Prüfers Kolumne: Das Patriarchat und die Sekretärin
Es ist gerade ein Buch über die Kulturgeschichte der Sekretärin erschienen. In „Die Sekretärin – Frauenkarriere und Lebensträume in den 1950er Jahren“ beschreibt die Kulturwissenschaftlerin Annegret Braun, wie sich in der Nachkriegszeit ein neues Berufsbild entwickelte.
Einerseits ermöglichte dieser Beruf damals vielen Frauen einen Berufseinstieg, für die es zuvor nicht möglich gewesen wäre. Gleichzeitig wurde die Sekretärin zum Symbol für die patriarchale Aufteilung der Arbeitssphäre. Männer sind in der Führungsrolle, Frauen dürfen dabei assistieren und ansonsten für „menschliche Wärme“ am Arbeitsplatz sorgen.
Befeuert wurde dies auch noch dadurch, dass lange die Vorstellung vorherrschte, eine Sekretärin sei vor allem darauf aus, einen erfolgreichen Mann zum Heiraten kennenzulernen. Manche Frau nutzte dies auch, um selbst Karriere zu machen an der Seite ihres Mannes.
KI-Assistenten lösen Sekretäre ab
Wie man am Beispiel der Verlegergattin Liz Mohn sieht. Das geschieht heute offenbar seltener als früher. Es wurde schon verschiedentlich moniert, dass die soziale Mobilität dadurch ins Stocken geraten sei. Menschen heiraten seltener über die sozialen Schichten hinweg. Heute ehelicht eher die Abteilungsleiterin den Abteilungsleiter, als dass der Abteilungsleiter seine Sekretärin heiraten würde.
Wobei man dazu sagen muss, dass die Hauptgefahr für die Sekretärin derzeit wohl nicht von Menschen, sondern Maschinen rührt. Überall, wo man einmal eine Assistentin brauchte, hat man heute einen KI-Assistenten. Ob es darum geht, Diktate aufzunehmen oder Briefe zu formulieren, Termine zu planen oder Korrespondenzen zu führen. Das alles machen heute Algorithmen, auch wenn die blechernen Computerstimmen noch vor allen daran scheitern, menschliche Wärme auszustrahlen.
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Es ist ein Glück, dass es mittlerweile immer mehr Frauen gelingt, auch auf den anderen Karrierepfaden in Führungspositionen in Wirtschaft und Politik zu kommen. Sonst wären die Männer bald allein mit den Maschinen, und das würde zu nichts Gutem führen.
Eine Sekretärin war zur Verschwiegenheit verpflichtet
Etwas in Vergessenheit geraten ist, dass die Sekretärin, bevor sie selbst in Not geriet, schon selbst ein Berufsbild ausgerottet hatte. Nämlich den Sekretär. Der ist mittlerweile nur noch als Möbelstück bekannt. Der „secretarius“ war schon im Mittelalter als vereidigte Person bekannt, die rechtliche Texte für einen Auftraggeber schrieb. Der Begriff leitete sich von „secretum“ für lateinisch „geheim“ ab. Denn ein „secretarius“ war zur Verschwiegenheit verpflichtet. Er war oft auch ein enger Berater seines Vorgesetzten. Dem Sekretär haftete oft die Aura des kühlen Pedanten an, des Schreibtischtäters.
Schade, dass es das heute nicht mehr gibt. Wären Sekretäre noch in Büros üblich, würde das vielen jungen Männern, die heute nicht wissen, was sie machen sollen, eine Möglichkeit des Berufseinstiegs geben. Auch wenn sie mit dem Stigma leben müssten, ja nur die Chefin heiraten zu wollen.
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