Marion Ackermann: „Wir müssen die Türen offen halten“
Dresden. Die 15 prachtvollen Museen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden bilden ein Universalmuseum. Gerade in Krisen wächst ihre Rolle. 2016 wurde Marion Ackermann ihre Generaldirektorin. Seither arbeitet die Kunsthistorikerin intensiv an demokratiestärkenden Formaten.
„Kunst verhandelt die Freiheit. Wir wenden uns an alle Gruppen“, sagt Ackermann. Klar Position gegen Extremismus und Taten beziehen, die sich elementar gegen Grundlagen unserer demokratischen Gesellschaft richten, lautet ihr Credo.
Ackermann ist überzeugt, dass in den Museen kontroverse Positionen ausgehandelt werden sollten. Das dürfe nicht bereits im Vorfeld durch Canceln passieren.
Lesen Sie hier das komplette Interview:
Frau Ackermann, die bürgerliche Mitte demonstriert wöchentlich gegen die AfD. Beziehen auch die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) Position?
Wir haben immer Haltung gezeigt. Es geht nicht um parteipolitische Stellungnahme. Aber wir beziehen klar Position gegen Begriffe wie „Remigrationsprogramm“, gegen Extremismus und Taten, die sich elementar gegen Grundlagen unserer demokratischen Gesellschaft richten.
Soeben hat sich die Initiative „Weltoffenes Thüringen“ gegründet. Das sind 1700 Einrichtungen aus Wirtschaft, Sport, Kultur und Bildung. Nehmen die SKD an Vergleichbarem in Sachsen teil?
Ja, wir sind schon seit vielen Jahren Teil von „#WOD - Weltoffenes Dresden“. Wir haben damals auch die „Dresdner Erklärung der Vielen“ mit unterschrieben mit so gut wie allen Kulturinstitutionen der Stadt.
Reagieren Sie auch mit Kunst?
Jedes Jahr zum 13. Februar beteiligen wir uns an Aktionen im öffentlichen Raum. Denn das Datum der Bombardierung Dresdens wird oft missbraucht von rechtsextremen Kräften. Deshalb begehen alle Dresdener Kulturinstitutionen diesen Gedenktag angemessen. Wir arbeiten mit den Mitteln der Kunst in einem Freiluftparcours für eine friedliche, demokratische Gesellschaft. Dieses Jahr haben wir uns entschieden, ein Bild von Gerhard Richter als Plakat zu zeigen. „14. Februar 1945“ bezieht sich zwar auf das zerbombte Köln, ist aber auch für Dresden sehr wichtig.
Haben Sie vor dem Hintergrund der Landtagswahlen Formate entwickelt, um durch die SKD Vielfalt und Demokratie zu stärken?
Seit sieben Jahren, so lange bin ich schon hier, arbeiten wir intensiv an demokratiestärkenden Formaten. Kunst verhandelt die Freiheit. Wir wenden uns an alle Gruppen. Mit der Kinderbiennale „Planet Utopia“ entwickeln wir vielfältige Modelle der Zukunft. Menschen in allen Generationen erreichen wir durch unsere beliebten Outreach-Programme.
Was ist das?
Zum Beispiel haben wir im Rahmen einer Ausstellung in der Hubertusburg einen Pool aufgebaut und ganz viel Drumherum angeboten – von Kunst bis Kino.
Sie testen aber auch einen neuen Ansatz.
Im Kunstgewerbemuseum in Schloss Pillnitz arbeiten wir mit Nexus zusammen, um Erfahrung mit Formen direkter Demokratie zu machen. Über dieses Institut kamen wir in direkten Kontakt mit Bürgerinnen und Bürgern aus vier Regionen Sachsens. Für manche war es eine ganz neue Erfahrung, in einem Museum zu sein.
Wie kommt Nexus an Impulse für das Museum der Zukunft?
Die Eingeladenen erarbeiten an mehreren Wochenenden – bei freier Kost und Logis – in moderierten Workshops, wie sie sich ein ideales Museum vorstellen. Die Leitfrage lautet: Wie könnten sie Museen zu wesentlichen Orten für ihr Leben machen? Die besten Anregungen nehmen wir und unser Partner, die Bundeskunsthalle in Bonn, auf.
Die 15 prachtvollen Museen der SKD bilden ein Universalmuseum. Gerade in Krisen wächst dessen Rolle. Direkt nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel haben Sie Position bezogen.
Uns war es wichtig, dass wir unmittelbar auf diesen furchtbaren Terroranschlag mit einem Bekenntnis zu Israel reagieren. Wie wir das schon 2022 der Ukraine gegenüber taten. Wir waren erstaunt über das Schweigen der Kulturszene. Wir wollten keine relativierenden Bemerkungen machen. Sondern erst einmal eine Pause des Schweigens und der Trauer zulassen, so hat das Meron Mendel formuliert.
Warum hat Ihr Bekenntnis zu Israel so große Wellen geschlagen?
Zuerst stellte uns „Artnet“ als Vorbild hin. In den sozialen Medien bekamen wir dann aber Bashing von verschiedenen Seiten. Damit gehen wir gelassen um. Traurig sind wir aber über Absagen von Personen, die wir eingeladen hatten. So haben sich einige Referenten zurückgezogen. Unsererseits haben wir noch nie jemanden ausgeladen. Wir müssen die Türen offen halten. Das Aushandeln von Positionen muss in unseren Räumen stattfinden können. Das darf nicht bereits im Vorfeld durch Canceln passieren.
Warum ergreift die Kulturszene vor allem für Palästinenser Partei?
Vorab: Es gibt eine unterschiedliche Prägung zwischen West und Ost. Ich bin im Westen groß geworden. In meiner Erziehung war klar, das Existenzrecht Israels darf nicht angetastet werden. Diese innere Überzeugung bleibt unverrückbar. Wenn man in der DDR aufwuchs, erlebte man einen sehr viel intensiveren Bezug zu Palästina. Das spiegelt sich auch in unseren Sammlungen. Im Albertinum beispielsweise zeigen wir gerade in der Ausstellung „Revolutionary Romances“ Kunst der sogenannten Bruderländer. Heute erleben wir in weiten Teilen der Kunstszene auch Formen des linken Antisemitismus, den viele so zuvor nicht wahrgenommen haben.
Wie erklären Sie ihn?
Die sogenannte antiimperialistische Linke hat sich aus einer grundsätzlichen Kapitalismuskritik entwickelt. Sie prangert die Dominanz des globalen Nordens gegenüber dem globalen Süden an. Das hat nichts mit Geografie zu tun. Indigenous People in Australien werden in diesem Schema zum globalen Süden oder Weiße in afrikanischen Ländern zum globalen Norden gerechnet. Darin spiegeln sich Machtkategorien. Israel wird im globalen Norden verortet und in seinem kolonialen Auftreten kritisiert.
Wie weit aber darf die Freiheit der Kunst gehen?
Es muss eine deutliche Linie gezogen werden auf Grundlage humanistischer Prinzipien. Wenn terroristische oder radikale Tendenzen manifest werden, geht das natürlich gar nicht. Entscheidend ist: Zu welchem Zeitpunkt und unter welchen Bedingungen überprüft man das? Vorab durchgeführte politische Gesinnungstests, wie sie jetzt verschiedentlich diskutiert werden, sehen wir problematisch.
Wie sichern die SKD humanistische Prinzipien?
Als Museumsverbund sind wir gerade dabei, unseren eigenen Code of Conduct zu formulieren. In unserem föderalen Land sollte jede Institution die Freiheit haben, sich auf eigene ethische Grundlagen zu berufen. Ich sehe das als eine Verpflichtung zur Selbstverpflichtung. So wie ein Unternehmen wie Henkel schon lange nach einem ethischen Kodex handelt.
Henkel hat allerdings nicht die Kunstfreiheit zu beachten.
Die Haltung des Rechtswissenschaftlers Christoph Möllers zur Kunstfreiheit auf juristischer Basis hat mich sehr beeindruckt. Ich habe das so interpretiert: Wir müssen als staatliche Bedienstete, selbst wenn wir problematische Inhalte sehen, die Ausstellung immer erst der Öffentlichkeit zur Kenntnis geben.
Was soll dann geschehen?
In der Ausstellung müssen wir die wichtige Rolle der Moderation übernehmen: zwischen Publikum, Öffentlichkeit, einzelnen Stimmen, die sich verletzt fühlen, Künstlerinnen und Künstlern und dem Museum. Diesen gesellschaftlichen Aushandlungsprozess hatte Ruangrupa, das Leitungskollektiv der Documenta 15, nicht geführt. Zu moderieren bedeutet für uns Kuratorinnen und Direktoren, die eigene Meinung nicht absolut zu setzen.
Sondern?
In einer Bildungsinstitution wie den SKD einen Diskursraum für viele verschiedene Sichtweisen zu öffnen.
Ohne vorschnelle Zensur?
Ja. Ein Beispiel. Wir hatten eine Ausstellung zum tschechischen Surrealismus. Das Publikum kritisierte drei Aspekte: die Darstellung von Kleinwüchsigen, ein sexistisches Motiv und eine nicht angemessene Darstellung einer schwarzen Person. In allen Fällen haben wir Diskussionen veranstaltet, die zu befriedigenden Ergebnissen geführt haben.
Wie sah diese Befriedung aus?
Die rassistische Darstellung wurde schließlich im Einverständnis mit den Künstlern nicht mehr gezeigt. Der Sexismus-Vorwurf wurde von der Künstlerin als Missverständnis klargestellt. Die Künstlergruppe, die Kleinwüchsige gezeigt hatte, reiste an und konnte ihren nicht diskriminierenden Ansatz verständlich machen. Wir als Museen haben die Verpflichtung, jede einzelne Stimme ernst zu nehmen und zwischen innen und außen zu moderieren. Insbesondere gefällt mir die Sensibilisierung der jüngeren Generationen.
2024 eröffnen Sie ein zusätzliches Ausstellungshaus. Das Blockhaus mit der Spindeltreppe innen ist ein Hingucker. Aber können oftmals spröde Archivalien auch Besucherscharen anlocken?
Das Blockhaus wird ein „place to be“. Es empfängt tagsüber Forschende, danach Ausstellungsbesucherinnen, die den Abend in der Bar ausklingen lassen. Die Eröffnungsausstellung widmet sich ab dem 5. Mai dem Surrealismus. Das ist die erste Bewegung, die von Beginn an die Archivierung als Teil der Kunst mitgedacht hat. Sogar Träume und Albträume wurden archiviert.
Wie kann sich ein Laie dort das „Archiv der Avantgarden“ von Mäzen Egidio Marzona erschließen?
Partizipativ und durch Neugier. Dazu kommt: Wir verzahnen Marzonas Archiv mit der Ost-Moderne. Hier bekommen wir weitere Zustiftungen. Etliche Spender haben ihre Erika-Schreibmaschine ins Blockhaus getragen und uns vermacht. Jüngst haben wir den Film „Die Hüter des Unrats – eine kurze Geschichte“ von der Experimentalfilmerin und Rompreisträgerin von 2021/22 Susann Maria Hempel über das Müllarchiv der Menschheit erworben.
Neben der Schenkung von Marzona dürfen die SKD ja auch die große Schenkung von Erika und Rolf Hoffmann integrieren.
Wir zeigen Teile der internationalen Gegenwartskunst der Hoffmanns fest im Albertinum und punktuell eingestreut in zahlreichen unserer Museen. Aber auch erfolgreich im ländlichen Raum in kleineren Kunstvereinen, auf dem Lausitz Festival, in Görlitz und Zwickau. Lokale Künstlerinnen und Künstler reagieren darauf mit eigenen Werken.
Doch das für die vollständige Übernahme der Sammlung Hoffmann benötigte Zentraldepot ist nicht fertig geworden.
Ja, leider. Coronabedingt ist die Hubertusburg noch nicht umgebaut. Zwischenzeitlich nutzen wir die von Seen umgebende Anlage für Ausstellungen, in diesem Jahr für den Design-Campus unseres Kunstgewerbemuseums. Doch vor Kurzem konnte die Schenkung Sammlung Hoffmann mit etlichen Werken ins Dresdener Residenzschloss einziehen. In der früheren Fürstengalerie haben wir die „Kunstkammer Gegenwart“ eingerichtet.
Ästhetisch ist die Kunstkammer Gegenwart ein Bruch: Sie sieht, mit Verlaub, aus wie ein Lager oder Labor.
Es ist ein Experiment. Der Designer Konstantin Grcic hat ein Präsentationssystem entwickelt, das die stoffbespannte Wand nicht berührt und doch modulartig umbaubar ist für alle Gattungen. Es soll ein Schaudepot sein und sieht auch wie ein Depot aus. Der Gummiboden und die zeitgenössische Kunst mögen für manchen Besucher zunächst ein Schock sein.
Die Gegenwartskunst im Barockschloss verwirrt so manchen.
Die zeitgenössische Kunst, mit der wir diesen Teil eröffnen, thematisiert das Sammeln und die Rekonstruktion von Erinnerung. Das machen die Kunstobjekte der fürstlichen Sammlungen im Schloss übrigens auch. Dort sind nur die Exponate historisch, nicht aber die Architektur. Wir setzen eine neue Künstlichkeit gegen die alte. Das soll wachrütteln.
Lassen Sie die Besucher allein?
Nein, wir haben dort „Transformerinnen“. Sie suchen das Gespräch mit den Gästen und können Auskunft geben über Inhalt, Form und Sinn der aktuellen Kunstwerke.
Ein Bestseller im Museumsshop ist ein Buch von „Spiegel TV“-Reportern über den Juwelenraub im Grünen Gewölbe, das die damaligen Sicherheitslücken ausbreitet. Was passiert mit den zurückgegebenen, zerstörten Juwelen?
Sie sind nicht zerstört, sondern glücklicherweise nur minimal beschädigt. Solange die Freigabe des Gerichts noch nicht vorliegt, dürfen wir sie weder restaurieren noch ausstellen. Die Schlussfolgerung des Buches ist falsch. Es behauptet, der größere Teil der Juwelen-Garnituren fehle. Doch der ist zurückgegeben und sicher verwahrt.
Rechnen Sie noch mit der Rückkehr der wenigen fehlenden Juwelen?
In einem Fall habe ich große Hoffnungen. In den anderen eher nicht.
Stimmt es, dass Sie dem Ministerpräsidenten Ihren Rücktritt angeboten hatten?
Ja. Weil eine Person Verantwortung übernehmen muss, habe ich dem Ministerpräsidenten meinen Rücktritt anheimgestellt. Er hat verneint und gesagt: Sie müssen helfen, die Sicherheit zu optimieren. Vernetzung ist Ihr Leitmotiv.
Was ist aus dem Sharing-Modell geworden, bei dem sich die SKD Arbeiten von William Kentridge mit einem polnischen und einem tschechischen Museum teilen wollten?
Für mich ist „sharing the new having“. Aber in diesem Fall hat das nicht geklappt. Neu ist indessen die Begeisterung des südafrikanischen Multimedia-Künstlers für unsere Sammlungen. 2025, da wird Kentridge 70 Jahre alt, machen die SKD ein Kentridge-Festival. Das Kupferstich-Kabinett widmet sich federführend dem Fürstenzug in Dresden ...
… das ist der bekannte Reiterzug auf rund 23.000 Fliesen aus Meißener Porzellan außen am Stallhof.
William Kentridge reagiert auf diese Ahnengalerie der Wettiner. Auch das Albertinum zeigt Hauptwerke aus seinem Œuvre. Die Puppentheatersammlung, die wir in diesem Herbst mit einer künstlerischen Intervention des Theaterkollektivs Rimini Protokoll eröffnen werden, wird 2025 kuratiert von Kentridge und dem multi-disziplinären Kollektiv „The Centre for the Less Good Idea“. Puppenspiel, Theater, Geschichte und Kunst verschmelzen dann zu einem Erlebnis für die Sinne.
Frau Ackermann, vielen Dank für das Interview.