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Morning BriefingJetzt auch noch Obama – Bidens Kandidatur ist so gut wie am Ende

Christian Rickens 19.07.2024 - 06:14 Uhr
Handelsblatt Morning Briefing

Auch Du, mein Freund Barack: Obama sieht Bidens Chancen schwinden

19.07.2024
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Liebe Leserinnen und Leser,

bei US-Amerikanern bin ich mir bisweilen nicht sicher, wo die Ironie aufhört und der Ernst anfängt. So auch, als ich die Bilder vom Parteitag der Republikaner sah. Dort hatten sich viele Delegierte große Pflaster aufs Ohr geklebt, um es ihrem bei einem Attentat leicht verletzten Idol Donald Trump gleichzutun.

Was für eine wunderbar alberne Art, sich über den Personenkult in der Politik lustig zu machen – das hätte ich auf jedem britischen Parteitag gedacht. Aber in Milwaukee?

Ob Spaß oder Ernst: Die Pflastergeste passt zu der messianischen Verehrung, die Trump bei den Republikanern entgegenschlägt. Zur Verehrung gehört auch die rhetorische Selbstgeißelung der einstigen Häretiker, etwa Ron DeSantis, Gouverneur von Florida. Er hatte Trump einst als „ungeeignet“ für die Präsidentschaft bezeichnet. In Milwaukee pries er ihn:

Sein Feuer brennt, es ist das gleiche Feuer, das uns Weltkriege gewinnen ließ und das die Berliner Mauer zum Stürzen brachte.

Nein, das war ganz sicher nicht ironisch gemeint.

Dass Trump bei der kommenden Wahl Joe Biden schlagen wird, gilt in seiner Partei als Selbstverständlichkeit. Und wie um das Narrativ zu bestätigen, musste Biden am Mittwoch wegen einer Corona-Infektion seinen Wahlkampf unterbrechen und sich in sein Ferienhaus am Strand von Delaware zurückziehen. Stündlich spricht mehr dafür, dass Biden aus dieser Selbstisolation nicht mehr als Präsidentschaftskandidat der Demokraten zurückkehren wird.

Donald Trump auf dem Parteitag der Republikaner in Milwaukee. Foto: AP

Bereits gestern Nachmittag berichtete unter anderem das US-Nachrichtenportal „Axios“ unter Berufung auf hochrangige Quellen in der demokratischen Partei, dass Bidens Rückzug von der Kandidatur noch für das Wochenende erwartet werde. Immer mehr führende Politikerinnen und Politiker der Demokraten hatten Biden zuvor öffentlich die Unterstützung entzogen – oder dementierten zumindest nicht die Berichte, dass sie Biden hinter verschlossenen Türen zum Rückzug aufgefordert hätten.

Um 18.06 Uhr deutscher Zeit ließ dann die „Washington Post“ die journalistische Bombe platzen: Sie berichtete unter Berufung auf Vertraute von Barack Obama, dass auch der Ex-Präsident in den vergangenen Tagen gesagt habe, dass sich Bidens Siegchancen deutlich verschlechtert hätten und Biden seine Kandidatur „ernsthaft überdenken“ müsse. Wenige Minuten später bestätigte die Nachrichtenagentur Associated Press den Bericht unter Berufung auf eigene Quellen.

Obama gilt politisch wie privat als enger Freund von Biden. So loyal wie Biden ihm einst als Vizepräsident diente, so loyal hatte Obama die Kritik an Bidens jüngster Performance heruntergespielt. Wenn nun ausgerechnet Obama Biden zum Rücktritt rät, hat das enormes Gewicht – auch, weil das Wort des Ex-Präsidenten in der demokratischen Partei noch immer Gewicht hat.

Egal, ob Biden antritt oder ein Ersatzkandidat: Das Ruder in den verbleibenden rund vier Monaten bis zur Wahl herumzureißen, wird für die Demokraten von Tag zu Tag schwerer. Und so tun die europäischen Regierungen gut daran, sich auf eine Rückkehr von Donald Trump ins Weiße Haus vorzubereiten.

  • Die gute Nachricht: Anders als 2016 geschieht das auch. In den Ministerien in Berlin laufen Planspiele, wie sich ein Präsident Trump auf die Handelspolitik und die internationale Finanzmarktregulierung auswirken könnte. Das Auswärtige Amt sucht eifrig nach Kontakten ins Trump-Lager. Und bei der Nato in Brüssel ist die Operation „Trump-Proofing“ angelaufen: Strukturen für die Unterstützung der Ukraine werden so verändert, dass ein Präsident Trump sie möglichst nicht aushebeln kann.
  • Die schlechte Nachricht: Diese Strategie wird an ihre Grenzen stoßen, wenn Trump einen Plan wahrmacht, der ihm zugeschrieben wird: die Ukraine zu sofortigen Verhandlungen mit Moskau über einen Waffenstillstand zu zwingen – und ihr die militärische Unterstützung zu entziehen, wenn sie sich weigert.

Prominenz schützt nicht vor Insolvenz. Diese Erfahrung machte kürzlich TV-Koch und Gastronom Steffen Henssler. Sieben Standorte der Sushi-Lokale Go by Steffen Henssler mussten Insolvenz anmelden. Sie stehen für einen Trend: Im ersten Halbjahr hatten bundesweit 552 Gastro-Betriebe finanziell so große Probleme, dass sie Insolvenz anmelden mussten. Das ergab eine exklusive Auswertung der Wirtschaftsauskunftei Crif (vormals Bürgel) für das Handelsblatt.

Geschlossenes Restaurant in Berlin: Die Gastronomie ist stark insolvenzgefährdet. Foto: dpa

Für das Gesamtjahr 2024 erwartet Crif 1190 Insolvenzfälle in der deutschen Gastronomie. Damit würde die Zahl der Gastro-Insolvenzen um über 30 Prozent zum Vorjahr zunehmen. Zum Vergleich: Im Querschnitt durch alle Branchen prognostiziert Crif für 2024 nur einen Anstieg um 15 Prozent. „Insofern kann man durchaus von einer Insolvenzwelle in der Gastronomie sprechen“, sagte Frank Schlein, Geschäftsführer von Crif Deutschland, meiner Kollegin Katrin Terpitz. Dabei markieren die Insolvenzen nur die Spitze des Eisbergs. Auf einen Bankrott in der Gastronomie kommen zehn stille Geschäftsaufgaben.

Die Probleme sind schnell gefunden: Neben Mehrkosten für Energie, Lebensmittel und Personal kam im Januar noch die Erhöhung der Mehrwertsteuer auf Speisen von sieben auf 19 Prozent. Der Steuersatz war in der Coronazeit ermäßigt worden.

Angesichts gestiegener Preise gehen viele Deutsche seltener auswärts essen oder trinken – und wenn, dann konsumieren sie weniger. In der speisengeprägten Gastronomie sind die Umsätze im ersten Quartal im Vergleich zu 2019 real um zwölf Prozent zurückgegangen, bei Kneipen sogar um ein Drittel, so das Statistische Bundesamt.

2024 ist bislang ein gutes Jahr für deutsche Aktien. Der CDax, der alle an der Frankfurter Börse notierten Unternehmen enthält, ist seit Jahresbeginn um zehn Prozent gestiegen. Dementsprechend viele Analysten haben seit Jahresbeginn ihre Kursziele für einzelne Aktien erhöht: Im Leitindex Dax, dem Nebenwerteindex MDax und dem Kleinwerteindex SDax sind 160 Aktien notiert, bei fast 100 stieg seit Jahresbeginn das durchschnittliche Kursziel, zeigen Daten des Finanzdienstes LSEG. Allerdings hoben die Analysten ihre Kursziele meist weniger stark an, als der Kurs stieg. Das kann für Anleger ein Warnsignal sein.

Es gibt jedoch auch den umgekehrten Fall. Handelsblatt-Geldanlagechef Andreas Neuhaus hat fünf deutsche Aktien herausgefiltert, die im ersten Halbjahr um mindestens 15 Prozent gestiegen sind, und bei denen Analysten ihre Kursziele noch stärker angehoben haben.

Fünf Gewinneraktien aus den deutschen Indizes. Foto: REUTERS, mauritius images/Cultura, Heidelberg Zement, Ströer, De

Zum Beispiel den auf die Autobranche spezialisierten Chiphersteller Elmos Semiconductor. Im Schnitt erhöhten Analysten seit Jahresbeginn ihre Kursziele für Elmos um 21 Prozent auf 100 Euro, während die im SDax notierte Aktie nur um knapp zwölf Prozent auf knapp 83 Euro stieg.

Mit diesem Morning Briefing verabschiede ich mich für einige Wochen in die Sommerfrische, mein Kollegin Teresa Stiens wird mich wie gewohnt vertreten. Auch diesmal wieder ein kleines Quiz zu meinen Reisezielen: Es geht in zwei EU-Staaten, die nicht direkt aneinandergrenzen. Trotzdem muss man kein anderes Land passieren und auch nicht in ein Flugzeug oder Schiff steigen, um von dem einen ins andere Land zu kommen. Erraten Sie, wo es hingeht?

Ich wünsche Ihnen einen verbindenden Wochenausklang.

Ihr

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PS: In dieser Woche haben wir Sie gefragt, wie sich das Attentat auf Donald Trump auf die US-Wahl auswirken wird. Eine Auswahl der Einschätzungen unserer Leserinnen und Leser finden Sie hier.

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