Foto-Festival: Düsseldorf blickt hinter die Kulissen der Bilderflut
Düsseldorf. Die Stadt Düsseldorf stand in Sachen Fotografie bereits wiederholt in der Kritik. Erinnert sei an den umstrittenen Acht-Millionen-Ankauf für die Fotosammlung des Museums Kunstpalast vor vier Jahren und an das lange Ringen um die Ansiedlung des Bundesinstituts für Fotografie, dessen Gründung noch immer aussteht.
Nun gibt es erneut Ungemach. Denn die Stadt strich dem vor vier Jahren neu aufgestellten Fotofestival erhebliche Mittel. Statt 250.000 Euro flossen nur 200.000 Euro. Die Streichung ist das Ergebnis eines politischen Ränkespiels infolge des Protests weniger sich übergangen fühlender Akteure. Da half auch schriftlicher Flankenschutz durch den Oberbürgermeister nicht, der das kuratierte Konzept der „düsseldorf photo+“ verteidigte.
Die Stadt Düsseldorf, die durch den Rüstungskonzern Rheinmetall über so viel Geld wie schon lange nicht mehr verfügt, hat sich damit keinen Gefallen getan. Denn das Festival ist ein Baustein, mit dem die Stadt ihr Profil als Foto- und Medienstadt schärfen könnte. Die Voraussetzung dafür ist eben nicht ein Veranstaltungsformat, in das wie in einen Gemischtwarenladen wahllos alles hineingepfropft werden kann, was nur irgendetwas mit Fotografie zu tun hat.
Wozu ist ein Fotografiefestival gut, wenn nicht um gesellschaftlich und medial relevante Fragestellungen kennen zu lernen und zu erörtern? Das geschieht im Fall der Biennale „düsseldorf photo+“, indem sie das foto- und medienbasierte Bild, also einen erweiterten Begriff des Fotografischen, in ihren Mittelpunkt stellt. Damit kann sie an eine Geschichte der Auseinandersetzung mit Medien anknüpfen, die in Düsseldorf nicht erst mit Bernd und Hilla Becher beginnt. Man erinnere sich nur an die Spuren, die Nam June Paik, der „Vater der Videokunst“, oder Joseph Beuys in der Stadt hinterließen. Letzterer in Gestalt der Fotografien, die Ute Klophaus von seinen Aktionen machte.
Die Künstlerin Pola Sieverding und der Galerist Rupert Pfab, beide künstlerische Leiter der „photo+“, haben für diese dritte Ausgabe erstmals ein Leitmotiv gesetzt. „On Reality“ bildet das weit gefasste Themendach, unter dem sich Ausstellungen, Talks, ein Symposium und Konzerte an 50 Veranstaltungsorten versammeln ließen.
Im Zentrum steht wieder eine kuratierte Ausstellung, diesmal umständehalber abgespeckt auf acht beteiligte Künstlerinnen und Künstler. Schauplatz ist der ehemalige Off-Space-Raum LRRH mitten in der Innenstadt. Die „Ways of Seeing“ betitelte Schau wirft den Blick hinter die Bilder, die täglich milliardenfach digital ausgespielt werden: an uns selbst und an Akteure, die mit ihnen Macht ausüben oder Geld verdienen.
Die Erkenntnisse, die sich gewinnen lassen, amüsieren vordergründig. Im Grunde sind sie ein Schock. Künstler gehen dabei subtil zu Werke wie die Griechin Kyriaki Goni, die in Gestalt eines Avatars auf dem Bildschirm erscheint. Dieser erteilt spielerische Tipps, um online nicht von Sprachassistenten wie „Siri “gehört und erfasst zu werden. Wer weiß schon, dass allein auf Youtube täglich rund 3,7 Millionen neue Videos hochgeladen werden. Daraus werden aus Geräuschen und Stimmen Audiodatensätze erstellt, die zum Trainieren von Algorithmen und Zielgruppen verwendet werden.
Die Schau schlägt den Bogen auch zurück in die Vergangenheit. Es war ein Glücksfall, dass die Happenings der oppositionellen Künstlergruppe „Clara Mosch“ umfänglich fotografisch dokumentiert wurden. So geschehen auch im Fall der Aktion „Mehl Art 80“, mit der das DDR-Kollektiv auf die Überwachung durch die Stasi antwortete. Später stellte sich heraus, dass sich die Fülle an Fotodokumenten einem inoffiziellen Stasi-Mitarbeiter verdankte, der zugleich assoziiertes Mitglied der Gruppe war.
Sprengstoff anderer Art transportierten die Foto- und Videoarbeiten, mit denen die Galerie boa-basedonart bis in die frühen 1970er-Jahre zurückschaut. Hier geht es um alternative Perspektiven auf Geschlechtsidentität und Selbstdarstellung. Beteiligt sind Arbeiten von Jürgen Klauke, Helmut Schweizer, Friedl Kubelka vom Gröller, Christa Mayer und Nil Yalter. Die Farbfotografien, mit denen heute Lin Zhipeng seine Sexualität zum Ausdruck bringt, könnte er in China nicht öffentlich zeigen (bis 5. Juli).
Bei Konrad Fischer stößt man – erstaunlich spät – auf die erste Einzelausstellung des bereits 2013 verstorbenen kalifornischen Künstlers Allan Sekula. Er war Fotograf, Essayist und Performancekünstler zugleich, ausgerüstet mit einem scharfen Blick für die Veränderungen der Lebens- und Arbeitswelt unter den Bedingungen der Globalisierung. Durch die Wahl des Blickwinkels macht er den Betrachter zum Beobachtenden. So regt er dazu an, die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Zusammenhänge zu hinterfragen, in denen Fotos produziert und konsumiert werden (bis 27. Juli).
Wie sich die Realität in die Bilder schleicht, ist eindrucksvoll bei Rupert Pfab in der Galerie zu erleben. Hier zeigt Helmut Schweizer ein Stimmung erzeugendes Amalgam aus verschiedenen Bildquellen: den Holzschnitten der „Apokalypse“ Albrecht Dürers, eigenen Fotografien und gesammeltem Bildmaterial über den Krieg in der Ukraine (bis 22. Juni).
Zum Abschluss eines ersten Rundgangs empfiehlt sich eine Beruhigungspille. „Here“ heißt die Schau bei Van Horn, für die Galeristin Daniela Steinfeld die zeitlos anmutenden Künstlerporträts von Albrecht Fuchs versammelt hat. Zugleich feiert sie das 20-jährige Bestehen ihrer Galerie, in der viele der Porträtierten ausstellten. So trägt auch diese Ausstellung dazu bei, Düsseldorf als Fotostadt Profil zu verleihen (bis 13. Juli).
„Biennale for Visual and Sonic Media düsseldorf photo+“, 17.5. bis 14.7. an 50 verschiedenen Orten, in Galerien, Museen, privaten Sammlungen und Off-Räumen. Es erscheint eine kostenlose Broschüre.
Ausstellung „Ways of Seeing“, LRRH, Kapuzinergasse 24, 40213 Düsseldorf, Mi. bis Sa., 14 bis 19 Uhr.
Symposium „On Reality“, K21, Ständehaus, Düsseldorf, 18. bis 19.5., 11 bis 17:30 Uhr
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