Morning Briefing: Vom Trump-Verächter zum Trump-Vasall
Ein Mann mit vielen Gesichtern: J.D. Vance ist Trumps „Running Mate“
Liebe Leserinnen und Leser,
Donald Trump zieht mit James David „J.D.“ Vance an seiner Seite in die US-Präsidentschaftswahl. Der Senator aus Ohio ist Trumps Kandidat für die Vizepräsidentschaft, wie gestern zunächst Trumps Online-Plattform Truth Social meldete. Auf dem Parteitag der Republikaner in Milwaukee wurden Trump und Vance kurz darauf offiziell zum Kandidaten-Paar gekürt.
Wenige Minuten nachdem der Name in der Welt war, habe ich mit unserer US-Korrespondentin Annett Meiritz telefoniert, die vom Parteitag berichtet. Ihre spontane Reaktion:
- Vance ist ein entschiedener Kritiker der Ukraine-Hilfen der USA. „Es ist mir ziemlich egal, was mit der Ukraine passiert“, sagte er im Podcast des früheren Trump-Beraters Steve Bannon.
- Vance wird laut Einschätzung meiner Kollegin massiv auf höhere Verteidigungsausgaben der europäischen Nato-Staaten drängen: „Die zwei Prozent der Wirtschaftsleistung, die Deutschland jetzt erfüllt, werden ihm auf keinen Fall genug sein.“
Zugleich ist J.D. Vance einer der faszinierendsten politischen Köpfe der USA. Aufgewachsen im ländlichen Unterschichtsmilieu wurde er nach eigenen Aussagen erst durch den Dienst bei den US Marines auf die richtige Spur gebracht. Er studierte Jura, promovierte in Yale und startete eine Karriere in der Wagniskapitalbranche. 2016 erschien das Buch, das ihn berühmt machen sollte: In „Hillbilly Elegy“ schildert Vance ohne Beschönigung seine trostlosen Jugendjahre.
Bundeskanzler Olaf Scholz bekennt, dass ihn die Lektüre des Buchs zu Tränen gerührt habe. Dass sich Vance politisch vom Trump-Kritiker zum überzeugten Trumpisten entwickelte, nannte Scholz 2023 im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ „ein bisschen tragisch“.
Bis heute ist unklar, ob sich Vance aus Überzeugung auf Trump einließ oder weil ohne dessen Unterstützung eine Karriere in der republikanischen Partei kaum noch möglich ist. Geholfen hat Vance in jedem Fall das Geld von Peter Thiel. Der deutschstämmige Silicon-Valley-Investor finanzierte maßgeblich Vances Wahlkämpfe, der Politiker hat zeitweise für Thiels Investmentfirma gearbeitet.
Nun werden Vizepräsidentenposten in den USA selten nach dem Interessantheitsgrad der Biografie vergeben. Die Running Mates sollen meist gezielt Wählergruppen ansprechen, die über den Wahlausgang entscheiden. Vance dürfte vor allem bei dem Milieu punkten, aus dem er selbst stammt: der weißen Arbeiterschicht. Und dank seines heilen Familienlebens (indischstämmige Frau, süße Kinder) auch bei jenen Wählerinnen und Wählern in den Mittelschichts-Vororten, die sich von Trumps Sexismus abgestoßen fühlen.
Doch letztlich überwiegt, was Vance alles nicht ist: kein Schwarzer, kein Latino, keine Frau, kein Südstaatler, ja noch nicht einmal der Vertreter eines Swing States. Der Sieg in Ohio gilt 2024 für die Republikaner ohnehin als sicher.
Womöglich ist sich Trump seines Wahlsiegs so gewiss, dass er bei der Wahl seines Vizes die üblichen taktischen Überlegungen in den Wind schlug und eher nach ideologischer Übereinstimmung auswählte. In den einflussreichen rechtslibertären Zirkeln rund um Thiel mag es zudem eine Rolle gespielt haben, dass Vance aus ihrer Sicht der ideale Präsidentschaftskandidat für 2028 sein könnte, wenn Trump nicht mehr antreten darf.
Mit einem Netz von Terminals für den Import von Flüssigerdgas (LNG) wollte Griechenland zur Drehscheibe für die Gasversorgung Südosteuropas werden. Damit wäre das Land zum wichtigsten Energieknotenpunkt der Region geworden.
Doch dass die Anlagen jemals gebaut werden, wird immer unwahrscheinlicher. Der russische Staatskonzern Gazprom überschwemmt Südosteuropa geradezu mit Erdgas. Und die Länder greifen gerne zu, denn das russische Pipelinegas ist billiger als das LNG aus den USA, Algerien oder Katar. Im ersten Quartal 2024 steigerte Gazprom seine Pipelineexporte in die EU-Staaten nach Angaben des Forums Gas exportierender Länder (GECF) gegenüber dem Vorjahr um 23 Prozent.
Beispiel Griechenland: Vor dem Krieg kamen 40 bis 45 Prozent der Gaseinfuhren aus Russland, 2022 waren es nur noch 14 Prozent. Aktuell aber machen die Russland-Importe 60 Prozent des Verbrauchs aus, sagte die CEO des Gasversorgers Desfa, Maria Rita Galli, jetzt auf einem Kongress in Athen.
Trotz aller Sanktionspakete aus Brüssel dürfen die EU-Staaten weiterhin so viel Russengas importieren wie sie wollen. Deutschland bezieht zwar offiziell kein russisches Gas mehr, Griechenland ist aber dennoch kein Einzelfall. So schwankte in Österreich der Anteil russischen Gases in den ersten fünf Monaten dieses Jahres nach Regierungsangaben zwischen 81 und 97 Prozent. Das Gas kommt durch die Transgaz-Pipeline, die von Russland über die Ukraine, die Slowakei und Tschechien nach Österreich führt.
Fazit unseres Athener Korrespondenten Gerd Höhler:
Ungarns Regierung hat entrüstet auf die Entscheidung der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen reagiert, die in Ungarn geplanten Sitzungen unter der Leitung der ungarischen Ratspräsidentschaft boykottieren zu lassen. „Die EU-Kommission kann sich nicht Institutionen und Minister aussuchen, mit denen sie kooperieren will“, schrieb Ungarns Minister für EU-Angelegenheiten, Janos Boka, bei „X“.
Von der Leyen hatte ankündigen lassen, dass an künftigen informellen Ministertreffen in Ungarn keine Kommissarinnen oder Kommissare, sondern nur ranghohe Beamte teilnehmen werden. Zudem verzichtet die EU-Kommission auf den traditionellen Antrittsbesuch bei der ungarischen Präsidentschaft.
Hintergrund der Entscheidung von der Leyens: das mit der EU nicht abgestimmte Treffen von Ungarns Regierungschef Viktor Orban mit Wladimir Putin in Moskau wenige Tage nach Beginn der ungarischen EU-Ratspräsidentschaft.
Der Modekonzern Hugo Boss kappt seine Prognose für das Gesamtjahr. Angesichts der Unsicherheit beim globalen Konsumklima gehe Hugo Boss nun nur noch von einem Umsatzplus zwischen einem und vier Prozent auf 4,2 bis 4,35 Milliarden Euro aus. Bislang war ein Plus zwischen drei und sechs Prozent vorhergesagt worden. Zudem werde beim Gewinn (Ebit) nun eine Spanne zwischen minus 15 und plus fünf Prozent auf 350 bis 430 Millionen Euro erwartet. Bislang lag die Prognose bei plus fünf bis plus 15 Prozent.
Ein Seehund tummelt sich offenbar seit einigen Tagen in der Oder bei Schwedt. Möglicherweise handele es sich bei dem Tier auch um eine junge Kegelrobbe, sagte eine Sprecherin des Meeresmuseums in Stralsund. Der Aufenthaltsort sei „sehr ungewöhnlich“. Erst am Sonntagnachmittag war ein wenige Monate alter Seehund in der Elbe bei Geesthacht entdeckt worden, ebenfalls tief im Binnenland.
Womöglich fliehen die Tiere vor den enormen Grundstückspreisen entlang der deutschen Nord- und Ostseeküste. Angesichts gestiegener Zinsen dürfte der Erwerb von Liegeplätzen auf den dortigen Seehundbänken für viele junge Robbenfamilien finanziell kaum noch zu stemmen sein.
Ich wünsche Ihnen einen fangfrischen Tag.
Herzliche Grüße,
Christian Rickens
PS: Wie werden sich die Schüsse auf Donald Trump auf den US-Wahlkampf auswirken – zum Beispiel auf die Themensetzung oder auf den Wahlausgang? Und wie bewerten Sie den Umgang von Biden, Trump & Co. mit dem Vorfall? Schreiben Sie uns Ihre Meinung in fünf Sätzen an forum@handelsblatt.com. Ausgewählte Beiträge veröffentlichen wir mit Namensnennung am Donnerstag gedruckt und online.