Handelsblatt-Musterdepots: Zukunfts-Depot: Wie neue Industriewälder das CO2-Problem lösen könnten
Frankfurt. Können Industriewälder unser Problem mit dem Kohlendioxid (CO2) lösen? Die österreichische Ingenieurgruppe Obrist verfolgt ein neues Konzept namens „Afuels“, das die grüne Energielandschaft nachhaltig verändern soll. Mit einer Anlage, die ähnlich wie ein echter Wald funktioniert, will Obrist künftig Kohlendioxid aus der Atmosphäre filtern und daraus kostengünstig grünen Treibstoff in Form von grünem Methanol herstellen. Dieses Projekt könnte eine der Schlüssellösungen für eine nachhaltige, wirtschaftliche Energieversorgung sein.
Investoren könnten dann über Aktien von Unternehmen wie dem britischen Wasserstoff-Energieanlagenbauer ITM Power und dem Brennstoffzellenhersteller SFC Energy daran teilhaben. Aktuell befindet sich die komplexe Anlage in der Konzeptionsphase. Die Prognosen stimmen optimistisch: Laut Obrist sollen die Industriewälder nicht nur 30-mal effektiver arbeiten als natürliche Wälder, sondern auch großes wirtschaftliches Potenzial bieten.
Voraussetzung dafür ist allerdings preiswerter Solarstrom. Über die Produktion von grünem Methanol und Nebenprodukten hinaus sind weitere Anwendungen des Konzepts geplant: Es verstärkt den Nutzen von Elektrolyseuren, also Stoffumwandlern mithilfe von Strom, und Brennstoffzellen, wie sie ITM Power und SFC Energy bauen.
Doch wie genau funktioniert dieser „Industrielle Wald“? Der Prozess lässt sich in fünf Komponenten unterteilen:
1. Kohlendioxid (CO2): Ähnlich wie Bäume CO2 aus der Luft aufnehmen, setzen die industriellen Wälder auf die Technologie des sogenannten „Direct Air Capture“ (DAC), um mit riesigen Gebläsen das CO2 aus der Luft zu filtern. Anschließend wird es für die Produktion genutzt.
2. Sonne: Günstige Solarenergie soll die Produktion von kostengünstigem Wasserstoff aus Wasser mittels Elektrolyseuren ermöglichen.
3. Grüner Wasserstoff: Für die Herstellung des grünen Wasserstoffs, der neben CO2 den zweiten Grundstoff für grünes Methanol darstellt, werden Elektrolyseure eingesetzt. Sie spalten Wasser mithilfe von Strom in Wasserstoff und Sauerstoff.
4. Grünes Methanol: In einem vierten Schritt werden das CO2 und der grüne Wasserstoff zur Herstellung von grünem Methanol genutzt. Methanol ist ein Energieträger, der in Brennstoffzellen zur Stromerzeugung, als Basis für E-Fuels in Verbrennungsmotoren oder als Grundchemikalie in der Industrie genutzt werden kann.
5. Negative CO2-Bilanz: Um die Klimabilanz des Projekts weiter zu verbessern, wird das restliche CO2 permanent in festes Grafit umgewandelt und kann zu Produkten weiterverarbeitet werden. Dabei könnten Carbon-Credits eine weitere Einnahmequelle darstellen.
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Unternehmen wie ITM Power und SFC Energy, die sich auf die Herstellung von Schlüsselkomponenten für die Wasserstoff- und Methanoltechnologie spezialisiert haben, können von solchen Konzepten profitieren. ITM Power produziert bestimmte Elektrolyseure zur Erzeugung von grünem Wasserstoff.
SFC Energy stellt Wasserstoff- und Methanol-Brennstoffzellen her, die Methanol in Energie umwandeln. Beide Unternehmen müssten zwar noch an typische Projektgrößen von Obrist heranwachsen. Doch je mehr wirtschaftliche Anwendungen für Brennstoffzellen und Elektrolyseure entstehen, desto schneller wird auch die Nachfrage nach diesen Technologien steigen.
Derzeit kommen die billigsten Alkali-Elektrolyseure aus China. Der Markt für erneuerbare Energien – insbesondere im Bereich Wasserstoff – steckt bekanntlich noch in den Kinderschuhen. Dafür sind die Erfolge von ITM Power und SFC Energy beachtlich.
ITM Power konnte seinen Umsatz trotz Projektverzögerungen zum Geschäftsjahr 2024 verdreifachen und seinen Auftragsbestand innerhalb der letzten 18 Monate um das 25-Fache steigern. Dies, obwohl viele Kunden aktuell eher zögerlich an solche Großprojekte herangehen.
Die Firma hat ihr Geschäft auf Skalierbarkeit und Kosteneffizienz ausgerichtet und sieht sich nach anfänglichen Produktionsschwierigkeiten nun gerüstet für steigende Nachfrage. ITM erwartet dem Datenanbieter LSEG zufolge für 2024 einen Erlös zwischen umgerechnet gut 21 Millionen und 26 Millionen Euro und einen bereinigten Vorsteuerverlust zwischen 42 Millionen und 48 Millionen Euro.
SFC Energy erzielte im ersten Halbjahr laut LSEG ein Umsatzwachstum von 24 Prozent auf knapp 71 Millionen Euro. Der bereinigte operative Gewinn legte um 71 Prozent zu auf 12,5 Millionen Euro. Die Bruttomarge betrug knapp 42 Prozent. Der Auftragseingang erhöhte sich um zehn Prozent. Das Ergebnis ist auf die hohe Nachfrage nach Methanol-Brennstoffzellen zur Energieversorgung netzferner Anwendungen zurückzuführen. SFC Energy baut seine Produktionskapazitäten aus.