Ausstellung: Mike Kelleys irrsinnige Welt in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen
Düsseldorf. Es gab Zeiten, da rauften sich einige Leute die Haare, weil das New Yorker Whitney Museum dem kalifornischen Künstler Mike Kelley eine „midcareer“-Ausstellung in seinen heiligen Hallen ausrichtete. Das ist genau 30 Jahre her. Kelley war damals Ende dreißig, und das der US-Kunst gewidmete Museum im Begriff, sich als Ort gesellschaftlicher Debatten zu profilieren.
Da passte das „Enfant terrible“ mit seinen ausrangierten, angeschmuddelten Kuscheltieren, den „Garbage“ (Schmutz)-Zeichnungen und Häkeldecken-Arrangements hinein. Er machte Amerika Angst. Kelley sorgt heute nicht mehr für Beunruhigung.
Jedenfalls wenn man ihm in einer so dicht gedrängten Zusammenstellung begegnet wie in der Retrospektive der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Beim Betreten fühlt sich die Ausstellung im Ständehaus an wie ein Jahrmarkt: geräuschvoll, aufdringlich und überwältigend, anrüchige Attraktionen inklusive. Aber das Ganze betrachtet man aus einer eher kulturwissenschaftlichen Neugier heraus.
Wie tickte dieses Amerika mit seinen befremdlichen Ritualen und Überzeugungen aus der Sicht dieses Künstlers, der in der Nachkriegszeit in einem katholischen Arbeiterhaushalt in Detroit aufwuchs? Der sich weder seiner Familie noch seinem Land verbunden fühlte. Dem die Welt „als Medienfassade und die ganze Geschichte als Fiktion – ein Haufen Lügen“, erschien?
Die Ausstellung gibt keine einfachen Antworten. Denn Kelley arbeitet mit vielfältigen Rückbezügen auf historische und jüngere Avantgardebewegungen, auf feministische Konzepte und die intellektuellen Diskurse seiner Zeit. Dabei bedient er sich aller verfügbaren künstlerischen Mittel, von der Zeichnung über die Skulptur, das Bühnenbild und Modell bis hin zu den Aufführungskünsten, die eine zentrale Rolle spielen.
Musicalartige Nummern
Im Prinzip ist Kelleys Werk ein einziger Abgesang auf die cleane Sprache von Minimal Art und Konzeptkunst. Ein Spiegelbild liefert die reinszenierte Installation „Day is Done“ mit ihrer Anhäufung von Aufnahmen auf die Spitze getriebener High-School-Rituale, die Kelley für die Videokamera und den Fotoapparat inszenierte. In dieses aufsehenerregende Gesamtkunstwerk, das Kelley 2005 in der Gagosian Gallery in New York zeigte, lässt sich das Düsseldorfer Publikum gleich eingangs hineinziehen.
Gebannt von zahllosen Videos mit musicalartigen Nummern, die auf metergroßen, teils von der Decke hängenden Screens projiziert werden, irrt man durch eine Landschaft von Skulptur gewordenen Requisiten. Sie begleiten den irrsinnigen Overkill bis zu einem mit großartiger Geste um die eigene Achse schwingenden pinkfarbenen Vorhang, auf den die Silhouette einer Erotiktänzerin projiziert wird.
Markenzeichen: Kuscheltiere
Mit Hingabe lotet Kelley verschüttete tiefenpsychologische Abgründe aus. Er genießt und schlachtet Missinterpretationen aus wie die über seine sich durch das gesamte Werk ziehenden Arbeiten mit Plüschtieren. Anders als von ihm gedacht, wurden sie als Referenz an die repressiven familiären und schulischen Strukturen und im Kontext von Missbrauch aufgefasst.
Gleichwohl lassen sich die versehrten Kuscheltiere etwa der auch marktbekannten Fotoserie „Ahh … Youth!“ (1991/2008) kaum anders beschreiben, als es Jack Halberstam im Katalog so treffend formulierte: als Überlebende „einer unbeschreiblichen Katastrophe“ namens Kindheit. Auch Erika und Rolf Hoffmann erwarben früh eine Installation aus Plüschtieren, die sie in ihrer öffentlich zugänglichen Privatsammlung zeigten.
Wie wenig sich diese Arbeiten aber über einen Kamm scheren lassen, zeigt Kelleys bekannteste Spielzeugcollage „More Love Hours Than Can Ever Be Repaid“ von 1987, eine Leihgabe aus dem Whitney Museum. Denn die zu einem leinwandartigen Bild verbundenen, handgefertigten Spielsachen spielen auf die aufopferungsvolle Zeit der Kindererziehung und auf die Unmöglichkeit an, jemals die dem Kind gewidmete Zeit und Energie zurückzubekommen.
Gutes Geld für den Handel
Der Kunsthandel hat mit Kelleys Kuscheltieren, insbesondere ihren Arrangements auf gehäkelten und gestrickten Decken, gutes Geld gemacht. Für Rafael Jablonka, der ihn hierzulande bereits in den Neunzigern groß gemacht hatte, soll der Künstler 2010, als er seine Berlin-Filiale schloss, die einzige Position gewesen sein, die ihm dort Verkaufserfolg bescherte.
Bereits 1993 galt Kelley als „Aufsteiger des Jahres“. Im Trendbarometer des „Focus" bekleidete er die Nummer eins in der „Rangliste der hundert Besten“ mit Preisen zwischen 13.000 und 290.000 D-Mark. Keine zehn Jahre später, im November 2011, reißt die Fotoserie „Ahh … Youth!“ bei Christie’s 100036536 in New York die Eine-Million-Dollar-Latte.
Noch erfolgreicher sind die mit Schmuck besetzten Assemblagen der Reihe „Memory Ware Flat“, mit denen Christie’s zwischen 2015 – in dem Jahr übernahm ihn Hauser & Wirth – und 2016 bis zu 3,3 Millionen Dollar umsetzte. In solchen Arbeiten ist von dem Unbehagen, das Kelley zu Lebzeiten seinen Landsleuten servierte, jedoch nichts mehr zu spüren.
Mike Kelley. Ghost and Spirit, Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, bis 8.9.;
anschließend Tate Modern, London, 2.10. bis 9.3.2025 und
Moderna Museet, Stokholm, 12.4.2025 bis 15.9.2025.
Katalog Hirmer, 45 Euro an der Museumskasse, im Buchhandel 55 Euro