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StrompreiseEnergiewende vertreibt Industrieunternehmen aus Deutschland

Die hohen Energiepreise beeinträchtigen Investitionen. Immer mehr Unternehmen erwägen, die Produktion ins Ausland zu verlagern. Das belegt das aktuelle Energiewende-Barometer der DIHK.Klaus Stratmann 02.08.2024 - 11:19 Uhr
Stahlherstellung bei Thyssen-Krupp in Duisburg: Energieintensive Branchen leiden besonders unter den hohen Energiepreisen in Deutschland. Foto: dpa

Berlin. Die Energiewende wird zur wachsenden Belastung für den Standort Deutschland. Insbesondere Unternehmen aus der Industrie nehmen die Transformation hin zu grüner Energie als Investitionshemmnis wahr. Das ist das Ergebnis des Energiewende-Barometers der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK). Das Barometer basiert auf einer deutschlandweiten Umfrage unter 3300 Unternehmen aus allen Wirtschaftsbereichen.

Achim Dercks, stellvertretender DIHK-Hauptgeschäftsführer, sagte am Donnerstag bei der Präsentation: „Das Vertrauen der deutschen Wirtschaft in die Energiepolitik ist stark beschädigt. Der Politik ist es bislang nicht gelungen, den Unternehmen eine Perspektive für eine zuverlässige und bezahlbare Energieversorgung aufzuzeigen.“ Das gelte insbesondere für die Industrie.

Der Umfrage zufolge planen oder realisieren 45 Prozent der Industrieunternehmen mit hohem Stromkostenanteil, ihre Produktion im Inland einzuschränken oder ins Ausland zu verlagern. Unter den Industrieunternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitenden liegt dieser Wert sogar bei 51 Prozent. 2023 waren es nur 43 Prozent der größeren Industrieunternehmen, im Jahr davor 37 Prozent.

Hohe Energiepreise: Drei von fünf Unternehmen weniger wettbewerbsfähig

Die hohen Energiekosten wirken sich besonders in der Industrie negativ auf die Investitionen aus. Knapp 40 Prozent der Industrieunternehmen stellen laut der Umfrage wegen der hohen Energiepreise Investitionen in Kernprozesse zurück. Etwa drei von fünf Firmen sagen, aufgrund der hohen Energiepreise hätten sie die Wettbewerbsfähigkeit am Standort Deutschland verloren.

„Die Betriebe erkennen weiterhin deutlich mehr Risiken als Chancen für die eigene Wettbewerbsfähigkeit. Angesichts der Bedeutung der Schlüsselbranche Industrie für den gesamten Wirtschaftsstandort sind das deutliche Alarmzeichen“, sagte Dercks. Die Verlagerungen fänden schrittweise statt, es handele sich um einen schleichenden Prozess.

Die DIHK erhebt das Energiewende-Barometer seit 2012. Es gilt als wichtiger Indikator für die Sicht der deutschen Wirtschaft auf die Energiepolitik. In diesem Jahr sind die Ergebnisse besser als im Krisenjahr 2023, als Versorgungs- und Preisdruck durch den Krieg in der Ukraine besonders hoch waren. Insgesamt fällt das Barometer aber deutlich schlechter aus als in sämtlichen Jahren zuvor.

Zwar bewerten Industrieunternehmen die Situation besonders schlecht. Aber auch über alle Branchen, Betriebsgrößen und Regionen hinweg fällt das Urteil insgesamt negativ aus. Das ergibt sich aus dem sogenannten Barometerwert: Die Unternehmen sollten die Frage beantworten, wie sie generell die Auswirkungen der Energiewende auf ihre Wettbewerbsfähigkeit beurteilen. Dabei können sie einen Wert auf einer Skala von minus 100 („sehr negativ“) bis plus 100 („sehr positiv“) angeben. Der Durchschnittswert lag in der aktuellen Umfrage bei minus 20. Nur 2023 war der Wert mit minus 27 noch schlechter.

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Die akute Krisensituation hat sich zwar deutlich entspannt. Doch noch immer ist das Preisniveau bei Strom und Gas höher als in den Jahren vor der Energiekrise. Besonders schwer wiegt, dass sich der Abstand zu den Energiepreisen in anderen Weltregionen weiter erhöht hat. Auch im innereuropäischen Vergleich schneidet Deutschland schlecht ab. So lockt etwa Frankreich mit günstigen Strompreisen für die Industrie.

Vor diesem Hintergrund erscheinen Investitionen im Ausland insbesondere für Unternehmen aus energieintensiven Branchen besonders attraktiv.

Für viele ist nicht nur das hohe Preisniveau ein Problem, sondern auch die Volatilität. Vor allem die kurzfristigen Preisausschläge sind stark. Wer sich Strompreise langfristig sichern will, muss hohe Aufschläge in Kauf nehmen.

80 Prozent kritisieren hohe Abgaben auf den Strompreis

Vier von fünf der befragten Unternehmen quer durch alle Wirtschaftsbereiche sehen die hohen Steuern und Abgaben auf den Strompreis als Problem an. Dieser Wert hatte 2023 noch bei 73 Prozent gelegen, 2022 bei 64 Prozent.

Zwar ist es erklärtes Ziel der Bundesregierung, die Netzentgelte zu stabilisieren, die in den meisten Fällen der mit Abstand größte Posten bei den Steuern und Abgaben sind. Entsprechende Zusagen finden sich in der Anfang Juli vorgestellten „Wachstumsinitiative“ der Bundesregierung. Konkrete Lösungen sind aber nicht in Sicht.

Zuletzt hatte die Bundesregierung im Zuge der Haushaltskrise Ende des vergangenen Jahres den Bundeszuschuss zur Senkung der Netzentgelte in Höhe von 5,5 Milliarden Euro zurücknehmen müssen. Im Frühjahr hatte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) angekündigt, ein Konzept vorzulegen, um einen weiteren Anstieg der Netzentgelte zu dämpfen.

500
Milliarden Euro
sollen in den Ausbau der Stromnetzte investiert werden.

Denn ohne politische Eingriffe werden die Netzentgelte in den kommenden Jahren stark steigen. Auslöser sind die beschlossenen Investitionen in den Ausbau der Netze, die sich bis 2045 laut aktuellen Schätzungen auf mehr als 500 Milliarden Euro belaufen werden.

Davon entfallen rund 320 Milliarden Euro auf die Stromübertragungsnetze und rund 200 Milliarden auf die Verteilnetze. Die Stromübertragungsnetze sind wie Stromautobahnen, mit denen große Mengen Strom quer durchs Land über weite Strecken transportiert werden. Die Verteilnetze bringen den Strom auf lokaler Ebene bis zum Hausanschluss.

DIHK fordert Umstellung der Förderung erneuerbarer Energien

Die Kosten für den Betrieb und den Ausbau der Netze werden über die Stromrechnungen auf alle Stromverbraucherinnen und Stromverbraucher umgelegt. Sie machen in vielen Fällen mehr als 30 Prozent der Stromrechnung aus. Für bestimmte Stromverbraucher aus der Industrie gelten Ausnahmeregeln, die allerdings 2026 auslaufen. Ob die Entlastungen im bisherigen Umfang bestehen bleiben, ist unklar. Für viele Industrieunternehmen stellt das eine große Unsicherheit dar.

Kommentar

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Klaus Stratmann

Unternehmen bräuchten eine nachhaltige Perspektive für eine verlässliche Energieversorgung mit wettbewerbsfähigen Preisen, sagte Dercks. Aus dem Energiewende-Barometer leitet die DIHK als Forderung ab, Steuern und Abgaben auf den Strompreis zu senken, den Netzausbau und Genehmigungsverfahren zu beschleunigen sowie die Förderung erneuerbarer Energien zu ändern.

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Das aktuelle Förderregime im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) sei mit hohen Kosten verbunden, weil Erneuerbare unabhängig von Nachfrage und Marktsignalen zugebaut und gefördert würden. „Anstelle einer dauerhaften staatlich garantierten Fest- und Mindestvergütung sollten einmalig Investitionen in erneuerbare Energien belohnt werden“, fordert die DIHK.

Erstpublikation: 01.08.2024, 14:25 Uhr.

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