Morning Briefing Plus: Habeck, Söder und die Liebe
Liebe Leserinnen und Leser
willkommen zurück zu unserem Blick auf die Themen, die uns diese Woche am meisten bewegt haben.
Mein Alltag ist auch deshalb so interessant, weil er mitunter die verblüffendsten Wendungen bereithält. Gestern zum Beispiel stand ich mit Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck auf der Bühne des Handelsblatt Industriegipfels. Wir sprachen über seine Gedanken zur Zukunft der Industrie, die Krise der Autohersteller, die Fehler seiner Subventionspolitik, seine Anrufe bei Christian Lindner und die Attacken von Markus Söder, die – nach Habecks Ansicht – mehr und mehr zum Risiko für Friedrich Merz werden.
Und dann, ganz plötzlich, waren wir beim Thema: Liebe.
„Wir sind eine Konsensgesellschaft“, sagte Habeck eben noch. Aber Konsens müsse erarbeitet werden und das habe viel mit dem richtigen Umgang mit Konflikten zu tun. So weit so gut.
Doch dann bog er plötzlich ab: „Das ist selbst im Alltag so, und ich muss aufpassen, dass ich mich hier nicht verlaufe“, warnte er noch. „Aber wenn wir sagen, das Fundament unserer Beziehung ist die Liebe, dann kann man Ihnen nur Glück wünschen“, sagte Habeck ans Publikum gewandt. „Denn in Wahrheit wissen wir, das Fundament einer Beziehung ist der Umgang mit den verschiedenen Dingen des Alltags. Sie lieben sich auch nicht, wenn Sie sich nicht einigen können, wo Sie Urlaub machen, wer einkauft, wer die Kinder betreut und … keine Ahnung … wer die Toilette putzt. Aber wenn das alles ausverhandelt wird, dann ist das 'ne gute Beziehung: Und das nennt man dann Liebe.“
„Und ja“, sagte Habeck, „so ist es auch in der Regierung und in der Demokratie. Es ist in Wahrheit der richtige Umgang mit Konflikten, der ein Land und eine Regierung zusammenhält.“
All das habe die Ampel nicht geschafft. Aber er habe angesichts der Sticheleien der CSU auch nicht sehr viel Vertrauen, dass in der Union der richtige Umgang mit den Konflikten geübt werde, „sondern dass Markus Söder das macht, was er schon mit Armin Laschet gemacht hat“.
Ich bin jedenfalls jetzt schon gespannt zu sehen, was passiert, wenn Habeck und Söder ausdiskutieren müssen, wer die Toilette putzt.
Das ganze Interview können Sie hier anschauen. Alternativ können Sie es in der nächsten Ausgabe meines Podcasts Handelsblatt Disrupt anhören.
Was uns diese Woche sonst noch beschäftigt hat:
1. Diese Grafik sollten alle kennen, die über die Zukunft der deutschen Industrie nachdenken: Am Donnerstag ist der Strompreis in Deutschland auf ein Rekordhoch gesprungen. Gegen Abend kostete eine Megawattstunde an der Börse 936 Euro. Sogar auf dem Höhepunkt der Energiekrise hatten die Preise nicht über 900 Euro gelegen. Warum das alles? Weil schlicht zu wenig Strom verfügbar war. Hier lesen Sie die Details. Habeck wollte bei dem Thema übrigens keine Entwarnung geben. Solche Phasen werde es künftig womöglich noch öfter geben, sagte er.
2. Es gibt da noch eine weitere Zahl, die in den nächsten Wochen für Debatten sorgen wird, sie stammt von IfW-Konjunkturchef Stefan Kooths. Laut seiner Analyse ist die Auslastung von Industrieunternehmen in Deutschland inzwischen „fünf Prozentpunkte unter normalen Rezessionen“, sagt er im Interview. Eine dramatische Bilanz. Kein Wunder, dass in der deutschen Wirtschaft gerade jeder siebte Job in Deutschland entfällt, wie unser Berliner Büro diese Woche exklusiv berichtete.
3. Wir beim Handelsblatt wollen uns nicht damit zufriedengeben, nur die Probleme zu beschreiben. Wir schauen auch immer wieder in andere Länder und Regionen, von denen Deutschland lernen kann. Eine besonders faszinierende Geschichte dieser Kategorie haben Theresa Rauffmann und Thomas Jahn geschrieben. Sie waren in Dänemark, das in Innovationsrankings immer wieder Spitzenplätze erreicht. Die beiden beschreiben nicht nur, wie das Land das erreicht hat. Sie analysieren auch, was Deutschland von den Strategien lernen kann. Wenn Sie dieses Wochenende nur noch Zeit für eine Geschichte haben, dann lesen Sie diese.
4. In einem wichtigen Punkt tut sich aber auch etwas in Deutschland: Die Forschungsausgaben von Universitäten und Unternehmen sind 2023 auf einen Rekordwert gesprungen. Das ist gut. Es gibt nur ein Problem: Andere Länder ziehen trotzdem an Deutschland vorbei, berichtet Barbara Gillmann. Hier lesen Sie, welche Innovations-Champions wir in den nächsten Jahren im Blick behalten werden.
5. Der Umsturz in Syrien hat die Schlagzeilen diese Woche beherrscht. Am Ende bleiben vor allem zwei Fragen: Wie verändert der Umsturz den Nahen Osten? Und: Kann mit den Rebellen ein politischer Neuanfang gelingen? Darüber haben Moritz Koch und Dietmar Neuerer ein ziemlich aufschlussreiches Interview mit dem Ex-BND-Spion und Nahost-Experten Gerhard Conrad geführt.
6. Die Debatte um die FDP und Lindners Kettensägen-Diskussion über einen schärferen Reformkurs in Deutschland hält an. Höchste Zeit, das Thema mit einem Mann zu diskutieren, der die nervöse politische Debatte mit dem nötigen Abstand verfolgt: Deshalb sind meine Kollegen Jens Münchrath und Peter Brors zu Ex-Verfassungsrichter Udo di Fabio nach Bonn gefahren. In dem Gespräch warnt er eindringlich vor einer zunehmenden Staatsgläubigkeit in Deutschland, einem entgrenzten Dirigismus – und er kann den ökonomischen Disruptionen in den USA so einiges abgewinnen.
7. Auf dem Goldmarkt passieren seltsame Dinge: Seit Monaten kaufen mysteriöse Investoren das Edelmetall tonnenweise und treiben den Preis von Rekord zu Rekord. Unser großer Report zum Wochenende analysiert das Phänomen und sucht nach den Ursachen. Am Ende bleibt eine brisante Theorie.
8. All das schlägt mitunter seltsame Blüten. Da ist zum Beispiel Dominik Kettner. Der verkauft nicht nur Edelmetalle, sondern verbreitet auf Youtube regelmäßig düstere Verschwörungstheorien, Untergangsszenarien und andere Unwahrheiten. Seine Lösung für all das? Natürlich: seine Edelmetalle. Sebastian Dalkowski beschreibt in einem höchst lesenswerten Report, wie das lukrative Geschäft der Untergangspropheten funktioniert.
Ich wünsche Ihnen ein wunderbares Adventswochenende ganz ohne Untergangsfantasien.
An dieser Stelle übernimmt für die nächsten drei Wochen mein Kollege Martin Knobbe, unser neuer Stellvertretender Chefredakteur, der im Dezember angefangen hat. Es wurde ohnehin höchste Zeit, dass Sie ihn mal kennenlernen.
Herzlich
Ihr
Sebastian Matthes