Israel-Konflikt: Das iranische Volk warnt Regierung vor einer Eskalation
Demnach zirkulieren in den sozialen Medien einerseits unmissverständliche Forderungen wie: „Wir wollen keinen Krieg. Bitte verbreitet den Post.“ Diese Warnungen sind zudem nicht anonym. Beispielsweise hat Sedigeh Vasmaghi, eine iranische Anwältin, prominente Reformpolitikerin und Dichterin, diese Veröffentlichung unterzeichnet.
Andererseits publizieren Offiziere der Revolutionsgarden und Hardliner-Geistliche auf mehreren Kanälen die Forderung, dass die Islamische Republik Israel endlich zeigen solle, wer im Nahen Osten der Stärkste ist. Auch die Stellvertreter Teherans in der Region fordern ein hartes Vorgehen gegen Israel.
Iran und Israel: Pragmatiker warnen Teheran
Generell warnen aber viele Pragmatiker in Teheran davor, Israel anzugreifen, wie der Iranforscher David Menashri bestätigt. Sie wüssten, dass hinter Israel die USA, europäische Staaten und einige arabische Regimes stünden, und wollten keine Eskalation riskieren, so der emeritierte Professor für moderne iranische Geschichte an der Universität Tel Aviv.
Bereits im April hatte der Iran Israel aus der Luft angegriffen, allerdings haben Israel und seine Verbündeten mehr als 300 iranische Geschosse abgefangen. Ali Vaez, Iranexperte bei der Nichtregierungsorganisation Crisis Group, sagt, dass die iranische Verteidigung „nicht sehr gut ist“.
Sollte der Iran Israel also erneut angreifen, diesmal aus Teheraner Sicht erfolgreicher, so wäre die Verteidigung bei einem Gegenangriff der USA oder Israels schnell überwältigt. „Wenn die regionale Abschreckung des Irans geschwächt ist, könnte das Land beschließen, seine nuklearen Fähigkeiten als ultimatives Abschreckungsmittel einzusetzen“, mahnt Vaez.
Neuer iranischer Präsident Massud Peseschkian hat friedliche Ziele
Genau das aber ist umstritten. Denn der neue Präsident Massud Peseschkian hat friedliche Ziele. Er will mehr Wirtschaftswachstum im Land erreichen. Die Inflation im Iran liegt bei 40 Prozent, ausländische Investitionen sind zurückgegangen, und Korruption ist weit verbreitet.
Der Iran habe „zu viele interne Probleme, um sich jetzt noch in einem Krieg zu engagieren“, sagt ein Politologe in Teheran. Meir Javedanfar, gebürtiger Iraner und heute Iranforscher an der Universität Reichman nördlich von Tel Aviv, analysiert, ein Krieg wäre nicht im Interesse des Präsidenten, der sehr gut wisse, wie sehr der iranische Staat durch schwere wirtschaftliche Probleme belastet ist.
Die britische Zeitung „Telegraph“ berichtete bereits vor einer Woche, dass Peseschkian versuche, das Korps der Revolutionsgarden davon abzuhalten, Militärstützpunkte in Tel Aviv und anderen Städten anzugreifen. Dem Bericht zufolge streite sich der neu vereidigte Präsident mit der Revolutionsgarde darüber, wie aggressiv Israel attackiert werden soll. Er befürworte eine andere Option: Angriffe auf israelische Einrichtungen in den Nachbarländern des Irans.
Diese Woche musste Peseschkian allerdings einen Rückschlag einstecken. Mohammad Javad Zarif, einer der neuen Vizepräsidenten des Irans, verließ nur elf Tage nach seiner Ernennung das Kabinett. Er kritisierte die personelle Zusammensetzung, weil sie nicht genügend reformwillige Minister berücksichtige.
Auch im Libanon ist die Lage angespannt. Vor zwei Wochen wurden der hochrangige Führer der radikalislamischen Hamas, Ismail Hanija, in Teheran und der Befehlshaber der Miliz Hisbollah, Fuad Shukr, in Beirut getötet. Der Iran hat Israel danach mit Vergeltung gedroht. Seitdem steigt die Nervosität vor einer Eskalation im Nahen Osten täglich. Israels Luftabwehr ist in höchster Alarmbereitschaft, und die Geheimdienste verfolgen die Bewegungen der iranischen Stellvertreter in Syrien, Libanon und Jemen.
Der Generalsekretär der Hisbollah, Hassan Nasrallah, schwor in einer Rede am Dienstag, dass die Rache „unmittelbar bevorstehe“ und langsam erfolgen werde. Er fügte hinzu: „Die nervenaufreibende Erwartung ist Teil der Antwort. Das Ziel ist, dass das Warten Israel und alle seine Ressourcen erschöpft.“ Bereits die Androhung eines Angriffs hat dazu geführt, dass nahezu alle ausländischen Airlines Israel aus dem Flugplan bis auf Weiteres gestrichen haben.
Gaza: Verhandlungen über Waffenruhe haben begonnen
Unterdessen haben am Donnerstag Verhandlungen über eine Waffenruhe im Nahen Osten begonnen. Im Konflikt zwischen Israel und der Hamas agieren die USA, Katar und Ägypten als Vermittler. Nun haben sie einen letzten Appell an alle Konfliktparteien gerichtet: alles zu unterlassen, was eine Einigung untergraben würde. Die Hamas nimmt an den Gesprächen in der katarischen Hauptstadt Doha nicht teil.
Bei den Verhandlungen geht es nicht nur um eine Waffenruhe in Gaza und um die Befreiung der mehr als 100 Geiseln, die nach mehr als zehn Monaten immer noch von der Hamas gefangen gehalten werden. Ein möglicher Durchbruch könnte auch einen Vergeltungsschlag des Irans und seiner Verbündeten gegen Israel verhindern oder zumindest dessen Ausmaß reduzieren. Damit könnte eine Eskalation des Konflikts verhindert werden.
Die iranische Delegation bei den Vereinten Nationen hatte erklärt, dass die Erreichung eines Waffenstillstands im Gazastreifen für Teheran oberste Priorität habe. „Jede Vereinbarung, die für die Hamas akzeptabel ist, wird auch für uns akzeptabel sein“, so die Delegation.