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EnergieRWE-Chef hält deutsches Atom-Comeback für „sehr unrealistisch“

Seit Monaten debattiert Deutschland über eine mögliche Rückkehr zur Atomkraft. Jetzt macht der Chef des größten Energiekonzerns eine deutliche Ansage.Kathrin Witsch 14.11.2024 - 09:30 Uhr Artikel anhören
Markus Krebber: Der Vorstandsvorsitzende von RWE spricht sich gegen einen „Rückbau des Rückbaus“ aus. Foto: dpa

Düsseldorf. Die Debatte über einen möglichen Ausstieg aus dem Ausstieg reißt auch anderthalb Jahre nach dem Abschalten der letzten Atommeiler in Deutschland nicht ab. Jetzt hat sich RWE-Chef Markus Krebber klar gegen eine Rückkehr zur Atomenergie ausgesprochen.

„Wir sind hierzulande über den Punkt hinaus, an dem wir abgeschaltete Atomkraftwerke wieder zurück ans Netz bringen sollten“, sagte der Vorstandsvorsitzende von Deutschlands größtem Energiekonzern am Mittwoch in einem Gespräch mit Investoren. Das sei zwar technisch möglich, doch „wenn man sich die Hürden und vor allem die Kosten dahinter anguckt, halte ich das doch für sehr unrealistisch“.

Es fehlten Genehmigungen, Fachkräfte und vor allem finanzielle Sicherheiten. So bräuchte es einen langfristigen Stromabnahmevertrag mit festen Preisen, da sich die Atomkraftwerke angesichts von immer mehr Wind- und Solaranlagen nicht mehr rechnen würden.

Der Rückbau ist längst in vollem Gange

Weil der Stromverbrauch in Zukunft deutlich steigt, droht Deutschland angesichts von Kohle- und Atomausstieg eine massive Lücke bei grünem Strom. Statt für den Übergang wie geplant auf Gaskraftwerke und Stromimporte aus dem Ausland zu setzen, fordern einige Politiker und Unternehmer eine Rückkehr zur Atomenergie.

Im April 2023 waren die letzten drei Meiler in Deutschland vom Netz gegangen – damit war das Zeitalter der Atomenergie hierzulande offiziell besiegelt worden. Seitdem treiben vor allem führende Politiker von CDU, CSU und FDP die Debatte um einen Stopp des Rückbaus. Sie  begründen das mit günstigerer und zuverlässigerer Energieversorgung für die deutsche Industrie. Die drei Kraftwerke hatten zuletzt ungefähr sechs Prozent der deutschen Stromversorgung produziert.

Im Falle eines Wahlsiegs bei der Bundestagswahl wollen die Unionsparteien die zuletzt vom Netz genommenen Atomkraftwerke reaktivieren. Ende September hatten CDU und CSU im Bundestag sogar ein „Rückbau-Moratorium“ für die zuletzt abgeschalteten Reaktoren gefordert. „Die Ampel muss sicherstellen, dass die Kernkraftwerke nicht zerstört werden“, hatte Unionsfraktionsvize Jens Spahn (CDU) dem Handelsblatt gesagt.

Dabei ist der Rückbau längst in vollem Gange. „Wir sind vom Gesetz gezwungen, die Atomkraftwerke rückzubauen, und reißen jeden Tag ein Stück mehr ab“, versicherte RWE-Chef Krebber am Mittwoch. Das wieder rückgängig zu machen dauere drei bis vier Jahre. Dann wäre schon wieder die nächste Bundesregierung dran. „Auch hier bräuchte es vor allem rechtliche Sicherheiten, damit die nächste Regierung das nicht direkt wieder stoppt oder mit Klagen überzieht“, so Krebber.

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Atombefürworter sehen in der Atomkraft vor allem eine Quelle günstiger und verlässlicher Energieversorgung für die Industrie. Angesichts des steigenden Stromverbrauchs, vor allem von Rechenzentren, hatte die US-Regierung unter Joe Biden erst am Dienstag Pläne für eine Verdreifachung der nuklearen Energiekapazität bis 2050 vorgelegt.

Bis dahin wollen die USA neue Reaktoren bauen, Anlagen wieder in Betrieb nehmen und bestehende Anlagen modernisieren. So sollen 200 Gigawatt an zusätzlichen Kapazitäten bis 2050 entstehen.

Weltweit gehen aktuell zwar mehr Atomkraftwerke vom Netz als neue hinzukommen. Aber zugleich steigt die Zahl der geplanten neuen Meiler. Jene, die aktuell schon im Bau sind, kämpfen allerdings mit drastisch steigenden Kosten. Das britische Bauvorhaben Hinkley Point gilt dabei als Paradebeispiel.

Umstrittenes Projekt Hinkley Point: Die Kosten für das im Bau befindliche britische Atomkraftwerk steigen immer weiter, zugleich verschiebt sich die Inbetriebnahme. Foto: Bloomberg/Getty Images

Bei Baubeginn im Jahr 2016 beliefen sich die geschätzten Kosten des Kraftwerks auf rund 21 Milliarden Euro. Aktuelle Schätzungen deuten jedoch darauf hin, dass die Gesamtkosten mittlerweile die 30-Milliarden-Euro-Marke überschreiten – und das unter Berücksichtigung des damaligen Pfund-Werts. Umgerechnet auf heutige Währungsrelationen könnte die Summe sogar bei etwa 50 Milliarden Euro liegen. Zudem verschiebt sich die Inbetriebnahme des ersten von zwei Reaktoren von 2025 auf frühestens 2031.

Die Wirtschaftlichkeit von Atomkraftwerken wird zunehmend als problematisch erachtet. Eine aktuelle Studie des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) zeigt, dass Photovoltaikanlagen inklusive Speicher zwischen 4,1 und 14,4 Cent pro Kilowattstunde (kWh) kosten, während Windkraftanlagen an Land mit 4,3 bis 9,2 Cent deutlich günstiger sind.

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Im Gegensatz dazu liegen die Stromgestehungskosten neuer Kernkraftwerke zwischen 13,6 und 49 Cent, was sie zur teuersten Form der Energieerzeugung macht – ganz zu schweigen von den zusätzlichen Kosten für die Endlagerung radioaktiver Abfälle. Und die Kluft zwischen den Kosten neuer Atomkraftprojekte und erneuerbaren Energien wird immer größer.

Erstpublikation: 13.11.2024, 16:01 Uhr.

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