Lieferketten: Lehren aus der Coronakrise – Logistiker setzen verstärkt auf IT
Düsseldorf. Am Anfang fehlten Schutzmasken, Desinfektionsmittel und Toilettenpapier, kaum zwölf Monate später stapelte sich dieselbe Ware bis unters Lagerdach der Produzenten. Das Chaos in den Lieferketten, hervorgerufen durch Lockdowns und Hamsterkäufe während der Coronapandemie, vergrätzte nicht nur Konsumenten. Am Ende kostete es die Hersteller, die auf ihrer Überproduktion sitzen blieben, einen Teil des Ertrags.
Aus der bitteren Lehre ziehen Deutschlands Logistiker nun kostspielige Konsequenzen. 98 Prozent von ihnen, so ergab eine dem Handelsblatt exklusiv vorliegende Umfrage der Beratungs- und IT-Firma Manhattan, sehen bei ihrer Lieferketten-IT Modernisierungsbedarf. 32 Prozent denken sogar daran, sie vollständig auszutauschen.
Befragt hatte Manhattan 2000 Hersteller und Spediteure, davon 200 in Deutschland. Das Resultat: Genau die Hälfte aller Betriebe in der Bundesrepublik sieht bei der Lagerhaltung einen Verbesserungsbedarf in Sachen IT. Noch größer ist der Leidensdruck in Großbritannien (67 Prozent), Schweden (61 Prozent) sowie in Frankreich und Italien (jeweils 59 Prozent). Entspannter zeigen sich Logistiker in den Niederlanden, Belgien und Spanien.
Nachfrage nach zusätzlicher generativer KI wächst unter Logistikern
„Die Nachfrage nach sogenannten Order-Fulfillment- Management-Systemen wächst derzeit jährlich um 15 Prozent“, sagt Pieter van den Broecke, der vom belgischen Gent aus das Europageschäft von Manhattan Associates leitet. „Drei Viertel der Logistiker wünschen sich dabei den zusätzlichen Einsatz von generativer Künstlicher Intelligenz.“
Die Marktbeobachter von CXO Today schätzen den Umsatz mit solchen Lieferketten-Softwarepaketen, die den Warenfluss von der Produzentenauswahl über die Herstellung, Lagerhaltung und Auslieferung zum Endkunden in Echtzeit verfolgen, für 2026 auf 3,9 Milliarden US-Dollar.
Zu den Anbietern zählen neben IBM, SAP und Manhattan auch Firmen wie Oracle, Microsoft oder Blue Yonder. Den Gesamtmarkt der Digitalisierung in der Logistik, der unter anderem auch das Flottenmanagement umfasst, schätzt die Marktforschungsfirma Gartner für dieses Jahr sogar auf 29,7 Milliarden Dollar.
Wie dringend die Digitalisierung der Lieferketten gebraucht wird, zeigen derzeit nicht allein die Engpässe in der deutschen Medikamentenversorgung. Unter einer Fehlplanung bei der Beschaffung leidet mehr noch die zunächst hoffnungsvoll gestartete Solarstrom-Industrie.
Hier hatten sich die Händler in der Vergangenheit ihre Lager mit Solarpanels vollgepackt, weil sie wegen der staatlichen Förderung einen Nachfrageboom erwarteten. Doch die mehrheitlich in China produzierenden Betriebe leiden seit zwei Jahren derart unter Überkapazitäten, dass sie ihre Produkte längst zu Preisen auf den europäischen Markt werfen, die weit unter den ehemaligen Einkaufspreisen deutscher Händler liegen.
Solarbranche fehlte nötige Transparenz
Weil diesen die nötige Transparenz über das Marktgeschehen fehlte, müssen sie nun ihre Bestände massiv abschreiben. Vor wenigen Tagen erst kündigte der Solarhändler Zolar an, die Hälfte der Belegschaft zu entlassen – und folgt damit dem Wettbewerber Otovo. Konkurrenten wie Eigensonne, Envoltec und Enersol meldeten zuvor schon Insolvenz an.
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Der Einsatz Künstlicher Intelligenz soll die Absatzplanung verbessern – und damit Über- und Unterkapazitäten im Lager verhindern. „Je nach Branche beobachten wir eine Treffsicherheit zwischen 90 und 98 Prozent“, berichtet Lieferketten-Experte van den Broecke.
Erst bei ausgefalleneren Produkten werde es schwieriger. „Bei der Vorhersage, wie groß etwa die Nachfrage sein wird nach einem speziell gefärbten Lippenstift der Sängerin Dua Lipa, sinkt die Prognose.“
Welche Vorteile der Einsatz einer voll digitalisierten Lieferkette bringt, zeigt sich bei vielen E-Commerce-Händlern in den Niederlanden. Dort haben Anbieter wie der Elektronikversender Cool Blue ihren Betrieb derart professionell mit IT-Systemen ausgestattet, dass sie bei telefonischen Kundenrückfragen automatisch den Käufer namentlich erkennen. Durch die gespeicherte Kundenhistorie lassen sich Probleme leichter lösen und passende Angebote unterbreiten.
Niederländer halten Amazon auf Abstand
Im Wettbewerb hilft dies den niederländischen Händlern enorm. Während in Deutschland Amazon fast alle heimischen E-Commerce-Anbieter um Längen überflügelt, weil der US-Konzern seit Jahren die eigene Digitalisierung massiv vorantreibt, ist das Onlinekaufhaus in den Niederlanden gerade einmal die Nummer acht.
„Weil in der Bundesrepublik kaum ein Versender an die IT von Amazon herankam, konnte das US-Unternehmen dort rasch Marktanteile gewinnen“, sagt van den Broecke rückblickend. „Deutschland ist für den Onlinehändler heute weltweit der zweitstärkste Markt nach den USA.“
Die Begründung liefert der Lieferketten-Experte gleich mit: Deutschland sei zwar führend bei Hardware wie Autos, Maschinen oder Chemie, sagt er. „Bei der Digitalisierung aber hat sich das Land auf den dortigen Erfolgen ausgeruht.“
Als ruhmreiche Ausnahmen nennen Branchenexperten entsprechend nur wenige Betriebe. Hier fallen Namen wie die Baumarktkette Bauhaus, der Modeanbieter Hugo Boss und der Logistikkonzern DHL.
Der Einsatz von Order-Management-Systemen – Branchenkürzel: OMS – hat allerdings seinen Preis. Ihr Aufbau verschlingt üblicherweise das 2,5- bis Sechsfache des Jahresumsatzes, wie es in der Branche heißt. „Meist amortisiert sich die Investition schon nach sechs bis neun Monaten“, wirbt van den Broecke für den Einsatz. Mitunter könne es aber bis zu sechs Jahre dauern, bis die Einführung einer neuen IT-Lösung abgeschlossen ist, wenn sie mehrere Länder umfasst.
Digitale Kontrolle drückt die Kosten
Effizienzgewinne versprechen Softwareanbieter wie Oracle, Blue Yonder oder Manhattan dabei nicht nur bei der Absatzplanung und im Vertrieb. Die IT-Systeme helfen auch bei den Abläufen, wie sich die Ware am effizientesten durchs Lager bewegt – und deckt Leerläufe bei der Personaleinsatzplanung auf. „Damit lassen sich dort die Kosten um zehn bis 15 Prozent reduzieren“, verspricht van den Broecke.
Eine weitere Quelle, aus der sich Anbieter von Sportartikeln, Fashion oder Heimwerkerbedarf ihre Investitionskosten zurückholen dürften, sind die beauftragten Speditionen und Transporteure. Durch die digitale Sendungsverfolgung lässt sich ermitteln, ob sie ihre vertraglich zugesicherten Transportmodalitäten einhalten. „Falls nicht“, sagt van den Broecke, „lassen sich die Rechnungen der Spediteure bisweilen um zehn bis 30 Prozent kürzen.“