Deutschland: Industrie in der Krise – doch ein Konzern investiert Milliarden
Berlin, München. Pharma-Manager Alexander Horn ist eine Ausnahmeerscheinung. Weil er tut, was viele andere in Deutschland derzeit lassen: investieren. Der deutschen Industrie geht es so schlecht wie vielleicht noch nie zuvor. Und was macht der Deutschlandchef des Pharmaunternehmens Lilly? Beim „Handelsblatt Industrie-Gipfel“ in Berlin am Donnerstag erzählt er, wie gut es in Deutschland läuft: „Wir sollten den Standort nicht nur schlechtreden.“
Während andere Industriekonzerne Deutschland den Rücken kehren, will das US-Unternehmen Lilly in den kommenden Jahren 2,3 Milliarden Euro für den Bau einer neuen Produktionsstätte in Rheinland-Pfalz ausgeben. Die Entscheidung fiel im vergangenen Jahr. Und Horn klang am Donnerstag gar nicht danach, als er ob irgendwas bereuen würde.
„Wir sind stolz darauf, dass wir uns im internen Wettbewerb von Lilly behaupten konnten“, erklärte er. Für die Entscheidung habe vor allem die Kontinuität am Standort gesprochen. „In jedem Unternehmen auf dem Kriterienkatalog ganz oben stehen natürlich planbare, verlässliche Rahmenbedingungen, eine gute Infrastruktur und Fachkräfte“, erklärt der Deutschlandchef. „Und das alles hat auch stark den Ausschlag für Deutschland gegeben.“
Aktuell scheint es eher so, als sei Lilly weniger ein Hoffnungssignal, sondern bliebe die Ausnahmeerscheinung. Seit mehr als einem Jahr schrumpft die deutsche Industrie. Die Unternehmen sind so gering ausgelastet wie seit langer Zeit nicht mehr. Die Auslastung in den Werken ist auf 76,5 Prozent gefallen. Das sind fünf Prozentpunkte weniger als in vorherigen Rezessionsphasen. Immer mehr spricht dafür, dass diese Kapazitäten dauerhaft verloren sind. Vier von zehn deutschen Unternehmen wollen im laufenden Jahr Stellen abbauen.
„Andere laufen so viel schneller vorwärts“
„Die Reputation des Wirtschaftsstandorts Deutschland hat in den vergangenen Jahren deutlich gelitten“, warnte Volker Treier, Außenwirtschaftschef bei der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK). Wenn nicht vieles schnell in Angriff genommen werde, „verlieren wir Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit“.
Lilly als Pharmakonzern leidet nicht so sehr unter hohen Energiepreisen und enormen Investitionsbedarfen für die Dekarbonisierung. Betroffen von der Industrieschwäche sind daher auch vor allem energieintensive Branchen wie Stahl und Chemie oder die Automobilhersteller. Doch beim Industrie-Gipfel machten Spitzenmanager deutlich, dass die Probleme des Standorts über Energiefragen hinausgehen.
Deutschland müsse sich auf seine Stärken rückbesinnen, agiler werden und das Zusammenspiel zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft verbessern, erklärte Siemens-Strategiechef und Technologievorstand Peter Körte. „Andere laufen so viel schneller vorwärts.“
Körte zufolge brauche es an vielen Stellen Reformen, um den Abwärtssog der deutschen Industrie zu stoppen. Das Land müsse sich auf seine Stärken rückbesinnen, agiler werden und das Zusammenspiel zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft verbessern.
Nach seiner Einschätzung hatte Deutschlands Wohlstand bisher drei Gründe, die nun allesamt bedroht sind: günstige Energie aus Russland, Sicherheit durch USA und Nato sowie ein großer Absatzmarkt und günstige Arbeitskräfte in China. Körte: „Das China, das wir aus der Vergangenheit kennen, gibt es nicht mehr.“
Verloren geben will Körte den Standort Deutschland nicht: „Wir haben immer noch unheimliche Stärken und Kraft“, sagte er. Hierzulande habe noch immer jeder zweite Hidden Champion, also heimlicher Weltmarktführer, seinen Sitz.
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Zudem liege die Bundesrepublik bei Patentanmeldungen in Europa vorn. Um sie zu nutzen, müssten Politik, Wirtschaft und Wissenschaft aber besser zusammenspielen und agiler werden. „Wir müssen von einer Fehlerkultur zu einer Lernkultur übergehen.“ Deutschland habe zum Beispiel große Chancen, Weltmarktführer bei industrieller Künstlicher Intelligenz zu werden.
Das betonte auch Sebastian Steinhäuser, Chief Strategy & Operating Officer bei SAP: Gerade der Mittelstand sei wettbewerbsfähiger als zum Beispiel in den USA.
Selbst Siemens steht unter Druck
Für die komplizierte, aber nicht aussichtslose Lage ist Siemens ein treffendes Beispiel. Das Unternehmen hat im vergangenen Jahr angekündigt, eine Milliarde Euro vor allem in die Fertigung in Deutschland zu investieren. Allerdings bekommt auch der Industrieriese die schwache Konjunktur zu spüren. Der Konzern hat den Abbau einer vierstelligen Zahl von Arbeitsplätzen in seiner Sparte Digital Industries angekündigt. Davon könnte nach Einschätzung von Insidern auch der Standort Erlangen betroffen sein.
Und selbst Lilly-Manager Horn sah zumindest noch etwas Verbesserungsbedarf für den Standort, vor allem bei einem Thema: der Deutschen Bahn. „Da müssen wir natürlich alle dran arbeiten, dass es besser wird.“