Tiktok, Instagram und Co.: So schützen Länder Jugendliche vor sozialen Medien
Berlin, Brüssel, Bangkok, Shanghai. Der Umgang von Jugendlichen mit sozialen Medien wird weltweit zu einem immer größeren Problem. Eine Studie der Weltgesundheitsorganisation WHO zeigte kürzlich, dass inzwischen mehr als jeder zehnte Jugendliche (elf Prozent) Anzeichen eines problematischen Verhaltens im Hinblick auf die sozialen Medien zeigt. So fällt es den jungen Menschen zum einen schwer, ihre Nutzung der sozialen Medien zu kontrollieren, zum anderen haben sie mit negativen psychischen Folgen zu kämpfen.
„Es ist ein großes Problem, dass soziale Medien bewusst so gestaltet werden, dass sie süchtig machen“, sagte die Vizepräsidentin des EU-Parlaments, Katarina Barley (SPD), dem Handelsblatt. Diese Gefahr, die besonders junge Menschen betrifft, müsse konsequenter angegangen werden. „Um es klar zu sagen: Hier geht es um das Geschäftsmodell der Big-Tech-Anbieter. Sie profitieren von dem Verlust der Selbstkontrolle der Nutzerinnen und Nutzer und nehmen das dabei in Kauf.“
Erste Regierungen ergreifen daher zum Teil drastische Maßnahmen. Auch die EU will die Nutzung einschränken. Ein Überblick, wie Länder weltweit mit dem schädlichen Einfluss sozialer Medien für Jugendliche umgehen.
Tiktok-Verbot in Albanien
Wie kürzlich bekannt wurde, tritt in Albanien im Januar ein Verbot des sozialen Netzwerks Tiktok in Kraft. Die besonders bei Jugendlichen beliebte Videoplattform soll für mindestens ein Jahr komplett gesperrt werden, verkündete der albanische Regierungschef Edi Rama kürzlich.
Anstoß für die Diskussion um soziale Medien in dem Land war eine Messerstecherei unter Jugendlichen, bei dem ein 14-Jähriger getötet worden war. Die Jungen hatten sich zuvor auf Tiktok gegenseitig angefeindet.
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Unklar ist allerdings, wie das Verbot genau umgesetzt werden soll. Zudem gibt es technische Umgehungsmöglichkeiten von Internetbeschränkungen, etwa durch die Nutzung von sogenannten VPN-Tunneln. Diese täuschen vor, dass sich der Nutzer in einem Land befindet, in dem die Beschränkungen nicht gelten. Dadurch kann etwa auch die strenge Internetzensur in China oft umgangen werden.
Mindestalter für Social-Media-Plattformen
Ende November hatte bereits das australische Parlament einen Plan verabschiedet, mit dem unter 16-Jährigen der Zugang zu sozialen Medien komplett verboten werden soll. „Wir wollen, dass australische Kinder eine Kindheit haben“, sagte der australische Regierungschef Anthony Albanese. „Wir wissen, dass soziale Medien Schaden anrichten.“
In Kraft treten soll der Plan nun in einem Jahr. Ab diesem Zeitpunkt droht Social-Media-Konzernen eine Strafe von umgerechnet gut 30 Millionen Euro, sollten sie die Altersbeschränkung nicht wirksam umsetzen. Mehrere Fragen dazu sind jedoch noch offen – etwa, welche Unternehmen genau von der Regelung betroffen sein werden und wie die Einhaltung der Altersvorgabe überprüft werden soll.
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Andere Länder wie etwa Spanien haben ebenfalls bereits Beschränkungen für die Nutzung und den Zugang zu sozialen Netzwerken erlassen. So ist dieser nur für Jugendliche über 16 Jahren erlaubt. Auch die britische Regierung erwägt, ein Mindestalter von 16 Jahren für die Nutzung sozialer Medien festzulegen.
Problematische Nutzung von Videospielen dominiert Diskussion in China
Gleichzeitig sind Smartphones so weit verbreitet wie in kaum einem anderen Land. Kinder und Jugendliche sind der Dauerberieselung auf Videoplattformen wie Douyin, dem chinesischen Tiktok, oder Bilibili ausgesetzt.
In der chinesischen Gesellschaft ist es nicht ungewöhnlich, dass schon Dreijährige am Frühstückstisch essen und gleichzeitig vor dem Handy sitzen. Die exzessive Nutzung von Smartphones für Shopping und Unterhaltung inklusive Livestreaming hat längst die Familien in fast allen Altersgruppen – mit Ausnahme der Ältesten – erfasst.
Der zunehmende Konsum unter Minderjährigen hat daher in jüngster Zeit die chinesische Staats- und Parteiführung auf den Plan gerufen. Weitaus mehr diskutiert als der Umgang mit sozialen Netzwerken wird jedoch die problematische Nutzung von Videospielen.
Offiziellen Statistiken zufolge spielen rund 62,5 Prozent der Minderjährigen regelmäßig Online-Spiele, 13,2 Prozent der minderjährigen Nutzer spielen unter der Woche mehr als zwei Stunden pro Tag. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, dürfen Anbieter von Videospielen ihre Dienste an Wochenenden und Feiertagen nur noch stundenweise für Minderjährige anbieten. Diese Regelung ist verpflichtend.
So bieten die Tech-Unternehmen auf Druck der Regierung in Peking einen Jugendmodus an, der – je nach Alter – bestimmte zeitliche Beschränkungen einführt. Laut einem Ende 2022 veröffentlichten Bericht der Staatsführung nutzte damals allerdings weniger als die Hälfte der Eltern die neue Regelung. Das hat damit zu tun, dass der Jugendmodus lediglich eine freiwillige Empfehlung ist, nicht aber verpflichtend.
Psychische Gesundheit von Jugendlichen: EU sieht politischen Handlungsbedarf
Auch in der EU wird der problematische Umgang mit sozialen Medien unter Jugendlichen thematisiert. Der Schutz von Nutzern, einschließlich Minderjähriger, ist eines der wichtigsten politischen Ziele des Digital Service Act (DSA). Der DSA nimmt soziale Plattformen beim Löschen von Fake News und Hetze in die Pflicht und will durch gezielte Maßnahmen die Suchtgefahr für Jugendliche einschränken. Halten sich die großen Plattformen wie Instagram, X oder Tiktok nicht an die Vorgaben, kann die EU die Plattformen im Ernstfall sogar verbieten.
Im Fall des Dienstes Tiktok Lite ist es bereits dazu gekommen. Der chinesische Mutterkonzern Bytedance wollte die in China beliebte App-Variante der Video-Plattform Tiktok auch auf den europäischen Markt bringen. Die App zeichnete sich vor allem durch ein Bonusprogramm aus, das Nutzer zu einer längeren Verweildauer in der App animiert.
Dafür erhalten Nutzer in der App Punkte für jedes angesehene, gelikte oder geteilte Video. Die Punkte können dann in Gutscheine eingetauscht und für reale Einkäufe im Internet genutzt werden. Die EU geht davon aus, dass mit dem Bonusprogramm ein erhöhtes Suchtpotenzial einhergeht. Offiziell sollte die App nur für Nutzer ab 18 Jahren erlaubt sein.
In der eingeleiteten Untersuchung der EU konnte der Konzern allerdings nicht belegen, dass Bytedance bei Tiktok Lite eine ausreichende Alterskontrolle vornahm. Schließlich entschloss sich der Konzern in Androhung von Strafzahlungen, die App-Variante vom europäischen Markt zu nehmen.
Die ehemalige EU-Kommissarin Vera Jourova sieht weiteren Handlungsbedarf. Die EU müsse sich überlegen, ob Alterskontrollen durch die Eltern oder die Plattform allein in Zukunft ausreichend seien, sagte sie im Gespräch mit dem Handelsblatt.
Deutschland bei Regulierung bislang zurückhaltend
Brüssel sei vorsichtig dabei, Generalverbote zu erteilen, die sozialen Medien gefährdeten jedoch die psychische Gesundheit und Sicherheit von Minderjährigen, so Jourova. Daher müsse die Politik handeln: „Wenn Sie mich fragen, was ich derzeit neben Kriegen und Klimawandel als die alarmierendste Entwicklung empfinde, dann würde ich sagen: Es ist der Geisteszustand der jungen Generation.“
Unterstützung erhält die EU-Kommission aus dem Europaparlament. „Der DSA ist bereits ein scharfes Schwert zur Regulierung von Onlinediensten, geht aber nicht weit genug“, sagt die Vizepräsidentin des EU-Parlaments, Katarina Barley.
In Deutschland ist die Regulierung bislang zurückhaltender. Das völlige Verbot von Social Media für unter 16-Jährige halte er für zu weitgehend, sagt Sebastian Gutknecht, Direktor bei der Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz (BzKJ). Kinder und Jugendliche hätten ein Recht auf digitale Teilhabe und darauf, „digitale Lebensräume“ sicher zu erkunden. Ein generelles Verbot des Zugangs zu sozialen Medien stellt einen Verstoß gegen die UN-Kinderrechtskonvention dar, hieß es jüngst in einer Stellungnahme der dem Bundesfamilienministerium untergeordneten Behörde.
Soziale Medien sind dabei nicht nur ein Risiko für die mentale Gesundheit Jugendlicher weltweit – sie sind längst zum Instrument politischer Einflussnahme geworden. Auch in den deutschen sozialen Medien sind vor allem rechtspopulistische Parteien wie die AfD erfolgreich.
Bei der Europawahl und den Landtagswahlen in Ostdeutschland in diesem Jahr feierte die AfD Erfolge bei jungen Wählern. Rechtsextremismus-Forscher Matthias Quent weist auf den Einfluss sozialer Medien hin. „Wir haben eine große Verunsicherung bei jungen Menschen, die über die sozialen Medien genährt und gestärkt wird“, sagt er. Den Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen bezeichnet er als eine der besorgniserregendsten Erkenntnisse des Wahltags.