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GewinnenWarum Malaika Mihambo „nur“ Silber holte und ich „nur“ das weiße T-Shirt

Ein großes Ziel zu erreichen ist leichter, als diesen Erfolg zu wiederholen. Das ist gut so, meint unser Kolumnist, der beim extremsten Triathlon der Welt ein anderes Ziel als das erhoffte erreichte.Thorsten Firlus 09.08.2024 - 15:09 Uhr Artikel anhören
Im Ziel des Norseman gibt es zwei Arten Shirts. Autor Firlus in seinem weißen Finishershirt. Foto: Privat

Düsseldorf. Malaika Mihambo stand nach fünf Sprüngen an der Bahn der Weitsprunganlage, klatschte rhythmisch mit den Händen und nahm Anlauf. Im Finale der Olympischen Spiele lag sie zu diesem Zeitpunkt auf Rang zwei. Der Reporter wiederholte, was er bei den vorigen Versuchen schon sagte und wofür Mihambo bekannt ist: ihre mentale Stärke und die Fähigkeit, unter Druck ihre beste Leistung abzurufen.

Doch die Geschichte wiederholte sich nicht. Sie sprang gar nicht mehr, sondern lief in die Sandgrube. Es blieb bei Silber.

Es verbietet sich, die eigene sportliche Leistung mit der von Ausnahmeathletinnen, wie Mihambo eine ist, zu vergleichen. Es ist aber statthaft, das Muster von Ambition, Erfolg, Motivation und Spannung anzuwenden. Deswegen glaube ich: Ich ahne, warum es ihr nicht gelang.

Mir ging es unbeobachtet von jeglicher Öffentlichkeit erst am vergangenen Wochenende beim Extremtriathlon Norseman ähnlich. Extrem sind auf der klassischen Distanz von 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und ein Marathon am Ende die Bedingungen im Wasser, die zu bewältigenden Höhenmeter und die völlig unvorhersehbaren Wetterbedingungen von Sommer bis Winter.

Extrem ist auch die Herausforderung, dort überhaupt starten zu können. Mehrere Tausend Athleten nehmen seit Jahren an der Lotterie teil, 259 Teilnehmer durften dieses Jahr von der Fähre in den Fjord springen. Von diesen 259 Startern dürfen knapp fünf Kilometer vor dem Ziel die 160 Schnellsten das finale Stück auf den 1800 Meter hohen Gaustatoppen hoch. Sie bekommen das in der Triathlonwelt legendenumwobene schwarze Finishershirt. Die übrigen 99 Starter, so sie es bis ins Ziel schafften, erhalten das weiße Shirt.

Von dieser Fähre springen 259 Athleten bei Eidfjord kurz vor fünf Uhr ins Wasser zur Startlinie, um 3,8 km zurückzuschwimmen. Foto: Privat

Jeder will das schwarze Shirt. Auch ich. Ich habe eines. 2018 gelang es mir, unter diesen 160 Athletinnen und Athleten zu sein. Es dauerte geschlagene sechs Jahre, bis ich wieder die Chance hatte, dort anzutreten. Zwei mehr als die drei Jahre, die Mihambo warten musste, um bei den Olympischen Spielen ihren Erfolg zu wiederholen. Die Chancen sind rar, der Druck steigt.

Es ist unmöglich, aus der Ferne zu beurteilen, was genau die Ursachen sind, dass ihr keine persönliche Bestleistung gelang. Es ist hingegen für mich völlig nachvollziehbar, wie wahnsinnig schwer es ist, die nötige Spannung, Hingabe und Aufopferung für so ein Ziel aufrechtzuerhalten.

Niemand erinnert sich an den zweiten Kuss seines Lebens. Vermutlich war er technisch dennoch besser als der erste. Vielleicht sogar schöner. Mihambo reiste nach Paris und WUSSTE, dass sie Gold holen kann bei Olympischen Spielen. Ich reiste nach Eidfjord und WUSSTE, dass ich das schwarze Shirt holen kann. Etwas, das mir 2018, nach Sichtung der Strecke vor dem Rennen aus dem Auto heraus, völlig unmöglich schien.

Mihambo hat in den Wochen vor den Spielen oft über die mentalen Aspekte gesprochen, auch im Handelsblatt.

Gastkommentar Malaika Mihambo

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Mihambo hatte in der Vorbereitung nach ihrem EM-Sieg eine Coronainfektion, mich zwickte der linke Fuß, der mein Lauftraining einschränkte. Irgendwas ist immer. Vielmehr aber stand mein Leben nicht mehr für Monate im Wesentlichen im Zeichen des Wettbewerbs.

Selbstverständlich hat Mihambo viel trainiert, auch ich habe zahlreiche Einheiten absolviert, mit denen ich sehr zufrieden war, die mir Selbstsicherheit gaben, habe die Ernährung angepasst, den Alkoholkonsum über mehrere Wochen quasi eingestellt. Es sollte nicht an diesen Dingen scheitern.

Mehr gewonnen als eine Medaille oder ein Shirt

Doch das letzte bisschen unbedingter Wille, alles und wirklich alles, diesem Ziel unterzuordnen, den benötigte ich nicht mehr, um das Rennen zu bestreiten. Auch Mihambo wusste, wie es ist, Gold zu holen, so wie ich das Gefühl kannte, das schwarze T-Shirt überzustreifen, wie es ist, als 132. den finalen Cut-off für den Weg zum Gipfel zu erreichen. Das Erlebnis wäre sicher ein weiteres Mal großartig, aber sicher nicht so überwältigend, nicht so unbekannt.

Natürlich – viele Sportler wiederholen Erfolge, bei der Tour de France ist das zu sehen. Aber oft ist nach dem einmaligen Sieg die Option, mit den Heroen des Sports mit mehrfachen Gewinnen gleichzuziehen, ein weiteres großes Ziel. Marc Cavendish gewann mehr Etappen als jeder andere bei der Tour de France, doch nach diesem Rekord dieses Jahr fiel es ihm schwer, überhaupt anzukommen.

17 Stunden und 22 Minuten nach dem Start ist auch noch Zeit für ein Selfie 100 Meter vor dem Ziel. Foto: Privat

Dafür bereichern und beschenken Goldmedaillengewinnerinnen wie Hobbyathleten einschneidende Erfolge für den Rest des Lebens, lange nachdem die Hymne verklungen oder die Heimreise angetreten ist. Sie beflügeln, Menschen wachsen an ihnen und gehen die nächsten Schritte. Mihambo, so die Sportschau und der Reporter, ginge es inzwischen um mehr als um Gold, mir geht es inzwischen um andere Dinge als die Bergankunft. Was auch immer das ist, es ist nicht weniger wert und es ist nur möglich auf Basis des Erreichten.

Wie Mihambo ihre Teilnahme empfand, vermag niemand von außen zu beurteilen. Mir ist es sechs Jahre später nach dem vermutlich wichtigsten sportlichen Erfolg meines Lebens gelungen, den Wettbewerb diesmal mitsamt seinen Problemen mehr zu genießen und ihn überhaupt richtig wahrzunehmen. Teile der Strecke, die ich schon befahren habe, kamen mir fremd vor.

Was Mihambo in den kommenden Tagen und Wochen denkt, werden wir vielleicht erfahren, ich hoffe, es geht ihr wie mir, wenn ich an die diesjährige Auflage des Norseman denke: Ich bin sehr zufrieden, wie der Tag verlief, das, was möglich war, habe ich mit Willenskraft erreicht. Aber alles das, was es dort an Wichtigem für mich als Menschen zu gewinnen gab, hatte ich schon vorher erlangt.

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