Konjunktur: Deutsche kaufen aus Angst vor Arbeitsplatzverlust weniger
Düsseldorf. Wachsende Sorgen vor Arbeitsplatzverlust lasten auf der Konsumstimmung der Deutschen. Jeder sechste Befragte im Rahmen des HDE-Konsumbarometers gibt mittlerweile an, der eigene Arbeitsplatz sei in letzter Zeit unsicherer geworden. Dies dämpft die Erwartungen an das eigene Einkommen merklich, sodass die Konsumneigung sinkt.
Damit fällt auch das HDE-Konsumbarometer für Oktober den vierten Monat in Folge und notiert mit 96,13 Punkten nun auf dem tiefsten Stand seit April dieses Jahres. Das Barometer basiert auf einer repräsentativen Befragung von rund 1600 Haushalten in Deutschland; es wird monatlich vom Handelsblatt Research Institute für den Handelsverband HDE berechnet.
Grund für die wachsenden Sorgen vor Arbeitsplatzverlust ist die anhaltend schwache Konjunktur. Im zu Ende gegangenen dritten Quartal dürfte die reale Wirtschaftsleistung kaum höher gelegen haben als Ende 2019, also vor Ausbruch von Pandemie, Ukrainekrieg und der daraus folgenden Inflation. Immer wieder verkünden Großunternehmen Arbeitsplatzabbau. Gleichzeitig ist die Zahl der Insolvenzen dramatisch hoch; laut IWH gingen im Spätsommer 37 Prozent mehr Unternehmen pleite als im August-Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019.
Nach Berechnungen der Bundesagentur für Arbeit (BA) steigt die saisonbereinigte Arbeitslosenzahl seit dem Frühjahrsommer 2022 nahezu stetig, im Schnitt um 19.000 Personen pro Monat. Im Vergleich zu den Tiefstständen im Frühjahr 2019 sind heute rund 600.000 Menschen mehr arbeitslos.
„Es kann im nächsten Frühling, wenn sich daran nichts ändert, auch kurzfristig dazu führen, dass wir über drei Millionen kommen“, warnte BA-Chefin Andrea Nahles bei der Vorstellung der Arbeitsmarktdaten für September. Das Handelsblatt Research Institute erwartet gar im Mittel des kommenden Jahres drei Millionen Arbeitslose. Nahles mahnte: „Wir brauchen schlicht und ergreifend im Laufe des nächsten Jahres eine konjunkturelle Belebung.“
Konjunkturerwartungen trüben sich weiter ein
Nach Einschätzung der Verbraucher ist die in weiter Ferne. Infolge der miserablen jüngsten Wirtschaftsdaten verschlechterten sich die Konjunkturerwartungen nochmals spürbar.
Vor einigen Tagen war das Ifo-Geschäftsklima zum vierten Mal in Folge gesunken, und das Herbstgutachten der Wirtschaftsforschungsinstitute hatte der Regierung für dieses Jahr erneut eine leicht schrumpfende Wirtschaftsleistung vorhergesagt. Anders als zuvor prognostiziert sei die „erhoffte Belebung“ des privaten Konsums trotz kräftig gestiegener real verfügbarer Einkommen bislang ausgeblieben, schrieben die Institute.
Die privaten Haushalte hätten ihre Einkommen „vermehrt auf die hohe Kante“ gelegt, anstatt sie für Konsumgüter auszugeben. Dies habe „wohl vor allem an der zunehmenden Verunsicherung“ gelegen. So habe sich die Sparquote fünf Quartale hintereinander erhöht und zuletzt mit 11,3 Prozent knapp einen halben Punkt über ihrem langfristigen Niveau gelegen.
Anders als das Herbstgutachten gibt das Handelsblatt Research Institute auch für das kommende Jahr keine Entwarnung – die Wirtschaftsleistung dürfte 2025 das dritte Jahr in Folge leicht schrumpfen. Der Transformationsprozess, in dem sich die industrielastige deutsche Wirtschaft befindet, dürfte noch mindestens bis Ende dieses Jahrzehnts andauern. Hinzu kommt der sich verschärfende Alterungsprozess der Gesellschaft, der das Trendwachstum auf nur noch rund 0,5 Prozent pro Jahr drückt – in der vergangenen Dekade hatte das Trendwachstum noch rund 1,5 Prozent betragen. Quartale mit Null- oder Miniwachstum dürften also auf Dauer zur neuen Realität werden.
Einzelhandel bangt um Weihnachtsgeschäft
Entsprechend trist ist die Stimmung im Einzelhandel: Das vom Ifo-Institut ermittelte Geschäftsklima notiert im September bei minus 25,6 Punkten nach minus 23,1 Punkten im August. Negative Werte zeigen an, dass die Anzahl der Pessimisten größer als die der Optimisten ist.
Der Wert für die aktuelle Geschäftslage notiert bei minus 17,2, der für die Geschäftsaussichten gar bei minus 33,6 Punkten. Fast scheint es, als hätten viele Einzelhändler das wichtige Weihnachtsgeschäft schon abgeschrieben.
Noch am besten ist die Stimmung im Einzelhandel mit „Nahrungs- und Genussmitteln, Getränken und Tabakwaren“ – das Geschäftsklima beträgt hier minus 7,2 Punkte. Desaströs ist hingegen die Stimmung im Handel mit „sonstigen Haushaltsgeräten, Textilien, Heimwerker- und Einrichtungsbedarf“, wo der Index bei minus 40,3 Punkten notiert.
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Amtliche Daten zur Entwicklung des Einzelhandelsumsatzes fehlen noch immer, da das Statistische Bundesamt seine monatliche Berichterstattung im Juni aufgrund von IT-Problemen aussetzen musste. Mitte Oktober ist die Wiederaufnahme geplant.
Auch das meist um Zuversicht bemühte Bundeswirtschaftsministerium erkennt den Ernst der Lage an. Das hauseigene Prognosemodell des Nowcast schätzt für das dritte Quartal 2024 einen preis-, saison- und kalenderbereinigten Rückgang des Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorquartal um 0,4 Prozent, heißt es im aktuellen Monatsbericht des Ministeriums.
Für das Schlussquartal signalisiert dieses täglich aktualisierte, rein technische, zeitreihenanalytische Modell ein Plus von 0,2 Prozent. Erste Ergebnisse zur wirtschaftlichen Entwicklung im dritten Quartal veröffentlicht das Statistische Bundesamt am 30. Oktober.