Südkorea: Yoons Vertrauensverlust bringt US-Sicherheitsstrategie ins Wanken
Seoul. Südkoreas Präsident Yoon Suk-yeol hat mit seinem gescheiterten Kriegsrecht-Manöver nicht nur sein politisches Überleben gefährdet. Sollte das Parlament ihn absetzen, würde das auch seine geopolitischen Errungenschaften und damit einen Teil der US-Sicherheitsstrukturen in Asien gefährden.
In seiner kurzen Amtszeit hat Yoon die geopolitische Rolle des Hightech-Landes Südkorea massiv gestärkt. Gemeinsam mit den USA und Japan wollte er Nordkorea und China entgegentreten. Doch jetzt muss der wichtigste Befürworter dieser Strategie sich auf das Ende seiner politischen Karriere einstellen – und womöglich auf eine langjährige Haft.
Am Samstag will das Parlament in Seoul auf Antrag der Oppositionsparteien über Yoons Amtsenthebung entscheiden. Sein Sturz gilt inzwischen als wahrscheinlich, gefolgt von strafrechtlichen Ermittlungen. Denn in einer abrupten Kehrtwende wandte sich am Freitag auch seine konservative Volkspartei, die bisher gegen eine Amtsenthebung stimmen wollte, teilweise von ihm ab.
Der Präsident müsse „sofort seines Amtes enthoben werden, um die Republik Korea und das Volk zu schützen“, sagte Parteichef Han Dong-hoon am Freitag auf einer Parteiversammlung. Der Grund für seinen Sinneswandel: Er hatte zwischenzeitlich erfahren, dass Yoon ihn und andere wichtige Politiker während der Dauer des Kriegsrechts ins Gefängnis werfen wollte.
Beobachter werten den wahrscheinlichen Sturz Yoons als Sieg für die Demokratie in Südkorea. Doch die Reaktionen, allen voran der USA, zeigen die weltweiten Folgen.
Unmittelbar nach der Verhängung des Kriegsrechts hatte die US-Regierung „große Besorgnis“ über Yoons Schritt geäußert. Nun hat US-Verteidigungsminister Lloyd Austin seinen Besuch in Südkorea ebenso abgesagt wie andere Regierungschefs.
Doch es sind vor allem drei Fragen, die die Strategen weltweit umtreiben: Was wird aus der Allianz Südkoreas mit den USA? Wie entwickelt sich das Verhältnis zum ungeliebten Nachbarn Japan? Und wie reagiert Nordkorea?
Yoons Posse untergräbt das Vertrauen der USA
Das politische Chaos nach Yoons Schritt sei für die USA „ein großes Problem“, sagt Sicherheitsexperte Mason Richey, Professor an der Hankuk-Universität in Seoul. So habe Yoon nicht einmal den Kommandeur der US-Streitkräfte in Korea, General Paul LaCamera, vorab informiert.
„Aus amerikanischer Sicht ist das völlig inakzeptabel“, sagt Richey. Der Grund: Es habe unerwartete Risiken geschaffen, zum Beispiel militärische Aktionen Nordkoreas, die auch die USA betroffen hätten. Die USA haben fast 30.000 Soldaten in Südkorea stationiert und wären als Schutzmacht in einem Konflikt automatisch Kriegspartei. Yoons Coup-Versuch untergräbt damit das Vertrauen der USA in den Verbündeten.
Zudem drohen die Amerikaner nun einen ihrer stärksten Fürsprecher für eine engere Anbindung Südkoreas an die Großmacht und eine Annäherung an Japan zu verlieren.
Das allein wäre schon ein Schlag für die Allianzstrukturen. In akuter Gefahr ist aber auch einer der wichtigsten außenpolitischen Erfolge von US-Präsident Joe Biden, Präsident Yoon und der japanischen Regierung: die trilaterale Sicherheitsallianz.
Japan fürchtet neue diplomatische Eiszeit mit Südkorea
Offiziell richtet sich das Bündnis gegen die nukleare Bedrohung durch Nordkorea. Faktisch stärkt es aber auch die Macht der Bündnispartner gegenüber China. Denn bisher gab es nur bilaterale Bündnisse zwischen den USA und ihren beiden ostasiatischen Verbündeten.
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Japan hatte sich daher lange um eine engere sicherheitspolitische Kooperation mit Südkorea bemüht. Doch unter Yoons linksgerichtetem Vorgänger Moon Jae-in eskalierte der jahrzehntealte Streit über Japans Geschichte der Eroberung Südkoreas. Die sicherheitspolitische und diplomatische Zusammenarbeit endete weitgehend.
Nach seinem Wahlsieg 2022 setzte Yoon dann gegen Widerstände und auf Kosten seiner Popularität eine Annäherung an den Nachbarn durch. Sicherheitsexperte Richey sagt deshalb bei einem Ende von Yoon voraus: „Japan ist einer der größten Verlierer in dieser Situation.“
Bisher sei er davon ausgegangen, dass die drei Länder noch bis zum Ende von Yoons Amtszeit 2025 die Chance hätten, die Beziehungen zu institutionalisieren und eine Aufkündigung des Abkommens unter einer neuen Regierung zu erschweren, meint Richey. Doch die aktuelle Krise verkürze die Zeit nun erheblich.
Stattdessen rechnet der Experte nun damit, dass eine neue linke koreanische Regierung den Pakt wieder aufkündigen könnte. „Während einige Progressive in der Demokratischen Partei die Bedeutung der Partnerschaft mit Japan verstehen, bleibt die Führung, insbesondere Parteichef Lee Jae-myung, Japan gegenüber zutiefst skeptisch“, erklärt der Experte.
Die Begründungen, die die Progressiven für die Amtsenthebung eingereicht haben, sind laut Richey „ein klares Zeichen“ für diese Haltung. Die Artikel erwähnen nicht nur das illegale Kriegsrecht, sondern kritisieren vor allem Yoons Japan-Politik. Für Richey deutet dies darauf hin, „dass die Demokraten versuchen werden, die trilateralen Beziehungen zu untergraben, wenn sie an die Macht kommen“.
Angst vor nordkoreanischen Provokationen
Kurzfristig ist die größte Sorge jedoch, dass Nordkorea das Chaos im Süden militärisch ausnutzen könnte. Doch bisher ist nichts passiert. „Im Moment ist Nordkorea vorsichtig“, meint Experte Richey. Die Führung habe zwar den Ruf, risikofreudig zu sein. „Aber in Wirklichkeit ist sie oft sehr berechnend.“
In diesem Fall warte der Norden wohl ab, wie sich die politische Lage entwickle. Staatschef Kim Jong-un räumte auch ein, dass die USA und Südkorea weiterhin gut aufgestellt seien, um auf ernsthafte Provokationen zu reagieren. „Am wichtigsten ist jedoch, dass Nordkorea derzeit ein vorteilhaftes Abkommen mit Russland hat“, sagt Richey. Nordkorea unterstützt Russlands Krieg gegen die Ukraine mit Waffen und Soldaten und erhält im Gegenzug Wirtschaftshilfe und zumindest technologisches Know-how für die eigene Rüstung.
Nordkorea könnte auch auf Donald Trump als US-Präsidenten und eine neue linke Regierung in Seoul hoffen. In seiner ersten Amtszeit hat Trump nach einem Jahr der Eskalation historische Gipfeltreffen mit Kim abgehalten, stark unterstützt von einer linken Regierung in Seoul, die traditionell den Dialog mit Nordkorea sucht.
Eine Neuauflage der Machtkonstellation würde die Dynamik sicherlich verändern, meint Experte Richey, „auch wenn wir nicht wissen, in welche Richtung“. Das Problem: Die Situation ist grundlegend anders als 2018.
So hat Nordkorea den Süden öffentlich zum Feindstaat erklärt und sich von den traditionellen Vereinigungszielen verabschiedet. Russische Hilfe stützt das Land. Gleichzeitig hat sich der Großmachtkonflikt zwischen den USA und China weiter verschärft.