Zukunft: Von diesen Innovationen träumt die Handelsblatt-Redaktion
Düsseldorf. Das Handelsblatt ist bei vielen Innovationsprozessen live dabei. Wir beobachten, wie sich Branchen verändern, wie KI die Welt aus den Fugen hebt. Wie Unternehmen Erfolge feiern und scheitern. Wir schauen zurück und nach vorn. Und dabei träumen wir auch mal von einer Welt, wie wir sie gern hätten.
Sechs Innovationsträume aus der Handelsblatt-Redaktion, die es leider noch nicht in die Realität geschafft haben.
Eine Technologie, die endlich das Smartphone ersetzt
Na, wo lesen Sie diesen Text – auf dem Smartphone? Der Durchschnittsamerikaner verbringt über viereinhalb Stunden pro Tag daran. Seit der Vorstellung des iPhones durch Apple 2007 sind Handys mit Touchscreen aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Und fast genauso lang machen sich Ingenieure schon Gedanken darüber, was als Nächstes kommt: Sind die kleinen Kästen, über denen wir stundenlang kauern, wirklich der Weisheit letzter Schluss? Ich sage: Nein!
Klar, Smartphones sind praktisch: Man kann etwa in der Bahn E-Mails erledigen. Viel zu oft aber nutzen wir die Minicomputer nicht produktiv, sondern verlieren uns im „Doom-Scrolling“ genannten Endlosmodus von Instagram, Facebook und Co. Wie unnatürlich das ist, zeigt ein Blick zurück: Die älteste Kulturtechnik ist das Erzählen, doch Smartphones isolieren uns von unseren Mitmenschen. Unser natürliches Blickfeld liegt quer, schließlich haben wir zwei Augen; doch Smartphone-Screens sind hochkant, damit die Box in unsere Hände passt.
All das muss enden – auch wenn wir die Ablösung noch nicht gefunden haben. Schlaue Lautsprecher, etwa Amazons Alexa, führen ein Nischendasein. Datenbrillen wie die Apple Vision Pro sind unhandlich und isolieren uns auf neue Art. Und Hirnchips sind Zukunftsmusik. Dennoch: Das Ende des Smartphones ist womöglich näher als gedacht. Vor Kurzem habe ich den KI-Pin „Rabbit“ ausprobiert, einen Anstecker, der Hologramme in die Handinnenfläche projiziert. Außerdem die Ray-Ban von Meta, eine smarte Sonnenbrille mit Kamera, Mikrofon und KI-Unterstützung.
Zugegeben: Noch können die neuen Gadgets das Smartphone nicht ersetzen. Aber sie zeigen einen Weg in eine Zukunft auf, in der wir mit hilfreichen digitalen Helfern verschmelzen, ohne uns von unseren Mitmenschen zu isolieren. Ich jedenfalls zähle die Tage, bis mein Handy in der Schublade verstaubt.
Felix Holtermann berichtet für das Handelsblatt aus New York über Technologie und die Automobil-Branche.
Ein Onlineportal, das Patienten ermöglicht, Behandlungsfehler zu melden
Haben Sie schon einmal von einem „Never Event“ gehört? Wenn nicht, hoffe ich, dass das so bleibt. In der Medizin bezeichnet dieser Begriff schwerwiegende Fehler, die nie passieren sollten, weil sie vermeidbar sind.
Ein Beispiel verdeutlicht das Problem: Bei einer 39-jährigen Frau sollte eine Zyste entfernt werden. Stattdessen wurde versehentlich eine Sterilisation durchgeführt. Im vergangenen Jahr teilten Patienten dem Medizinischen Dienst 150 Verdachtsfälle solcher Fehler mit. Patientenvertreter gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl noch höher liegt.
Warum melden Patientinnen und Patienten diese Vorfälle nicht? Ein wichtiger Grund ist die Beweislast. Sie müssen selbst nachweisen, dass ein Schaden vorliegt und dass dieser auf einen Fehler des Personals zurückzuführen ist. Viele fühlen sich damit alleingelassen.
Ein nutzerfreundliches Onlineportal könnte hier Abhilfe schaffen. Über soziale Medien verbreitet, könnte es für mehr Klarheit sorgen und die Patientensicherheit erhöhen.
In den USA gibt es bereits ähnliche Plattformen: Die National Practitioner Data Bank sammelt Informationen über Behandlungsfehler in einer zentralen Datenbank. Das hilft Behörden, Ärzten und Pflegekräften, die Behandlungsqualität zu verbessern.
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Auch in Deutschland könnte ein Onlineportal für Behandlungsfehler Patienten ermöglichen, ihre Erfahrungen anonym und unkompliziert mitzuteilen. Medizinische Dienste müssten diesen Verdachtsfällen nachgehen. Anhand der gesammelten Daten könnten Muster mit Künstlicher Intelligenz erkannt und Probleme behoben werden. Diese Erkenntnisse könnten sogar in die Aus- und Weiterbildung des medizinischen Personals einfließen.
Britta Rybicki leitet das Team Inside Digital Health und schreibt über Innovationen in der Gesundheitsbranche.
Batterien, die sich selbst aufladen
Batterien sind ein ziemlich limitierender Faktor für unsere Alltagstechnik. Ob Laptop, E-Auto, Handy: Nichts geht mehr ohne Akkus – und das ist leider wörtlich zu verstehen.
Wie hilfreich wäre deshalb eine Batterie, die sich selbst auflädt?
Die gute Nachricht: Ein Physiker-Team der University of Arkansas arbeitet bereits genau daran. Ihnen ist es gelungen, die natürliche Bewegung von Kohlenstoffatomen zu nutzen, um mithilfe der Wärme aus der Umgebung elektrische Energie zu erzeugen und damit Akkus aufzuladen. Noch reicht die Menge bei Weitem nicht aus, um damit ein Smartphone am Leben zu halten, geschweige denn potenziellen E-Auto-Käufern die Reichweitenangst zu nehmen.
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Aber ich finde, das ist eine Innovation, die dringend vorangetrieben werden sollte. Ihre Veränderungskraft wäre riesig: Laptops, die unterwegs nie mehr leerlaufen, keine Debatten mehr um Ladeinfrastruktur, Stromversorger, die ihre Geschäftsmodelle komplett überdenken müssten, Staaten die … oh, muss Schluss machen. Nur noch acht Prozent Laptop-Akku.
Lazar Backovic ist Reporter im Mobilitätsteam und schreibt über die Autoindustrie.
Eine Technologie, die Tiersprache übersetzt
Jeder kennt sie – die Tiktok-Videos von Huskies, in denen das Jaulen der Hunde in menschliche Sprache übersetzt wird. Das ist zwar unterhaltsam, aber was der Hund eigentlich zu sagen hat, bleibt meist ein Mysterium. Auch ich habe einen Hund, der sich gern mit mir unterhält. Und finde es immer wieder frustrierend, dass ich maximal erahnen kann, was er mir zu sagen hat.
Deshalb träume ich von einer Technologie, mit der ich die Sprache meines Hundes in menschliche Sprache übersetzen kann und die gleichzeitig meine Sprache in das Gejaule meines Hundes überträgt. Dass das möglich ist, zeigen erste Innovationen in diesem Bereich: Für Hunde gibt es beispielsweise Spiele, die die Kommunikation zwischen Frauchen und Hund vereinfachen sollen. Verschiedene Druckknöpfe werden mit einem Wort hinterlegt. Wenn der Hund diese antippt, ertönt das Wort. Frauchen weiß dann, dass der Hund beispielsweise in den „Park“ möchte.
Damit das Ganze funktioniert, müssen Hunde die Sprache der Menschen lernen – und genau hier liegt die Limitation. Hunde können nach heutigem Forschungsstand zwar lernen, mehrere Hundert Worte zu verstehen. Einem Hund die menschliche Sprache beizubringen kann die Hundesprache jedoch nicht ersetzen. Deshalb: Eine Technologie muss her, damit mein Hund und ich endlich auf demselben Niveau diskutieren können, ob wir auf seiner Morgenrunde links- oder rechtsrum laufen.
Lara Schmalzried ist Volontärin beim Handelsblatt.
Ein KI-Assistent, der meine Gedanken strukturiert
Was war das für eine Aufregung. Künstliche Intelligenz (KI) konnte auf einmal kluge Texte schreiben, überzeugende Bilder herstellen und sich anscheinend wie ein Mensch verhalten. Das war vor knapp zwei Jahren, als das amerikanische Start-up OpenAI das Sprachmodell ChatGPT veröffentlichte.
Das Erstaunen war groß. Doch dann kehrte Ernüchterung ein. Die KI-Texte sind oft brav und langweilig, den Antworten ist nicht immer zu trauen.
Nehmen wir das Beispiel von dem KI-Assistenten Gemini Advanced. Der soll in Google Mail alle E-Mails lesen und wiedergeben. Aber leider neigt Gemini zum Ausschweifen, die Zusammenfassungen sind manchmal länger als die E-Mail.
Wir sind weit entfernt von einem „Second Brain“, das uns hilft, durch das tägliche Datenchaos zu kommen. Dabei sind E-Mails nur der Anfang: hier ein interessanter Podcast, dort ein Video und dann die Bücher, Artikel oder Notizen.
Was ich haben will, ist eine verlässliche KI. Der Assistent weiß, welche Menschen ich warum kenne, wie ihre Kinder heißen oder wo sie zuletzt im Urlaub waren. Was für erfreuliche, interessante Gespräche kann ich auf einmal führen. Wer einmal auf einer Party mit Amerikanern war, der wird wissen, wie das geht: Dort erinnert sich jeder an jeden Namen, egal, wie viele der Gäste Jennifer oder Bob heißen.
Diese KI ist kein Partygag, sondern ein Produktivitätsmonster. Der Assistent liefert mir in Echtzeit diese klugen Sachen, die ich vor einem Jahr aufgeschrieben habe – oder gehört? Und wo? In Notizen, Word, Googledoc, E-Mail …
Die Technologie für so einen Assistenten ist nicht trivial. So darf das Modell nur auf einem lokalen Speicher arbeiten. Denn meine Daten dürfen nicht weitergegeben werden, ist ja klar. Dafür muss aber nicht nur die Hardware gut genug sein, sondern das Modell muss entsprechend vortrainiert sein, um mit einer so kleinen Datenmenge vernünftige Antworten zu generieren.
Thomas Jahn ist Teamleiter für Technologie und Wissenschaft beim Handelsblatt.
Eine Kakaomaschine, so richtig schön kompliziert
Kaffee entsteht heute oft in Maschinen, die komplizierter zu bedienen sind und teurer als Windows-Rechner der frühen 90er. Ich habe es im Genre „Heißgetränke“ nie über Kakao hinausgebracht.
Kakao zubereiten ist einfach. Topf, Milch, Kakaopulver, Herd, Rühren, fertig.
Doch ich bin jetzt 41. Mir reicht das nicht mehr. Ich will wie die Kaffeekenner aus der Kakaozubereitung eine Wissenschaft machen. Deshalb träume ich von einer möglichst umständlichen Kakaomaschine. Bisher existieren bloß Kaffeeautomaten, die eine Unverschämtheit aus heißem Wasser, Kakaopulver und Milchpulver fabrizieren.
Meine Maschine würde mit der Verarbeitung der Kakaobohne anfangen. Es wird fermentiert, geröstet, zerbröselt, Tage vergehen, bevor heiße Schokolade herauskommt. Wenn man es wagt, Nesquik hineinzukippen, stellt das Gerät für ein halbes Jahr den Betrieb ein. Der zentrale Vorgang, das Verrühren, erfolgt je nach Fettgehalt und Herkunft der Milch (Kuh, Ziege, Hafer, Soja, Reis, Erbsenprotein, Hanf, Mandeln) unterschiedlich schnell. Dass das tatsächlich einen Unterschied macht, werden wissenschaftliche Studien belegen, die selbstverständlich gekauft sind.
Zum Abschluss schreibt das Gerät – um auch ohne Koffein den Blutdruck nach oben zu treiben – die schönsten Zitate von Friedrich Merz zur Flüchtlingsfrage mit Kakaopulver auf den Schaum. Und beim Trinken fühle ich mich dann wie ein kleiner Pascha.
Sebastian Dalkowski ist Reporter im Wochenend-Ressort des Handelsblattes.