Krankenkassen: „Manche haben geweint, weil sich endlich einer kümmert“
Berlin, Köln. Andrea Galle sitzt an diesem Tag gemeinsam mit drei weiteren Frauen auf einem Podium, neben dem eine riesige Vagina steht. Die Apothekenumschau hat diese hier aufgestellt. Auch wenn die Situation für eine Krankenkassenchefin nicht ganz gewöhnlich ist, ist sie irgendwie auch wiederum folgerichtig: Auf der Veranstaltung geht es um Frauengesundheit, speziell um Wechseljahre. Galles Lebensthema.
Galle, Chefin der gesetzlichen Krankenkasse MKK – Meine Krankenkasse, erzählt davon, wie Chefs und Chefinnen, wie sie eben auch eine ist, die Wechseljahre enttabuisieren können. „Wenn meine Chefin sich schon zurückhält, dann werde ich das auch als Mitarbeitende tun“, sagt Galle. Das Publikum klatscht.
Galle hält sich nicht zurück, spricht in der Öffentlichkeit über Wechseljahre und zu anderer Gelegenheit, wenn es nötig ist, auch davon, wie ihr in selbigen in einem wichtigen Meeting die Schweißperlen runterliefen. An diesem Tag vor den Frauen ist so viel Persönliches nicht nötig. Da erzählt sie lieber von ihrem Einfluss als Chefin.
Denn in erster Linie, das stellt Andrea Galle immer wieder klar, leitet sie ein Unternehmen mit 1200 Mitarbeitenden, darunter rund 70 Prozent Frauen, wie im Gesundheitswesen so üblich.
Chefin einer gesetzlichen Krankenkasse, diese Rolle tragen in den 30 größten nur vier weitere Frauen und 25 Männer. Für die Kassenchefin sind Männerrunden also ein gewöhnlicher Umstand. Früher noch mehr als heute. Über ihre Anfangszeit sagt sie:
Seit mehr als 30 Jahren leitet Galle die MKK – Meine Krankenkasse, die früher unter dem Namen BKK VBU firmierte. Zwar gibt es auch andere Kassenchefs, die schon lange im Amt sind. Jens Baas etwa, der seit einem guten Jahrzehnt die Techniker Krankenkasse leitet, oder Andreas Storm, der seit 2017 die DAK führt. Doch Andrea Galles Amtszeit scheint niemand zu übertreffen.
„Sie blieb als Chefin immer unumstritten“, sagt Franz Knieps, der den Betriebskassenverband, den BKK-Dachverband leitet, in dem auch Galle im erweiterten Vorstand aktiv ist. „So eine Erfolgsgeschichte gibt es selten.“
Selten, auch weil sich die Anzahl der Krankenkassen massiv verringert hat. Agierten 1990 noch 1147 Krankenkassen, existieren heute nur noch knapp 100.
Die MKK gehört zu den Übriggebliebenen. Startete sie einst als reine Betriebskrankenkasse mit 500 Versicherten, zählt sie heute 500.000 Versicherte. Damit hat sie sich zu einer mittelgroßen Krankenkasse entwickelt.
Es reicht also nicht zu fragen, wie Galle es an die Spitze schaffte. Vielmehr drängt die Frage, wie die Vorständin so lange an der Spitze blieb. Zudem seit Jahren mit einem Thema, das ähnlich wie Galle im Gesundheitswesen ein Nischendasein genießt: Frauengesundheit.
Wie die DDR das Selbstverständnis von Andrea Galle prägte
Weiße Wände, Schreibtisch, davor Besprechungstische. Andrea Galle sitzt heute da, wo sie in jungen Jahren nie hinwollte: im Büro. Sie wuchs in Magdeburg in der DDR auf. „Mit 16 Jahren hatte ich diese für mich grausame Vorstellung, dass der Staat dich in ein Büro setzt und du da bis zur Rente nicht wieder rauskommst“, sagt Galle.
Heute freut sie sich sogar darüber, dass ihr Bürojob als Chefin der MKK bis 2029 verlängert wurde. Weil sie anders als in der DDR das Gefühl hat, selbst über ihre Karriere bestimmen zu können.
Eigentlich wollte Andrea Galle studieren. Doch obwohl sie die Zweitbeste ihrer Klasse war, durfte sie kein Abitur machen. Ihre Eltern waren in der Kirche, nicht in der Partei. Also die Ausbildung beim Autobahnbaukombinat zum Wirtschaftskaufmann. Auf dem zweiten Bildungsweg studierte sie dann zunächst Ingenieurökonomie mit der Fachrichtung Bauwesen in Berlin. Danach ging es für sie auf Wunsch der DDR zurück nach Magdeburg. Berufsbegleitend hängte sie ein weiteres Studium der Arbeitswissenschaften an der TU Dresden an. Doch mehr studieren ging nicht. „Irgendwann kriegen sie einen so oder so.“
So auch Andrea Galle. Zwei Jahre vor der Wende trat sie in die Partei SED ein. „Ich dachte damals, man kann von innen heraus verändern. Ich weiß heute, dass das bei solchen nicht demokratischen Systemen, die einer Ideologie folgen, selten geht.“
Andrea Galle würde gern auch das Gesundheitssystem radikal umbauen, sagt, dass im aktuellen System an kranken Menschen verdient würde. Besser wäre ein präventives System, das Anreize setzt, Krankheitsfälle zu vermeiden und das Frauen- und Männergesundheit berücksichtigt.
Nur radikal sein, das hat eben auch einen Preis. Im Gesundheitssystem würden etablierte Akteure Budgets verlieren, es würde heftige Widerstände geben, sagt Galle. Es hieße nicht umsonst „Revolutionen sind in der Regel blutig.“
Ihre Vergangenheit prägt ihren Arbeitsethos
1989 hatte sie gerade ihr Studium beendet, als sie im Fernsehen sah, wie die Mauer fiel. Sie war damals 27 Jahre alt. „Wär ich in Berlin gewesen, wär ich vielleicht auch über die Bornholmer Brücke gegangen. Aber ich war in Magdeburg.“ Andrea Galle ging erst mal schlafen.
Wie so oft in DDR-Betrieben, stand auch ihre damalige Baufirma vor einem Problem: Die Belegschaft der Personalabteilung sei politisch belastet gewesen, sodass man deren Leitung und Mitarbeitende zuerst freistellte, erzählt Galle. Weil sie Arbeitswissenschaften studierte, wurde Andrea Galle in die neue Personalabteilung versetzt.
Zu einer Zeit, in der viele Jobs einfach weggebrochen sind, musste Galle 250 Kollegen und Kolleginnen auf Kurzarbeit „null“ betreuen und versuchen, ihnen neue Jobs zu besorgen. Eine prägende Erfahrung. Sie sagt:
Auch Andrea Galle hatte Angst um ihren Job. „Mir war immer bewusst, dass ich ersetzt werden könnte.“ Dieses Bewusstsein trieb sie an, sich auf der Arbeit besonders anzustrengen. Die Erfahrung, als Frau weniger wert zu sein, sammelte sie jedoch erst nach der Wende.
Wie Andrea Galle Kassenchefin wurde
In ihrer neuen Funktion als Personalerin bemerkte sie, dass sie die Lohnkosten senken müssen, damit sie mit den etablierten westdeutschen Baufirmen wettbewerbsfähig sein können. Eine Lösung: Bei den Krankenkassenbeiträgen sparen, indem sie eine eigene Krankenkasse gründeten, die günstiger sein konnte, als die damalige Pflichtkrankenkasse AOK. Dafür war Andrea Galle zuständig.
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Lust, die neue Kasse zu verantworten, hatte sie auch. „Aber 1993 war nicht die Stunde der Frauen.“ Andrea Galle erzählt, wie der kaufmännische Geschäftsführer auf sie zugekommen sei und fragte: „Haben Sie etwa gedacht, dass Sie das leiten werden?“ Für die Stelle sei ein Mann vorgesehen. Daraufhin fragte Galle, wann sie ihm sämtliche Unterlagen übergeben könne, denn ohne die Leitung „habe ich ab sofort nichts mehr damit zu tun“.
Zwei Wochen später begegnete sie dem kaufmännischen Geschäftsführer wieder. „Er kam von der Toilette und sagte einfach nur ‚Sie sind es jetzt doch‘.“ Durch einen Zuruf auf dem Gang wurde Andrea Galle Geschäftsführerin der BKK. „Wenig wertschätzend, aber Ziel erreicht“, kommentiert sie nur. Auf das Erreichen von Zielen, kommt es Galle bis heute an.
Ihr langjähriger Vorstandsstellvertreter Helge Neuwerk, der mittlerweile Vorstandsvorsitzender des Medizinischen Dienst Nord ist, erzählt, dass die MKK früh als Wachstumskasse bekannt gewesen sei. „Als ich zu Andrea Galle wechselte, fragte man mich, was ich bei der aus dem Osten will“, sagt Neuwerk. „Sie fragten das aber nicht abwertend, sondern mit Respekt.“
Die neuen Hürden der Bundesrepublik
Einmal, erzählt Galle, saß sie in einer Besprechung der Firma, die ihren Baubetrieb von der Treuhand gekauft hatte. Ihr Sitznachbar sagte: „Ist Ihnen eigentlich bewusst, dass hier noch nie eine Frau saß? Frauen bedienen hier.“
Für Andrea Galle, die wie andere Frauen auch in der DDR immer arbeitete, eröffnete sich eine neue Welt. Eine Welt, in der sie zwar werden konnte, was sie wollte, aber in der Männer die Spielregeln bestimmten. In einem Gehaltsgespräch habe ein Chef gesagt, dass seine Frau nicht so viel verdienen würde wie Galle. „Er hat mich nicht mit Kollegen in der gleichen Position verglichen, sondern mit seiner Ehefrau“, sagt Galle rückblickend.
Trotzdem hat Andrea Galle nie einen Zweifel gehabt, dass auch sie als Frau eine Leitungsposition haben könnte. Auch das ein Teil ihres Erfolgs, vermutet Gertrud Demmler, die seit 20 Jahren Vorständin der SBK Siemens-Betriebskrankenkasse ist und Andrea Galle schon viele Jahre kennt. Dass Frauen Führungspositionen haben können, sei immer Teil von Galles Selbstverständnis gewesen, sagt Demmler. Wahrscheinlich wegen der DDR-Sozialisierung.
Mit der klaren Vision meint Demmler die Versichertenorientierung. Für die bricht Andrea Galle sogar Regeln. Als die MKK in den Versichertendaten gesehen habe, dass Menschen pflegebedürftig werden, durfte die Kasse sie nicht kontaktieren, erzählt Galle. Sie taten es trotzdem. „Einfach, weil wir gemerkt haben, wie wichtig diese Beratung für Menschen am Telefon ist. Manche haben geweint, weil sich endlich einer kümmert.“
Danach hätten sie von der MKK massiv kommuniziert, was Galle zufolge zum aktuellen Gesundheitsdatennutzungsgesetz beigetragen habe. Durch das dürfte man nun auch mit Kassendaten bei drohender Pflegebedürftigkeit beraten. „Vielleicht“, vermutet Andrea Galle, „ist auch das eine Wendeerfahrung. Regeln sind von Menschen gemacht und man kann sie ändern.“
Der Gender-Health-Gap kostet jährlich eine Billion Euro
Andrea Galle setzt seit Jahren auf ein Thema, das in der Branche ein Nischendasein führt: geschlechterspezifische Gesundheit. Gesundheit ist vor allem an Männern erforscht. Dabei erkranken Männer und Frauen unterschiedlich. Ein Herzinfarkt beispielsweise kann bei Frauen schleichend in Form von Schlappheit auftreten, während Männer einen plötzlichen Schmerz in der Brust spüren. Die Konsequenz: Frauen sterben an einem Herzinfarkt häufiger als Männer.
Auch Medikamente verarbeiten Männer- und Frauenkörper unterschiedlich, da sich etwa das Verhältnis von Wasser, Fett und Muskulatur unterscheidet. Die Dosierung von Medikamenten kann sich zwischen Männern und Frauen also unterscheiden.
Experten sprechen vom Gender Health Gap, wenn sie auf diese geschlechterspezifischen Unterschiede in der Medizin aufmerksam machen wollen. Im vergangenen Jahr berechnete McKinsey anlässlich des Weltwirtschaftsforums einen jährlichen Verlust von umgerechnet knapp einer Billion Euro pro Jahr durch die Benachteiligung von Frauen bei der gesundheitlichen Versorgung. Nur wie viel Einfluss hat eine Krankenkassenchefin in einem System, das erst mal qua Gesetz sehr klar regelt, welche Leistungen gezahlt werden und welche nicht?
Die Krankenkassenchefin, die sich für Frauengesundheit einsetzt
Ihre Kollegin Gertrud Demmler von der SBK, nennt sie jedenfalls „eine der Vorreiterinnen“ beim Thema Frauengesundheit.
Vielleicht ist es aber auch ihr pragmatischer Angang, der Andrea Galle erfolgreich macht. Franz Knieps vom BKK-Dachverband kennt Andrea Galle seit mindestens 20 Jahren. „Beim Thema Frauengesundheit ist Andrea Galle dabei, ohne die Ideologietrommel zu schlagen.“ Und sie habe dafür gesorgt, dass das Thema Frauengesundheit überhaupt wahrgenommen wird.
Nur was Galle konkret erreicht hat, können weder Knieps noch Demmler beantworten.
Eine Erklärung: Die Leistungen, die eine Krankenkasse anbietet sind zu 95 Prozent per Gesetz vordefiniert, es bleibt also nur ein kleiner Spielraum, den Andrea Galle überhaupt hat.
Thomas Lemke vom Deutsches Finanz-Service Institut (DFSI) hat deswegen das Angebot der MKK sehr genau gesichtet. Sein Urteil: „Die MKK zeichnet sich durch ein umfangreiches Leistungsangebot aus, das speziell auf die Bedürfnisse von Frauen zugeschnitten ist und Frauen von der Schwangerschaft bis hin zur Vorsorge unterstützt.“
Galles Fehlgeburt und der gestaffelte Mutterschutz
So sagt Andrea Galle über ihren Einfluss als Krankenkassenchefin, dass sie zumindest einen Perspektivwechsel fördern kann. Wenn es etwa neue Versorgungsangebote am Markt gibt, sei es Standard, die potenziellen Vertragspartner zu fragen, ob eine geschlechtsspezifische Forschung zugrunde liegt. „Gerade weil wir auch ein eigenes Budget haben, können wir die Gestaltungsräume nutzen und solche Nachweise fordern.“
Und dann gibt es ja noch andere Spielräume, die Galle nutzen kann. Sie spricht etwa auf Veranstaltungen über ihr Leiden in den Wechseljahren und postete bei LinkedIn über ihre Fehlgeburt. „Ausschabung im Krankenhaus und am anderen Morgen entlassen“, schreibt Galle im Karrierenetzwerk. „Ich war 19 Jahre alt und fühlte mich trostlos und leer, denn im wahrsten Sinne war da ja nichts mehr.“
Andrea Galle merkt man an, dass sie eigentlich eher ungern über ihre persönlichen Erfahrungen spricht. Sie sei ja Chefin eines Unternehmens und keine Speakerin, „die sich mit Beispielen aus dem eigenen Leben in Szene setzt. Aber wenn es für das Thema wichtig ist, erzähle ich auch von mir“, sagt sie. Auf der anderen Seite wünscht sie sich manchmal, gern weniger sichtbar zu sein, sagt „es wäre schön, wenn es nicht notwendig wäre, die eigene Persönlichkeit reinzuwerfen.“ Am Ende, und das wird im Laufe der Treffen immer deutlicher, überwiegt Galles Streben nach Ergebnissen.
Die Kassenchefin unterstützt etwa eine Initiative zum gestaffelten Mutterschutz. Lange hatten Frauen bei einer Fehlgeburt vor der 24. Schwangerschaftswoche keinen Anspruch auf Mutterschutz. Galle und Mitstreiterinnen wollten das mit einem offenen Brief an Partei- und Fraktionsvorsitzende ändern. Mit Erfolg: Ende Januar beschloss der Bundestag, dass Mutterschutz künftig schon bei Fehlgeburten ab der 13. Schwangerschaftswoche möglich sein soll.
Angesprochen auf ihre Fehlgeburt will Galle kaum darüber reden. Als ob alles gesagt ist, lenkt sie auf ein anderes Thema, über das sie noch gern sprechen möchte: „Ungewollt kinderlose Menschen. Mich fuchst es, dass wir als Krankenkasse diese Gruppe nicht hinreichend unterstützen dürfen.“
Die MKK bezuschusst die Kinderwunschbehandlung und ist damit laut dem Krankenkassenexperten Thomas Lemke vom DFSI eine der wenigen Krankenkassen, die das in dem Umfang tut. Einfach, weil die Leistung sehr teuer ist.
Es ist auf dem Papier kein Unterschied, ob eine Frau oder ein Mann eine Kasse leitet. Nur Erfahrungen prägen Entscheidungen, und manche Erfahrungen betreffen Frauen anders als Männer. Das macht den Unterschied, den Andrea Galle so bemerkenswert macht, dass auch ein Jens Baas sie schriftlich lobt:
Der Puls der Zeit ist es vielleicht aber, der Andrea Galles Erfolg erklärt. „Im Moment sind Frauenkrankheiten, die eine Facette von Frauengesundheit sind, im engeren Sinne greifbarer, damit erreiche ich besser ein Ergebnis. Wenn jetzt der Bundestag männlicher wird, bleibt immer noch die Frage, wie wir zu einer geschlechtsspezifischen Versorgung für Frauen und Männer im gesamten Gesundheitswesen kommen“, sagt Galle.
Es ist eben auch ihr Pragmatismus, der Andrea Galle in einem männlich geprägten Umfeld so lange an der Spitze ihrer MKK hält.