USA: So treffen Trumps Zölle schon jetzt die deutsche Autoindustrie
Mexiko-Stadt, Düsseldorf, San Francisco. Für Mexiko tritt mit den US-Strafzöllen in Höhe von 25 Prozent das Worst-Case-Szenario ein, das Regierung und Unternehmer befürchtet haben. Mit den Aufschlägen steht das ganze mexikanische Wirtschaftsmodell auf der Kippe und die zweitgrößte Volkswirtschaft Lateinamerikas vor der Rezession, wie Analysten fürchten.
Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum reagierte am Samstagabend verärgert und kündigte „tarifäre und nichttarifäre“ Vergeltung an. „Probleme werden nicht durch die Verhängung von Zöllen gelöst, sondern durch Dialog, wie wir es in den letzten Wochen getan haben“, sagte sie.
Auch für viele der 2100 Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung sind die Sonderabgaben „ein harter Schlag und schädigen die Attraktivität des Produktionsstandorts Mexiko“, wie die Deutsch-Mexikanische Industrie- und Handelskammer (AHK Mexiko) erklärte. Die konkreten Auswirkungen der Strafzölle seien aber noch nicht absehbar.
Die Mehrzahl der deutschen Unternehmen beliefert von Mexiko aus den US-Markt, allen voran die Automobilindustrie. Mexiko ist seit Jahren der wichtigste Investitionsstandort der deutschen Wirtschaft in Lateinamerika. Allein seit der Jahrtausendwende haben die Unternehmen mehr als 45 Milliarden Dollar im Land investiert.
Wie von US-Präsident Donald Trump angekündigt, wurden am späten Samstagabend (Ortszeit) zusätzliche Zölle von 25 Prozent auf Waren aus Mexiko und Kanada sowie von zehn Prozent auf Waren aus China verkündet, die ab Dienstag gelten sollen. Für Waren aus der EU hat Trump ähnliche Maßnahmen angekündigt.
Der deutsche Verband der Automobilindustrie (VDA) warnte vor Auswirkungen des Protektionismus auch auf Deutschland: Unternehmen müssten die jeweiligen Absatzmärkte immer mehr lokal bedienen. „Dies wird in der Folge auch nicht ohne Rückwirkungen auf Arbeitsplätze in Deutschland und Europa bleiben“, so ein Sprecher. „Über kurz oder lang kennt Abschottung in allen Ländern nur Verlierer!“
Der VDA nimmt die neuen Zölle darum zum Anlass, weitere Freihandelsinitiativen von der EU zu fordern: „Die EU geht den richtigen Weg, indem sie sich für den Abschluss von Freihandelsabkommen und nicht für Abschottung einsetzt.“ Jüngste Handelserleichterungen zwischen der EU und Chile könnten ein Vorbild sein.
Besonders betroffen ist VW in Mexiko
Besonders hart getroffen von den nun angekündigten Maßnahmen wären der Ratingagentur Moody’s zufolge die beiden Autokonzerne Volkswagen und Stellantis. So stehen allein bei dem Wolfsburger Dax-Konzern laut Moody’s mehr als 15 Prozent Ebit im Feuer, bereinigt macht das rund drei Milliarden Euro Gewinn.
Laut Christian Koenig, der in Washington eine Beratung für Elektromobilität führt, wird der Volkswagen-Konzern noch stärker getroffen sein als andere deutsche Unternehmen. „VW ist deshalb exponierter als beispielsweise BMW und Mercedes, weil die Wolfsburger einen Großteil ihrer Fahrzeuge aus Europa und aus Mexiko in die USA einführen“, sagte er. VW hat derzeit ohnehin viele Probleme. „Nach deutlichen Absatzverlusten in China bietet nun auch der US-Markt nicht die erhoffte Entlastung für den VW-Konzern“, so Koenig.
„Volkswagen ist besorgt über die schädlichen wirtschaftlichen Auswirkungen, die die von der US-Regierung vorgeschlagenen Zölle auf die amerikanischen Verbraucher und die internationale Automobilindustrie haben werden“, hatte ein VW-Sprecher noch vor Bekanntwerden der Trump-Entscheidung vergangene Woche auf Handelsblatt-Anfrage erklärt. „Wir setzen uns weiterhin nachdrücklich für einen freien und fairen Handel ein.“
Die USA seien „ein Kernelement unserer Wachstumsstrategie“. VW betonte vorsorglich die eigenen Investitionen in die Region. Über fünf Milliarden Dollar stecke man in das Werk in Tennessee, weitere fünf Milliarden in das Joint Venture mit dem US-Elektroautobauer Rivian und in die Wiederbelebung der Marke Scout. VW beschäftige „direkt und indirekt Zehntausende von Menschen“ in den USA.
In Mexiko baut der Konzern die in den USA beliebten Modelle Jetta und Tiguan, Audi fertigt sein SUV Q5 in dem nordamerikanischen Land. Wie mehrere mit den Planungen vertraute Personen dem Handelsblatt berichteten, gibt es im Konzern nun Überlegungen, eine Produktion der Premiummarke in den USA aufzubauen. Auch Porsche könnte demnach einen Teil seiner Produktion in den USA lokalisieren. Entschieden ist darüber aber noch nicht.
Auch der Autozulieferer Bosch dürfte von Trumps Maßnahmen betroffen sein. Der deutsche Konzern betreibt elf Fertigungsstandorte in Mexiko, darunter sieben für Mobilitätslösungen.
Bosch setze auf das langfristige Potenzial des nordamerikanischen Marktes und baue sein Geschäft in der Region weiter aus, hieß es in der Konzernzentrale. „Wir überprüfen unsere Warenströme fortlaufend vor dem Hintergrund sich wandelnder Handelsgesetzgebungen“, sagte eine Sprecherin des Unternehmens. Derzeit sei es jedoch noch zu früh, sich zu möglichen Auswirkungen von angekündigten US-Zöllen zu äußern.
Autos auf dem US-Markt werden mehrere Tausend Dollar teurer
Experten der Ratingagentur Standard & Poor’s hatten vor der Verhängung der Zölle deren Effekt berechnet. Der nun eingeführte 25-Prozent-Zoll wird den Preis eines durchschnittlichen in die USA importierten Fahrzeugs demnach um 6250 Dollar erhöhen. „Die Importeure werden diese Erhöhung wahrscheinlich größtenteils, wenn nicht sogar vollständig an die Verbraucher weitergeben“, hieß es von S&P.
Bisher werden in Kanada und Mexiko jährlich etwa 5,3 Millionen Pkw gebaut, wie S&P gezählt hat, von denen etwa 70 Prozent für den US-Markt bestimmt sind. Darüber hinaus verwenden viele in den USA gebaute Fahrzeuge Antriebssysteme und Komponenten aus Kanada oder Mexiko. Praktisch kein Autohersteller oder Zulieferer sei immun gegen die Effekte.
Die Strafzölle sind eine Verletzung des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens USMCA, das die drei Staaten USA, Mexiko und Kanada vereint.
Mexikos Wirtschaft ist komplett auf den Norden ausgerichtet, 80 Prozent der Exporte des Landes gehen in die USA. Für beide Seiten ist der jeweils andere Nachbar der wichtigste und größte Handelspartner. Mehr als 15 Prozent ihrer Einkäufe tätigen die USA in Mexiko. Dabei sind beide Ökonomien aufs Engste verzahnt, vor allem im Automobilsektor. Bis zur Endfertigung wechseln die Komponenten eines Fahrzeugs oft mehrfach die Grenze, was die Anwendung der neuen US-Zölle extrem kompliziert macht.
Trump rechtfertigte die harten Strafen gegen seinen wichtigsten Handelspartner mit der Behauptung, Mexiko habe im Kampf gegen das organisierte Verbrechen und die Migrationskrise nachlässig gehandelt. Zudem gingen der Staat und die Drogenkartelle eine „unerträgliche Allianz“ ein. Besonders dieser Vorwurf erzürnte Mexiko. „Wir weisen die Verleumdung durch das Weiße Haus kategorisch zurück“, sagte Präsidentin Sheinbaum.
Seit diesem Wochenende befinden sich Mexiko und die USA nicht nur im Zollkonflikt, sondern auch inmitten einer handfesten diplomatischen Krise. Mexikos Regierung war eigentlich davon ausgegangen, dass Trump nur droht, aber die Zölle letztlich nicht verhängt.
Sheinbaum wies Wirtschaftsminister Marcelo Ebrard an, als Reaktion auf die US-Entscheidungen einen „Plan B“ zu verabschieden, der auch Sonderabgaben auf US-Importe beinhalten dürfte. Sie nannte aber weder konkrete Sätze noch sagte sie, welche Waren davon betroffen sein werden. Ebrard hatte die Entscheidung Trumps zuvor als „Fehler“ bezeichnet, unter dem vor allem die US-Konsumenten leiden würden. Mexiko ist auf dem US-Markt Hauptlieferant von Autos, Autoteilen, Computern, Bildschirmen und Kühlschränken.
Zudem gehen 57 Prozent der mexikanischen Ölexporte in die Vereinigten Staaten. Insgesamt erwirtschaftet Mexiko mit den Ausfuhren in die USA jährlich Gewinne in Höhe von 490 Milliarden Dollar. Das jedes Jahr steigende US-Handelsbilanzdefizit mit Mexiko beläuft sich inzwischen auf 157 Milliarden Dollar und ist laut Trump Hauptgrund für die Zölle.
Zudem behauptet er, dass Mexiko zu wenig gegen die Produktion und den Schmuggel der synthetischen Droge Fentanyl in die USA tue. Auch unternehme die mexikanische Regierung nicht genug, um die Migration Hunderttausender Menschen aus Südamerika in die USA zu unterbinden.
Mexikanische Analysten und Finanzexperten warnen, durch die Strafzölle seien ein Anstieg der Zinsen und eine Abwertung des Pesos wahrscheinlich. Die US-Bank JP Morgan schätzt, dass die mexikanische Währung infolge der Strafzölle bis zu zwölf Prozent nachgeben könnte. Zudem könnten die Folgen der Sonderabgaben die Bonität der mexikanischen Auslandsschulden und die Direktinvestitionen in Mitleidenschaft ziehen.
Moody’s Analytics hatte geschätzt, dass sich das mexikanische Wachstum bei einem Gesamtzoll von 20 Prozent von 1,3 Prozent Wachstum im Jahr 2024 auf 0,3 Prozent in diesem Jahr abschwächen würde. Ein höherer Zoll, wie er nun eingeführt wurde, würde die Wirtschaft demnach in eine Rezession stürzen, sagt Alfredo Coutiño, Lateinamerika-Direktor bei Moody’s Analytics. Würde der Zollsatz von 25 Prozent das ganze Jahr über angewendet, schrumpfe die mexikanische Wirtschaft um bis zu zwei Prozentpunkte.
Hinweis: In diesem Text war ursprünglich die Rede davon, die neuen Zölle der USA würden ab Samstag gelten. Tatsächlich lautete der Beschluss der USA, dass sie am Dienstag in Kraft treten sollten. Die Passage wurde korrigiert.
