Morning Briefing: Magdeburg-Attentat lässt sich in keine Schublade stecken
Nach dem Anschlag in Magdeburg sind viele Fragen ungeklärt / Volkswagen steht vor historischer Zäsur
Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,
In Magdeburg und in ganz Deutschland ist die Trauer nach dem Weihnachtsmarkt-Attentat groß. Ein 50-jähriger Mann war am Freitagabend mit einem Auto in eine Gruppe Weihnachtsmarktbesucher gerast. Ein neunjähriges Kind sowie vier Frauen wurden getötet und mehr als 200 Menschen verletzt. Der mutmaßliche Täter wurde unmittelbar nach der Tat festgenommen.
Die große Trauer um die Toten und Verletzten wird begleitet von Fassungslosigkeit, Angst und der Frage, ob der Anschlag hätte verhindert werden können. Laut Medienberichten waren an verschiedenen Stellen, etwa beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf), Warnungen und Hinweise zu dem späteren mutmaßlichen Täter eingegangen. Die Aufarbeitung der Behörden zu dem Vorfall dauert noch an. Außerdem stellt sich die Frage, wieso das Sicherheitskonzept des Magdeburger Weihnachtsmarktes das Attentat nicht verhindern konnte.
Der mutmaßliche Täter von Magdeburg kam 2006 aus Saudi-Arabien nach Deutschland und absolvierte in Mecklenburg-Vorpommern einen Teil seiner Facharzt-Ausbildung. Schon damals wurde Taleb A. bei den Behörden mehrfach auffällig – mit der Androhung von Straftaten. Immer wieder legte er sich mit Vereinen und Behörden an, etwa mit der Säkularen Flüchtlingshilfe Deutschland. Zuletzt arbeitete er in Bernburg als Facharzt für Psychiatrie und kümmerte sich um suchtkranke Straftäter. Hier können Sie nachlesen, was über den mutmaßlichen Attentäter bisher bekannt ist.
Taleb A. passt nicht in viele gängige Schemata. Anders als Anis Amri, der vor sieben Jahren auf dem Berliner Breitscheidplatz bei einem ähnlichen Tathergang 13 Menschen tötete, war A. kein Islamist. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) erklärte stattdessen: „Wir können nur gesichert sagen, dass der Täter offensichtlich islamophob war“. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) erklärte, man müsse Handlung und Motive des Täters genau verstehen, „um dann mit den strafrechtlichen und den notwendigen anderen Konsequenzen darauf zu reagieren“.
Obwohl sich der Anschlag von Magdeburg bisher in keine gängige Schublade stecken lässt, versuchen rechtsextreme Kräfte, ihn für eigene Zwecke zu instrumentalisieren – dabei erhalten sie prominente Unterstützung. Der US-Milliardär und X-Chef Elon Musk nutzte die Tat auf seinem persönlichen Account, um Wahlwerbung für die AfD zu machen. Paradoxerweise hatte der Attentäter selbst vor seiner Tat Sympathie für Elon Musk und die AfD geäußert. Musk bezieht seit Längerem Stellung zum deutschen Wahlkampf, äußert sich dabei im Sinne der Rechtsextremen und bezeichnete Bundeskanzler Scholz als „unfähigen Idioten“.
Sven Prange, Wochenendressortleiter beim Handelsblatt, forderte angesichts der Tiraden des Milliardärs, Musk dort zu stellen, wo er wirklich angreifbar sei – bei seinem eigenen unternehmerischen Treiben. Musks Erfolge seien nicht nur Ergebnisse genialen Unternehmertums, sondern auch eine Verkettung kalkulierter Rechtsbeugungen. Politiker sollten dafür sorgen, dass auch er sich an geltendes Recht halte. Bisher habe es eine Neigung gegeben, ihm das alles durchgehen zu lassen.
Bei Volkswagen sollen bis zum Ende des Jahrzehnts mehr als 35.000 Stellen wegfallen. Das ist das Ergebnis des mehr als 70 Stunden andauernden Verhandlungsmarathons im Tarifstreit zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaft. Handelsblatt-Volkswagen-Reporter Lazar Backovic wertet das Ergebnis in dieser Dimension als „historisch“ und als Sieg des Konzernchefs Oliver Blume über Betriebsratschefin Daniela Cavallo. Schließlich hatte Cavallo immer wieder betont, dass es mit ihr keine Werksschließungen geben werde. Immerhin: Der Stellenabbau soll ohne betriebsbedingte Kündigungen vonstattengehen und die übrigen Beschäftigten erhalten eine Jobgarantie bis 2030.
In Deutschland sterben mehr Einhörner, als geboren werden. Wer sich in der Start-up-Welt auskennt, weiß, dass hinter dieser Nachricht kein Artensterben aus einem Fantasyroman steckt, sondern eine reale Hiobsbotschaft für den Wirtschaftsstandort. Denn als Einhörner werden Start-ups bezeichnet, die mit mehr als einer Milliarde Dollar bewertet werden. Und von denen gibt es hierzulande immer weniger.
Nach dem Boom während der Coronapandemie sinkt bereits im zweiten Jahr in Folge die Zahl der Einhörner. Mit dem Fitness-Spezialisten Egym bekam lediglich eine Firma den Einhornstatus neu zugesprochen, drei Start-ups hingegen wurden „enthornt“, wie es in der Szene heißt. Damit gibt es aktuell nur noch 33 der seltenen unternehmerischen Fabelwesen. Ein Grund für die schwache Entwicklung: Laut dem Datendienst Pitchbook dürften die Investitionen in deutsche Start-ups in diesem Jahr noch einmal gesunken sein. Ein kleiner Lichtblick für alle Einhörner: Experten rechnen damit, dass die Investitionen im kommenden Jahr wieder steigen.
Es gibt Entscheidungen, die entpuppen sich in der Rückschau als richtig schlechte Idee. So dürfte die Apothekerversorgung Schleswig-Holstein auf das Jahr 2020 blicken, als sie sich entschied, sich nicht mehr an die Anlageverordnung für Pensionskassen zu halten. Stattdessen hatte sie den in der Rückschau nicht mehr ganz so glorreichen Einfall, „unternehmerische Beteiligungen aufzubauen und vermehrt Mezzanine-Darlehen zu vergeben“, wie es im Geschäftsbericht heißt. Wenn Sie verstehen wollen, was genau dahintersteckt, empfehle ich Ihnen den Report meines Kollegen Julian Trauthig. Das Ende des Experiments sei an dieser Stelle schon verraten. Allein für das Jahr 2023 musste die Apothekerversorgung mehr als 50 Millionen Euro wegen riskanter Immobilieninvestments abschreiben.
Zum Abschluss möchte ich gerne noch eine weitere Leserfrage beantworten.
Vor allem nach Briefings wie dem heutigen, in denen es auch viel um schwierige Themen und menschliches Leid geht, fällt es nicht immer so leicht, abzuschalten. Ich mache mir meist noch einen Tee, lese noch ein paar Seiten und gehe dann ins Bett. In einigen wenigen Fällen ist es mir auch schon passiert, dass ich das Licht wieder angeknipst und mich im Schlafanzug an den Schreibtisch gesetzt habe, weil ich diese eine Formulierung noch unbedingt ändern musste.
Drücken Sie mir bitte die Daumen, dass mir das heute Abend nicht passiert und ich ausgeruht in die Weihnachtszeit starten darf. Das wünsche ich Ihnen auch von ganzem Herzen und freue mich, Sie an dieser Stelle am 27. Dezember wieder begrüßen zu dürfen.
Ich wünsche Ihnen eine frohe und besinnliche Weihnachtszeit.
Ihre
Teresa Stiens
Redakteurin Handelsblatt