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AusstellungAuf der Suche nach dem Göttlichen in der Kunst

Helene Kröller-Müller schenkte den Niederlanden 1935 eine der größten privaten Kunstsammlungen nebst dem dazugehörigen Museum. Doch erst heute versucht das Kröller-Müller-Museum herauszufinden, was sie antrieb.Christiane Fricke 30.01.2025 - 15:07 Uhr aktualisiert Artikel anhören
Helene Kröller-Müller suchte und fand die Spiritualität in der Kunst wie zum Beispiel in Piet Mondrians berühmtem Gemälde „Compositie 10 in zwart wit“, das sie 1915 ankaufte. Foto: Kröller-Müller Museum, Otterlo

Otterlo. Anton Kröller war durch und durch Geschäftsmann. Reich geworden mit Schifffahrt, Handel und Minenbetrieben, hatte sich der niederländische Unternehmer um die Jahrhundertwende mit dem einen oder anderen Altmeister umgeben – so wie es viele zu Wohlstand gekommene Bürger um 1900 taten.

„Es könnte ein gutes Investment sein“, dachte er sich. 1908 begann dann seine Frau Helene, einen Van Gogh nach dem anderen zu kaufen. Und Anton legte ihr keine Steine in den Weg. Ihm war klar, dass die Preise für van Gogh noch sehr günstig waren.

„Es könnte auch ein gutes Investment sein“, antwortet die niederländische Kuratorin Renske Cohen Tervaert auf die Frage, was Anton bewegte, seine Frau so großzügig machen zu lassen. Immerhin gab sie allein im Jahr 1912 fast 210.000 holländische Gulden – heute umgerechnet rund 2,5 Millionen Euro – nur für Van-Gogh-Ankäufe aus, davon rund die Hälfte auf ihrer Paris-Reise im April. Damals war sie mit dem Kunstvermittler H. P. Bremmer unterwegs, den Anton noch selbst darauf eingeschworen hatte, die besten van Goghs aufzuspüren.

Cohen Tervaert hat die Ausstellung „Searching for Meaning“ im Kröller-Müller-Museum in Otterlo entwickelt. Denn ein Jahr vor Baubeginn des Erweiterungsbaus wollte man dort mehr über die Frau in Erfahrung bringen, der die Niederlande eines ihrer schönsten Museen und die weltweit zweitgrößte Van-Gogh-Sammlung verdanken. Was trieb sie an? Rund 12.000 Kunstwerke waren 1939 am Ende ihres Lebens zusammengekommen, darunter allein 90 Gemälde und 180 Zeichnungen von van Gogh. Bislang wusste man einfach zu wenig über Helene.

Auf jeden Fall war Helene Kröller-Müller eine Frau, die nicht wegen der Hüte nach Paris fuhr, wie die Kuratorin es so schön formuliert.  Aber auch nicht, um ein „Investment“ zu machen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist die gebürtige Deutsche nämlich auf der Suche nach etwas anderem, nach einem übergeordneten Sinn.

Ihr Lehrmeister ist Bremmer, der die Kunst als Vermittlerin einer spirituellen Erfahrung begreift; ihr Nährboden der Wille zum selbstständigen Denken, mit dem sie sich schon als junge Frau von religiösen Erwartungen emanzipiert, geleitet vom Interesse an den Ideen von Freigeistern wie Lessing, Schiller und Goethe; und ihr Spiritus Rector Baruch de Spinoza, der niederländische Philosoph, der im 17. Jahrhundert die verstörende Idee vertrat, dass Gott mit der Natur identisch sei.

Die Hängung zu Beginn der Ausstellung „Searching for Meaning“ inszeniert ganz im Sinne Helene Kröller-Müllers das Zwiegespräch zwischen einem mittelalterlichen Christuskopf und einem im frühen 20. Jahrhundert „modernen“ Künstler wie Vincent van Gogh. Hier abgebildet sein 1909 erworbenes Stillleben „Korb mit Zitronen und Weinflasche“. Foto: Marjon Gemmeke

In der Ausstellung hängt eingangs van Goghs „Korb mit Zitronen und Weinflasche“ neben einem holzgeschnitzten Christuskopf. Den hatte Helene 1912 während ihrer Jagd auf Van-Gogh-Werke im Pariser Antiquitätenhandel entdeckt und „Spinoza-Christus“ genannt. Eine Referenz an Spinozas Idee, dass Gott in der Natur wie in den Dingen ist. Also musste er auch in der Kunst sein.

Die meisten Besucher des Kröller-Müller-Museums haben nichts Eiligeres zu tun, als die van Gogh gewidmeten Säle in der ständigen Sammlung aufzusuchen. Hier hängen die auf der ganzen Welt bewunderten Gemälde wie Perlen aneinandergereiht an den Wänden.

Die Wechselausstellung dagegen bemüht sich, Raum für die Künstler und ihre Werke zu schaffen, denen Helene auf ihrer Suche nach dem Göttlichen in der Kunst begegnete. Das gelingt, weil sie erstens nicht mit Exponaten überfrachtet ist. Zweitens ermöglicht die Ausstellungsarchitektur mit ihren Gaze-verspannten Trennwänden abgeschirmte Räume für das Zwiegespräch mit ausgewählten Werken, die zugleich eine gewisse Durchsicht erlauben.

Die Schau ist auch deshalb ein Gewinn, weil Cohen Tervaert bei der Durchsicht der Depotbestände Arbeiten zutage förderte, die kaum oder länger nicht mehr zu sehen waren. Das trifft zwar nicht auf das Schlüsselwerk „Compositie 10 in zwart wit“ von Piet Mondrian zu, wohl aber zum Beispiel auf die bizarren Philosophensteine, die im alten China gesammelt wurden und wie die kleinen, aus Speckstein geschnitzten Figürchen von Wilhelmina Drupsteen lange nach dem Tod Helenes in die Sammlung gelangten.

Zu den jüngeren Ankäufen, die unter nachfolgenden Museumsdirektoren in die Sammlung gelangten, gehören auch ein abstraktes Hochzeitsbild der iranischen Künstlerin Shirazeh Houshiary und Nam June Paiks Installation „Film for Zero“, die 1971 unter Rudi Oxenaar erworben wurde. Die Ausstellung erweitert also ihren Fokus, indem sie einige der im Geiste Helenes getätigten Ankäufe nachfolgender Direktoren mit einbezieht.

Odilon Redon war wie Helene Kröller-Müller auf der Suche nach Erkenntnis und fasziniert von der Verschmelzung verschiedener Glaubensformen. Davon zeugt sein Pastell „Le Sacré Coeur (Le Boudha)“, das Helene 1922 erwarb. Foto: Kröller-Müller Museum, Otterlo

Einen Geistesverwandten muss Helene in Odilon Redon gefunden haben. Auch er war auf der Suche nach Erkenntnis und fasziniert von der Verschmelzung verschiedener Glaubensformen. Das war im ausgehenden 19. Jahrhundert unter jungen Künstlern ein großes Thema. Davon zeugt Redons Pastell „Le Sacré Coeur (Le Boudha)“. Das auf den ersten Blick überaus rätselhafte Blatt entstand, indem Redon eine frühere Studie mit Christuskopf kopierte und dieser Darstellung eine Lotusblüte hinzufügte.

1912 wusste Helene bereits, dass sie ihre Kunstsammlung dem Staat schenken würde. So wie die Medici. Das hatte sie sich auf ihrer Florenzreise 1911 vorgenommen, nachdem sie von einer lebensgefährlichen Krankheit genesen war. Und so kam es auch bereits 1935. Sie erlebte 1938 noch die Eröffnung des Kröller-Müller-Museums im Nationalpark Hoge Veluwe. Dessen Planungen hatte sie selbst seit 1913 vorangetrieben, ohne das Ziel über Inflation und Wirtschaftskrisen, auch des eigenen Unternehmens, aus den Augen zu verlieren.

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Niederlande

Otterlo hat mit diesem Ausstellungsprojekt eine Fülle neuer Erkenntnisse über ihre Museumsgründerin und die von ihr geprägte Weiterentwicklung der Sammlung gewonnen. Umso bedauerlicher ist es, dass auf einen Katalog verzichtet wurde.

„Searching for Meaning“, Kröller-Müller-Museum, Otterlo, bis 11. Mai 2025

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