USA: Niedrige Inflation erlaubt der Fed die Zinswende
Düsseldorf, Frankfurt. Es waren die letzten wichtigen Konjunkturdaten, bevor die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) in der kommenden Woche zu ihrer entscheidenden Sitzung zusammenkommt: Die jüngsten Zahlen zur Inflation dürften Fed-Chef Jerome Powell und seinen Kollegen die Entscheidung zumindest ein bisschen leichter machen.
Klar scheint: Die Leitzinsen werden erstmals wieder sinken. Ein Restzweifel bleibt noch bei der Frage, ob die Notenbank einen XL-Schritt von 0,5 Prozentpunkten nach unten wagen wird, um den sich merklich abkühlenden Arbeitsmarkt zu stützen.
Im August hat sich die Inflationsrate in den USA deutlich dem Zielniveau der Fed von zwei Prozent genähert. Die Verbraucherpreise sind nur noch um 2,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat gestiegen. Die Erwartung lag mehrheitlich bei 2,6 Prozent, nachdem die Teuerung für Juli noch bei 2,9 Prozent gelegen hatte.
Anders als in Europa wird die Entwicklung der Teuerungsrate in den USA bevorzugt im Vergleich zum Vormonat betrachtet. Aktuelle Preistrends werden so besser abgebildet. Bei dieser Berechnungsweise liegen die Preise wie erwartet 0,2 Prozent höher als im Juli.
Die neuen Daten kommen unmittelbar vor der nächsten Sitzung der Fed. Die Notenbank könne die Zinsen nun „ruhigen Gewissens“ senken, meint Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank. Das Leitzinsniveau sei gemessen an der aktuellen Inflation sehr hoch. „Das gegenwärtige Zinsniveau von über fünf Prozent birgt das Risiko, dass es, wenn es noch längere Zeit auf diesem hohen Niveau verbleibt, deutliche realwirtschaftliche Bremsspuren hinterlässt.“
Aktuell liegt der Leitzins in einer Spanne von 5,25 bis 5,5 Prozent und damit auf dem höchsten Niveau seit mehr als 20 Jahren. Eine Senkung gilt als ausgemachte Sache. Allerdings diskutieren Experten darüber, ob ein regulärer Schritt von 25 Basispunkten ausreicht oder ob es sogar eine ungewöhnliche Senkung von 50 Basispunkten braucht, um die sich abkühlende Konjunktur und den Arbeitsmarkt zu stützen.
Die Debatte um die Höhe des Zinsschritts führen Ökonomen und Analysten bereits seit mehreren Wochen. Allerdings lassen weder die jüngsten Äußerungen führender Notenbanker noch die zuletzt veröffentlichten Konjunkturdaten einen endgültigen Schluss zu.
Vor wenigen Tagen etwa sprach sich mit Joseph Stiglitz einer der führenden Wirtschaftswissenschaftler des Landes für einen XL-Schritt aus. Glaubt man hingegen dem Fed-Watch-Tool der Terminbörse CME, dann sind die Befürworter eines kleinen Schritts in der Überzahl. Die Wahrscheinlichkeit für eine Senkung um 25 Basispunkte ist in den vergangenen Tagen deutlich gestiegen.
Nach der Veröffentlichung der Preisdaten sprang sie auf 85 Prozent. Auch für Ralf Umlauf von der Helaba bleibt ein kleiner Zinsschritt das wahrscheinlichste Szenario.
Anleiherenditen ziehen leicht an
Am Kapitalmarkt ist eine Senkung in diesem Maße längst eingepreist. So reagierten die Aktienkurse am Mittwoch zur Eröffnung an der Wall Street nur kurzzeitig auf die neuen Zahlen. Die Indizes verloren zunächst zwischen 1,4 und 1,8 Prozent, machten diese Verluste angeführt von einer deutlichen Erholung bei Tech-Werten später aber wieder wett.
Am Anleihemarkt fiel die Rendite für zweijährige US-Staatsbonds bereits vor Veröffentlichung der Daten auf 3,55 Prozent und damit auf den tiefsten Stand seit zwei Jahren.
Kurzfristige Papiere reagieren in der Regel sensibler auf Veränderungen im erwarteten Zinsniveau. Vor dem wichtigen Notenbankertreffen in Jackson Hole Ende August, als Fed-Chef Powell letzte Zweifel an einer Senkung im September ausräumte, lag die Rendite noch über der Marke von vier Prozent. Die Rendite der zehnjährigen Papiere ist weniger stark zurückgegangen: von etwa 3,8 Prozent auf nunmehr 3,664 Prozent. Nach der Publikation der neuen Daten legten die Renditen beider Laufzeiten um etwa vier Basispunkte zu.
Fed zielt auf Vollbeschäftigung
Etwa zwei Monate vor der Präsidentschaftswahl in den USA ist die Entwicklung der US-Konjunktur eines der wichtigsten politischen Themen. Beim TV-Duell zwischen den Kandidaten Kamala Harris und Donald Trump in der Nacht zu Mittwoch war die Wirtschaftslage das erste Diskussionsthema.
Die jüngsten Daten fallen gemischt aus. Die US-Wirtschaft ist im zweiten Quartal um aufs Jahr hochgerechnet drei Prozent gewachsen und damit stärker als erwartet. Allerdings ist auf dem US-Arbeitsmarkt ein deutlicher Abschwung zu beobachten. Die Situation hat sich im Juli und August eingetrübt – das hat Investoren merklich verunsichert und neue Sorgen vor einer Rezession geschürt.
Anders als die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Fed ein sogenanntes duales Mandat. Sie zielt neben Preisstabilität auf Vollbeschäftigung. Die vergangenen Äußerungen Powells lassen darauf schließen, dass die Priorität der Fed gegenwärtig auf dem Arbeitsmarkt liegt.
Für einen ist bereits jetzt klar, dass die Fed falsch liegt. Hedgefonds-Milliardär John Paulson kritisiert die US-Notenbank dafür, dass sie mit einer Senkung der Leitzinsen viel zu lange gewartet habe. Paulson setzt deshalb jetzt auf eine rapide Lockerung der Geldpolitik in den kommenden Monaten. Bis Ende nächsten Jahres „würde ich beim Leitzins am ehesten von etwa drei Prozent ausgehen, vielleicht von 2,5 Prozent“, sagte der 68-Jährige in einem Interview.
Paulson wurde bekannt, weil er vor Ausbruch der Finanzkrise 2008 massiv gegen US-Hypotheken wettete und damit hohe Gewinne einfuhr. Der Hedgefondsmanager unterstützt im US-Präsidentschaftswahlkampf Trump und gilt bei einem Wahlsieg des Republikaners als möglicher Kandidat für den Posten des Finanzministers.
Bereits am Donnerstag wird die Europäische Zentralbank ihre erste geldpolitische Entscheidung treffen. Auch hier stehen die Zeichen auf Lockerung.
Aller Voraussicht nach wird EZB-Präsidentin Christine Lagarde einen weiteren Zinsschritt nach unten verkünden, sich aber nicht auf weitere Lockerungen festlegen. Davon gehen jedenfalls praktisch alle Experten aus.
Die Märkte können sich darauf einstellen, dass der Einlagensatz für Banken um einen Viertelprozentpunkt auf 3,5 Prozent sinken wird. Er ist der wichtigste der drei Leitzinssätze, weil Banken daran maßgeblich ihre Kredit- und Sparzinsen ausrichten. Die EZB hat in den vergangenen Monaten ähnlich wie die Fed jede Festlegung vermieden und immer wieder darauf verwiesen, sie entscheide in jeder Sitzung neu nach der jeweiligen Datenlage.