Ausstellungen: Der Zeit enthoben
Essen / Dresden. Wie kann man dem Schaffen eines echten Universalkünstlers gerecht werden? William Kentridge kann diesen Titel für sich beanspruchen wie kaum ein anderer. Sein multimediales Werk reicht von Zeichnungen über kleine und große Animationsfilme, Installationen wie das Documenta-Projekt „The Refusal of Time“, Großprojektionen, Plastiken, Wandteppiche bis hin zur Regie bei Puppentheatern und Opernproduktionen, die er selbstverständlich auch selbst ausstattet.
Eine einzige Ausstellung kann diesem gewaltigen Schaffensdrang kaum gerecht werden. Zu seinem 70. Geburtstag ist es daher mehr als angemessen, dass sich zwei bedeutende Museen zusammentun, um sein Werk dem reisefreudigen Kunstpublikum in seiner ganzen Breite zu präsentieren. Die Reise führt quer durch die Republik zu vier Ausstellungen unter dem Titel „Listen to the Echo“: vom Essener Museum Folkwang zu den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.
Kentridge hat seine großen Themen früh gefunden, war seiner Zeit voraus und scheint ihr zugleich völlig enthoben. Denn er hat sich stets allen Moden verweigert und sich trotz seines politischen Engagements nie in die Untiefen des lärmenden Aktivismus verirrt. Er wuchs auf als privilegierter Weißer mit litauisch-jüdischen Wurzeln im Südafrika des Apartheidregimes. Seine Eltern waren prominente Anwälte, sie vertraten unter anderem Nelson Mandela.
In Südafrika und Europa studierte Kentridge unter anderem Politik und Afrikanistik, seine Themen als Künstler spiegeln seine Herkunft. Bis heute kreist sein Schaffen um Rassismus, Ausbeutung und Ungerechtigkeit, um Mechanismen repressiver Systeme, um Krieg und Flucht, Schuld und Vergebung. Seine rastlose Produktivität verhandelt die großen Menschheitsthemen und ihre Echokammern in der Kunst. Kentridge arbeitet stets mit Verweisen auf die Kunstgeschichte, schon durch seine eigene, altmeisterlich anmutende, virtuose Zeichenkunst. Er sucht aber auch Bezüge zum Bewegtbild, zum Comic und vor allem zur Theaterkunst, die mit Verfremdungseffekten stets die erhellende Distanz der Guckkastenbühne wahrt. Kentridge denkt immer szenisch und in dramaturgischen Zusammenhängen, wie ein Theatermensch, er will erzählen und große Perspektiven aufreißen, selbst in kleinsten Formaten.
In Essen sind 160 Exponate aus fünf Jahrzehnten zu sehen, die sein gesamtes Schaffen umspannen. Die Auswahl der Arbeiten nimmt Bezug auf die Geschichte des Ausstellungsorts, denn Essen ist wie Johannesburg eine ehemalige Bergbaustadt, hier ging es um Kohle, dort um Gold. Auch für Kentridges Lebensthema, die koloniale Geschichte, gibt es in Essen einen Anknüpfungspunkt, war es doch der Essener Baedeker-Verlag, der einst das „Jahrbuch über die deutschen Kolonien“ herausgab.
In der komprimierten Essener Schau sind alle Genres vertreten: Zeichnungen, animierte Filme, Druckgrafiken, Plastiken, Tapisserien und Mehrkanal-Filminstallationen. Seine Filme mixen auf einzigartige Weise Elemente des Spielfilms sowie von Dokumentar- und Experimentalfilmen, immer aber bleibt die schwarz-weiße Zeichnung die Basis.
Zu sehen sind unter anderem vier Filme der Serie „Drawings for Projection“, die zwischen 1991 und 2020 entstanden. Jede der animierten Sequenzen beruht auf einer Kohlezeichnung, die Kentridge mit der Kamera festhält. Danach verändert er die Zeichnung, und die nächste Aufnahme entsteht. Es folgen immer weitere Veränderungen, wobei der vorherige Zustand teilweise sichtbar bleibt, wie ein Schatten – oder Echo – der Vergangenheit. Die Filme entwickeln eine poetische Sprache zwischen Melancholie, leiser Komik und Groteske.
Imposant ist der große Saal unter dem Übertitel „Porter“ mit 15 Tapisserien, die expressive schwarze Schattenrissfiguren vor dem Hintergrund von historischen europäischen Landkarten des 19. Jahrhunderts zeigen. Das Arrangement veranschaulicht Kentridges kollaborative Arbeitsweise, denn es zeigt die winzige Vorlage des Künstlers und dahinter die riesigen Tapisserien, die auf großen Webstühlen in einer Werkstatt in der Nähe von Johannesburg gefertigt werden. Den Titel „Porter“ verdankt der Saal den dargestellten Menschen, die Lasten tragen und ziehen. Sinnfällige Bilder für Migrationsbewegungen.
Gut 500 Kilometer weiter östlich verteilt sich die Dresdener Würdigung auf drei Museen: Im Albertinum stehen zwei Filminstallationen im Mittelpunkt, das Kupferstich-Kabinett stellt das druckgrafische Werk Kentridges historischen Kupferstichen gegenüber, und in der Puppentheatersammlung im Kraftwerk Mitte hat das „Centre for the Less Good Idea“ aus Johannesburg eine Schau erarbeitet, die das Puppenuniversum von Kentridge mit den historischen Objekten ins Gespräch bringt.
Den roten Faden der Dresdener Ausstellungen bildet das Motiv der Prozession, vom Festumzug über den Aufmarsch bis hin zur Demonstration, das in Kentridges Werk, aber auch in der Stadt eine wichtige Rolle spielt. Jeder Dresden-Tourist wird am Fürstenzug nahe der Frauenkirche vorbeigeführt, der aus 23.000 Meissner-Porzellan-Kacheln besteht und die Ahnengalerie der sächsischen Herrscher zeigt. Wilhelm Walters maßstabgerechte Vorzeichnungen dieses größten Porzellanwandbildes der Welt stehen nun in der Ausstellung zwei monumentalen Filminstallationen Kentridges gegenüber: „More Sweetly Play the Dance“ von 2015 – eine Prozession von Schattenfiguren zu den Klängen einer Brassband mit tanzenden Skeletten, die an mittelalterliche Totentänze erinnern. Und „Oh to Believe in Another World“ von 2022, ein visuelles Echo auf Dmitri Schostakowitschs 10. Sinfonie, die als Abrechnung des Komponisten mit Stalin gilt. Kentridge wiederum verweist in einem atemberaubenden Mix der Mittel von historischen Filmschnipseln bis zu bizarrem Puppentheater auf den Sog der Weltgeschichte und auf die janusköpfige Ambivalenz des Komponisten, der sich mit dem Regime arrangierte, unter dem er litt. Ein überwältigendes Werk, subtil und hochmusikalisch komponiert.
2012 erzielte seine Installation „Procession“ aus Bronzefiguren bei Sotheby’s in New York 1,3 Millionen Dollar, das ist der bislang höchste Auktionszuschlag für Kentridge. Für die Aquarell-Kohlestift-Arbeit „Large Typewriters“ fiel der Hammer 2021 bei Bonhams in London bei 550.000 Pfund. Die Druckgrafik „Black Chair“ gab es am 1. Oktober bei Sotheby’s in einer Online-Auktion bereits für 1300 Dollar.
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