Pflege: In Ostdeutschland brauchen mehr Menschen Pflege als im Westen
Berlin. In Deutschland steigt die Zahl der Pflegebedürftigen – doch der Anstieg verläuft nicht überall gleich. In manchen ostdeutschen Regionen ist jeder Sechste pflegebedürftig. Auch in Nordrhein-Westfalen ist die Zahl zuletzt deutlich gestiegen. Im Süden dagegen, etwa in Bayern und Baden-Württemberg, ist es nur jeder 27. respektive 29.
Zu diesen Ergebnissen kommt eine Analyse des AOK-Bundesverbands nach Auswertung der Daten von mehr als zwei Millionen Versicherten. Die Daten der AOK-Versicherungen gelten als besonders heterogen, da sie einen sehr durchmischten Kundenstamm haben.
Dem demografischen Wandel, also der Tatsache, dass die Bevölkerung immer älter wird, schreibt die Analyse dabei nur einen Anteil von etwa 21 Prozent zu. Ein viel größerer Teil des Wachstums kommt demnach daher, dass der Pflegebedürftigkeitsbegriff 2017 erweitert wurde. Seither zählen etwa Demenzkranke dazu, die auch entsprechende Leistungen erhalten können. Allein das hat die Zahl der Pflegebedürftigen um 57 Prozent ansteigen lassen. Experten mahnen dringende Reformen an.
Warum der Osten stärker betroffen ist
Die höchsten Pflegebedürftigkeitsraten gibt es in vielen Teilen des Ostens:
- In den Landkreisen Barnim, Prignitz und Ostprignitz-Ruppin sind zwischen 15,7 und 17,1 Prozent der Menschen pflegebedürftig.
- Auch in Hessen, dem Saarland und in einigen Regionen Nordrhein-Westfalens, besonders an der Grenze zu Belgien und den Niederlanden, sind viele Menschen betroffen.
- In Süddeutschland, etwa in Bayern oder im Südwesten Baden-Württembergs, liegt der Anteil hingegen mit weniger als 5,6 Prozent deutlich unter dem Schnitt.
Günter Neubauer vom Institut für Gesundheitsökonomik erklärt diese Entwicklung so: „Im Osten leben viele ältere Menschen, und gleichzeitig ziehen bereits seit vielen Jahren immer mehr junge Menschen weg.“ Das führe dazu, dass immer weniger Personen sich um ihre pflegebedürftigen Angehörigen kümmern könnten, weshalb sie entsprechende Leistungen beanspruchen müssten.
Gleichzeitig bestehe jedoch das Problem, dass es im Osten auch immer weniger Fachkräfte und Dienste für Pflegebedürftige gebe. Isabell Halletz, Geschäftsführerin des Arbeitgeberverbands Pflege, sagt: „Die schlechte Infrastruktur in den Flächenländern im Osten führt dazu, dass immer mehr Pflegekräfte abwandern, die entsprechende Angebote machen können.“
Aber das Abwandern junger Menschen sowie eine schlechte Infrastruktur sind nicht die einzigen Gründe für den Anstieg der Inanspruchnahme von Pflegeleistungen. Gerade in Regionen wie Nordrhein-Westfalen und Teilen Sachsens kommt die Ausweitung des Pflegebegriffs stark zum Tragen: Hier fällt der Anstieg mit zwischen 81 und 124 Prozent daher besonders stark aus. Besonders betroffen sind Städte wie Mönchengladbach, Leverkusen und Köln.
In anderen Regionen wie Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg oder Niedersachsen ist der Anstieg deutlich geringer – und liegt zwischen 37 und 56 Prozent. In Hessen etwa gibt es zwar viele Pflegebedürftige, aber der Anstieg war hier mit weniger als 50 Prozent vergleichsweise moderat.
Pflege wird je nach Region anders organisiert
Wie die benötigte Pflege organisiert wird, variiert in Deutschland stark. Die Betroffenen bekommen Pflegegeld, Unterstützung durch Fachkräfte oder ziehen in entsprechende Einrichtungen.
Variante 1: das Pflegegeld
Nicht jeder, der pflegebedürftig ist, erhält automatisch Pflegegeld. Im Jahr 2023 war es mehr als die Hälfte der Pflegebedürftigen. In Westdeutschland empfingen besonders viele Menschen entsprechende Leistungen, nämlich zwei von drei Pflegebedürftigen. In Regionen mit weniger Pflegebedürftigen waren es nur etwa 40 bis 51 Prozent. Menschen, die Pflegegeld erhalten, organisieren die Pflege selbst oder mithilfe von Angehörigen.
Variante 2: Kombination aus Pflegegeld, Sach- und Kombinationsleistungen
Gerade in Ostdeutschland bekommen viele Pflegebedürftige nicht nur Geld, sie bekommen auch sogenannte Sach- oder Kombinationsleistungen, werden also von Pflegediensten im Alltag unterstützt. Die Pflege wird dabei direkt von einer Pflegekraft oder einem Dienstleister übernommen. Bei Kombinationsleistungen gibt es zusätzlich Pflegegeld.
Christine Vogler, Präsidentin des Deutschen Pflegerats, sagt: „Circa 90 Prozent der Frauen in der DDR waren berufstätig – gegenüber circa 50 Prozent in der BRD – und die Doppelbelastung Beruf, Haushalt und Kind gewohnt – und führen das in der Pflege nun offensichtlich so fort.“ Wenn Sach- und Kombinationsleistungen abgerufen werden, ist genau das der Fall. Einen Teil übernehmen die Angehörigen selbst und erhalten dafür Geld.
Variante 3: das Pflegeheim
2023 lebte jeder fünfte Pflegebedürftige in einem Pflegeheim. Auch hier gibt es große Unterschiede: In Teilen von Bayern und Schleswig-Holstein lebt beinahe jeder vierte Pflegebedürftige in einer entsprechenden Einrichtung. In anderen Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Niedersachsen ist es nur jeder sechste.
Gesundheitsökonom Neubauer zufolge sind die Zahlen für die vollstationäre Pflege in den neuen Bundesländern besonders hoch, da dort insgesamt mehr Ältere leben. „Die Unterschiede zwischen Ost und West sind allerdings nicht mehr so dramatisch, wenn man sie standardisiert betrachtet, sich also zum Beispiel nur alle 70-Jährigen in den Regionen anschaut und vergleicht“, sagt er, also auch diejenigen, die nicht pflegebedürftig sind.
Dass es regionale Unterschiede gibt, zeigen auch andere Berichte - zum Beispiel der des Instituts der deutschen Wirtschaft aus dem Jahr 2018, der den Pflegebedarf bis 2035 zu simulieren versucht. Auch hier weisen die ostdeutschen Bundesländer bereits die höchsten Zahlen auf.
Die Lösungsansätze gehen weit auseinander. Pflegeratspräsidentin Vogler fordert eine bessere Datenerhebung, um den Pflegebedarf genauer abzuschätzen. Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hatte im Rahmen des Pflegekompetenzgesetzes Verbesserungen auf kommunaler Ebene geplant, doch das Vorhaben dürfte aufgrund des Ampel-Aus wohl vorerst nicht weiterverfolgt werden. „Ohne eine solche Datenerhebung werden wir dem Pflegebedarf immer nur hinterherlaufen“, mahnt Vogler.
Neubauer bringt eine andere Perspektive ein: Es müsse stärker in die Gesundheit von Menschen investiert werden, damit sie erst gar nicht in die Pflege rutschten. „Fehlanreize in der Finanzierung wie die künstliche Trennung von Kranken- und Pflegekassen müssen aufgehoben werden, weil Krankenkassen kranke Menschen schnell in die Pflege überweisen, um Kosten zu sparen“, sagt er. Eine gemeinsame Finanzierung könnte diesen Druck verringern.
Hoffnungen setzen Branchenvertreter auch in „Caring Communities“, in denen Freiwillige Pflegeaufgaben übernehmen. Carola Riemann, Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbands, sagt: „Gerade vor dem Hintergrund des Aufweichens traditioneller Familienstrukturen sind lokale Netzwerke wesentlich.“ Eine aktuelle Forsa-Umfrage im Auftrag des AOK-Bundesverbands zeigt, dass 64 Prozent der Babyboomer bereit sind, sich ehrenamtlich in der Pflege zu engagieren. 43 Prozent sind bereits aktiv; 22 Prozent davon kümmern sich um ältere, pflegebedürftige Menschen, gehen einkaufen, leisten Gesellschaft oder begleiten sie zu Arztbesuchen.
