Meta: Ethikprofessor für KI spricht sich gegen Faktenchecks aus
Düsseldorf. Christoph Lütge, Direktor des Instituts für Ethik in der Künstlichen Intelligenz TU München, unterstützt Mark Zuckerbergs Entscheidung, die Faktenchecks auf Facebook abzuschaffen.
LinkedIn-Nutzer werfen Lütge unter seinem LinkedIn-Post nun Befangenheit vor – denn das Institut für Ethik in der Künstlichen Intelligenz der TU München wurde 2019 mit der Unterstützung von Facebook, heute Meta, gegründet. In einem Kommentar unter Lütges LinkedIn-Post heißt es etwa: „Da nehmen wir’s mit der Ethik nicht mehr so genau, gell Herr Lütge?“
Als unabhängiges Institut sollte das Institute for Ethics in Artificial Intelligence (IEAI) untersuchen, wie KI Menschen fair behandeln und ihre Sicherheit und Privatsphäre schützen kann. Außerdem sollte es ethische Regeln für KI entwickeln, erklärte Lütge 2019 in einem Ankündigungsvideo des Instituts.
Meta stellte dafür eine Erstfinanzierung von 6,5 Millionen Dollar für fünf Jahre bereit, um die ethische Forschung zur damals neuen Technologien voranzutreiben. „Facebook ist für uns ein ganz natürlicher Partner“, sagte Lütge damals in dem Video. Der finanzielle Unterstützer des Instituts, Meta, entwickelt eigene KI-Modelle.
Lütge weist Befangenheitsvorwürfe zurück
Lütge weist den Befangenheitsvorwurf zurück. „Nach der Logik hätte ich die Politik von Meta durchweg unterstützen müssen. Das habe ich nicht“, sagt Lütge dem Handelsblatt. Insbesondere auf X, vormals Twitter, habe er Meta immer wieder für seinen Umgang mit Beiträgen in der Coronazeit kritisiert, so Lütge.
Auch die Übernahme von Twitter durch Elon Musk habe er begrüßt, schreibt Lütge in einem weiteren Post auf LinkedIn. Er betont, bei der Meinungsfreiheit immer auf der Seite von Musk gestanden zu haben, lange bevor sich Zuckerberg ihm anschloss. Mit der Übernahme von Twitter versprach Musk den Nutzern vor etwa zwei Jahren, aus der Plattform einen Ort für radikale „Free Speech“ zu machen.
Der Maschinen- und Informationsethiker Oliver Bendel sieht die Mitfinanzierung eines Ethikinstituts durch einen Technologiekonzern wie Meta kritisch: „Es besteht die Gefahr, dass ethische Fragen in dessen Sinne behandelt oder erst gar nicht aufgeworfen werden.“ Als Leiter eines Ethikinstituts müsste man „zwangsläufig in Interessenkonflikte geraten“.
Zwar könne man laut Bendel als wissenschaftliche Institution schon zu dem Ergebnis kommen, dass Faktenchecks problembehaftet sind. Das müsse man aber erklären. Die Verkürzung darauf, dass die Abschaffung von Faktenchecks einen „Sieg für die Meinungsfreiheit“ bedeuten, sei aber störend. Schließlich habe man als Ethiker ein besonderes Verständnis von Wahrheit und müsse unterschiedliche Möglichkeiten anerkennen, diese sicherzustellen.
In dem Post von Lütge sieht Bendel vor allem „den Versuch der Provokation“: „Man kann ja nicht ernsthaft der Meinung sein, dass Meta hier im Sinne der Meinungsfreiheit verfährt.“
Debatte über Finanzierung des Instituts läuft seit dessen Gründung
Eine Debatte darüber, dass Meta das Institut mitfinanziert, sei bereits 2019 losgebrochen, sagt Lütge. Meta hätte aber nur die Gelder gegeben und keinen inhaltlichen Einfluss genommen, betont er: „Es gab keine Auflagen, wir mussten Meta nicht berichten oder irgendetwas anderes. Uns wurde von Meta auch nicht reingeredet.“
Lütge fiel schon früher mit Äußerungen auf
Seinen Post bereue er auch nach der ausgelösten Diskussion nicht: „Die Welt hat sich verändert“, sagt Lütge. „Dass eine kritische Diskussion ausgelöst wird, finde ich eigentlich ganz gut.“ Ihm seien Debatten auf LinkedIn bisher „zu einseitig“ gewesen.
Bereits 2021 machte Lütge mit kritischen Äußerungen zur Corona-Politik auf sich aufmerksam. Unter anderem sprach er von einer „unverantwortlichen Angstrhetorik“. Infolgedessen wurde er von der Landesregierung aus dem bayerischen Ethikrat entfernt.