge Beziehung zu China. Denn Indien begreift die Volksrepublik als seinen größten geopolitischen Rivalen.

„Indien ist besorgt, dass der Druck des Westens auf Russland dazu führt, dass die Regierung in Moskau immer abhängiger von China wird“, kommentiert Gulshan Sachdeva, Professor für Europastudien an der Jawaharlal-Nehru-Universität in Neu-Delhi. Aus indischer Sicht sei ein starkes Russland aber notwendig, um eine multipolare Weltordnung zu erhalten.

Modi hofft besonders bei Indiens Grenzkonflikt mit China, bei dem es im Jahr 2020 zu tödlichen Auseinandersetzungen kam, die Unterstützung Russlands nicht zu verlieren. Bei seinem Besuch will er demonstrieren, was sein Land dem Kreml zu bieten hat.

Chinas Staatsschef Xi Jinping und Kremlchef Wladimir Putin: Indien sorgt sich wegen Russlands Nähe zu China. Foto: IMAGO/SNA

Ein wichtiger Teil der Gespräche dürften dabei die Versuche beider Länder sein, militärisch enger zu kooperieren. Im Gespräch ist nach Berichten indischer und russischer Medien ein Abkommen, das die Grundlage für gemeinsame Truppenentsendungen schaffen soll. Vorgesehen ist demnach auch die Möglichkeit eines Einsatzes von Kriegsschiffen und Kampfflugzeugen im Territorium des jeweils anderen Partnerstaats. Zudem arbeiten die Atommächte an einer Kooperation bei der Militärlogistik, die wechselseitigen Zugang zu Häfen und Militärbasen ermöglichen soll.

In den USA stößt die Aussicht auf eine Vertiefung der indisch-russischen Militärzusammenarbeit auf Kritik – öffentlich vorgetragen wird diese aber nur vorsichtig. „Wir haben einige Bedenken geäußert“, sagte der stellvertretende US-Außenminister Kurt Campbell Ende Juni in einer Pressekonferenz auf die Frage nach den Auswirkungen von Indiens Partnerschaft mit Russland. Er fügte hinzu: Es sei nicht überraschend, dass man gelegentlich unterschiedlicher Meinung sei. Nötig sei es, Meinungsverschiedenheiten respektvoll anzusprechen.

Russland ist Indiens wichtigster Waffenlieferant

Die Regierung in Neu-Delhi reagierte in der Vergangenheit empfindlich auf Ermahnungen aus dem Westen und verweist auf ihre Politik der strategischen Autonomie. Die besagt, dass Indien sich keinem Block anschließen möchte und seine Außenpolitik allein an den eigenen nationalen Interessen ausrichtet.

In den vergangenen Jahren bedeutete dies, dass Indien nicht nur eine Beteiligung an Russland-Sanktionen ablehnte, sondern seine Geschäfte mit Russland sogar ausbaute. Das Land wurde neben China zum Hauptabnehmer russischen Öls, das es am Weltmarkt deutlich günstiger einkaufen kann als Konkurrenzprodukte.

In den ersten beiden Jahren nach Kriegsbeginn sparte Indien durch den Wechsel auf russisches Öl mehr als 13 Milliarden Dollar, wie eine Studie des indischen Finanzdatenanalysten ICRA ergab. Russland gewährt die Preisabschläge, um sein Öl angesichts des westlichen Boykotts überhaupt verkaufen zu können.

Auch an den Rüstungsgeschäften mit Russland will Indien festhalten. Thema der Gespräche von Modi und Putin soll Medienberichten zufolge unter anderem sein, dass die Länder gemeinsam einen Kampfjet entwickeln. Bereits wenige Tage vor dem Treffen kündigte der staatliche russische Rüstungskonzern Rostec an, künftig Panzermunition in Indien zu fertigen. Zudem will das Unternehmen dort auch Schießpulver herstellen.

36
Prozent
seiner Rüstungsgüter importierte Indien in den vergangenen fünf Jahren aus Russland.

Russland ist nach wie vor Indiens wichtigster Waffenlieferant. Zuletzt ging die Bedeutung des Landes bei Beschaffungsprojekten des indischen Militärs aber deutlich zurück: In den vergangenen fünf Jahren importierte Indien nach Daten des Friedensforschungsinstituts Sipri 36 Prozent seiner Rüstungsgüter aus Russland – im vorigen Fünfjahreszeitraum stammten noch 58 Prozent der indischen Waffenkäufe aus russischer Produktion. „Indien hat sich stattdessen an westliche Lieferanten gewandt“, stellte Sipri fest.

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Besonders die USA bringen sich als Rüstungsalternative für Indien in Position. Anfang des Jahres stimmte das US-Außenministerium dem Verkauf von 31 Kampfdrohnen und Raketen im Wert von vier Milliarden Dollar an Indien zu.

Grenzenlos ist die US-Zusammenarbeit mit Indien aber nicht: Die US-Regierung sei sich im Klaren darüber, dass bestimmte Kooperationsbereiche von den anhaltenden Beziehungen zwischen Indien und Russland in militärischer und technologischer Hinsicht betroffen seien, sagte Vizeaußenminister Campbell. Er betonte aber auch: „Gleichzeitig haben wir Zuversicht und Vertrauen in Indien.“

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