Frankreich: Front-National-Gründer Jean-Marie Le Pen ist tot
Paris. Mehr als ein halbes Jahrhundert prägte Jean-Marie Le Pen den rechten Rand der Politik in Frankreich. Nun ist der Gründer des Front National (FN) am Dienstag im Alter von 96 Jahren gestorben. Sein politisches Erbe liegt längst in den Händen von Tochter Marine Le Pen, die mit der in Rassemblement National (RN) umbenannten Partei das erreichen könnte, was dem Vater nie gelang.
In einer Erklärung würdigte der RN die „Verdienste“ von Jean-Marie Le Pen, den wegen ausländerfeindlicher und antisemitischer Äußerungen wohl umstrittensten französischen Politiker seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Während seines „politischen Kampfes“ habe sich der Parteigründer als „Visionär“ erwiesen, hieß es.
Ob Migration, Globalisierung, der „Niedergang Frankreichs“ oder „das Risiko der Europäischen Union für die nationale Souveränität“: Le Pen habe der Debatte „die großen Themen aufgezwungen, die heute das politische Leben strukturieren“. Mit seinem Tod ende „ein Kapitel in der politischen Geschichte Frankreichs“.
Nazi-Gaskammern als „Detail“ verharmlost
Der Sohn eines bretonischen Fischers studierte Jura und kämpfte in den 1950er-Jahren als Soldat der französischen Fremdenlegion im Indochinakrieg und im Algerienkrieg. Ihm wurde die Beteiligung an Kriegsverbrechen vorgeworfen, er selbst wies dies zurück. Seine Karriere in der Politik begann er als Schützling des Rechtspopulisten Pierre Poujade, 1972 war er einer der Mitbegründer des FN.
Le Pens politischer Stil war die Provokation, wiederholt wurde er von Gerichten wegen Anstachelung zum Hass verurteilt. Zu seinen bekanntesten Ausfällen gehört, dass er die Gaskammern der Nazis wiederholt als „Detail“ der Geschichte verharmloste. Dennoch schaffte er es, den FN dauerhaft zu etablieren.
Seit den 1980er-Jahren war die Partei unter Le Pen als Vorsitzendem in der französischen Nationalversammlung und auch im Europaparlament vertreten. Der größte Coup gelang ihm bei der Präsidentschaftswahl 2002: Damals zog er in die Stichwahl ein, verlor dort aber haushoch gegen den konservativen Amtsinhaber Jacques Chirac.
Mehrheitsfähig war das Rechtsaußen-Lager in Frankreich mit Jean-Marie Le Pen nie. Tochter Marine, die 2011 an die Spitze des FN rückte, wollte das ändern. Sie distanzierte sich von ihrem Vater, schloss ihn 2015 sogar aus der Partei aus. Die neue Chefin verfolgte eine Strategie der „Entteufelung“ des heutigen Rassemblement National.
Das moderatere Image verfängt in der französischen Wählerschaft zunehmend. An wohl keinem Punkt zeigt sich die Abgrenzung vom Vater so deutlich wie beim Umgang mit der jüdischen Gemeinde. Marine Le Pen tritt als Kämpferin gegen Antisemitismus auf und verbindet dies mit scharfer Kritik an muslimischen Einwanderern.
Entfremdung von Tochter Marine Le Pen
Als Präsidentschaftskandidatin zog sie 2017 und 2022 in die Stichwahl ein. Zwar verlor sie beide Male gegen Emmanuel Macron, konnte ihren Anteil aber von 34 auf 42 Prozent steigern. In der Nationalversammlung ist die Fraktion des RN so stark wie nie, in Umfragen ist Le Pen aktuell die Favoritin für die Präsidentschaftswahl 2027.
Jean-Marie Le Pen, der den Kurs seiner Tochter anfangs zu torpedieren versuchte, lebte die letzten Jahre zurückgezogen. Wiederholt musste er ins Krankenhaus eingeliefert werden, in den vergangenen Wochen verschlechterte sich sein Zustand weiter. Nach Angaben der Familie verstarb er am Dienstag in einem Pflegeheim.
Marine Le Pen erfuhr vom Tod ihres Vaters Medienberichten zufolge während des Rückflugs von einem Besuch im französischen Überseegebiet Mayotte, wo die RN-Anführerin sich ein Bild von den Folgen eines schweren Tropensturms gemacht hatte. Am späten Dienstagabend sollte sie wieder in Paris landen, zunächst gab es von ihr keine öffentliche Reaktion.
Der Élysée-Palast veröffentlichte eine nüchterne Erklärung zum Tod von Jean-Marie Le Pen. Darin hieß es, dass Macron der Familie sein Beileid ausspreche. Als „historische Persönlichkeit der extremen Rechten“ habe Le Pen „fast 60 Jahre lang eine Rolle im öffentlichen Leben unseres Landes gespielt, über die nun die Geschichte urteilen muss“.