KI: Münchener Roboterbauer Agile Robots übernimmt Start-up Audeering
Düsseldorf. Der Münchener Roboterbauer Agile Robots hat eine Mehrheitsbeteiligung an dem KI-Start-up Audeering erworben. Damit sollen die Programmierung von Robotern und die Interaktion zwischen Mensch und Roboter erheblich verbessert werden, sagt Zhaopeng Chen, CEO und Mitgründer von Agile Robots.
Audeering verwendet KI- und Deep-Learning-Technologien, um akustische Szenen, Gesichtsausdrücke und Gesprächsstimmungen zu analysieren. Ziel ist es, menschliche Bedürfnisse ganzheitlich und in Echtzeit zu erfassen. Das Unternehmen entstand als Ausgründung der Technischen Universität München.
Agile Robots wurde 2018 in München von Robotikforschern des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) gegründet. Zum Portfolio des Start-ups zählen bereits Franka Robotics, BÄR Automation und Idealworks – ein Joint Venture mit BMW. Weitere Zukäufe schließt Chen nicht aus. „Langfristig planen wir verschiedene Akquisitionen. Davon wird KI weiterhin ein Teil sein.“
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Das Unternehmen stellt schlüsselfertige Automatisierungslösungen für seine Kunden her. Zukäufe sind laut Chen in allen Bereichen der Wertschöpfungskette denkbar. Der Münchener Roboterbauer plant, führende Unternehmen in der Automobilindustrie, in der Unterhaltungselektronik, im Gesundheitswesen und im Dienstleistungssektor mit seinen KI-Robotern auszustatten. Damit soll eine der größten Herausforderungen Deutschlands bewältigt werden.
„Der Fachkräftemangel ist ein Problem, das die Robotik lösen kann“, sagt Chen. 2024 gingen der deutschen Wirtschaft aufgrund von fehlenden Arbeitskräften Produktionskapazitäten im Wert von 49 Milliarden Euro verloren, zeigt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW).
Deutscher Robotikstandort hat Potenzial
Kollaborative Roboter, sogenannte Cobots, arbeiten direkt mit Menschen zusammen und sollen Abhilfe schaffen. Agile Robots setze dabei vor allem auf KI-Roboter, erklärt Mitgründer Chen. „Cobots sind ein Gamechanger für die gesamte Industrie in Deutschland, aber auch in der gesamten EU.“
In der Praxis funktioniert das bereits. Ein Beispiel: Ein Automobilhersteller konnte die Kapazität im eigenen Werk aufgrund des Fachkräftemangels nicht erhöhen. Mithilfe von Robotersystemen und intelligenten Robotern von Agile konnten die Kapazitäten jedoch angepasst werden.
Chen, der seit fast 20 Jahren in München lebt und aus China stammt, glaubt an den deutschen Robotikstandort: „Deutschland, vor allem aber Süddeutschland und München haben das Potenzial und das Ökosystem, globale Talente an den Standort zu locken.“
Und das, obwohl die heimische Branche vor großen Herausforderungen steht. Im vergangenen Jahr sanken die Erlöse der deutschen Hersteller mit Robotik, Montageanlagen und Bildverarbeitung um sechs Prozent auf 15,2 Milliarden Euro. Im laufenden Jahr stellt sich die Branche auf einen weiteren Einbruch um neun Prozent auf 13,8 Milliarden Euro ein.
Agile Robots bemüht sich um internationale Talente. Derzeit arbeiten Ingenieure aus 60 Ländern bei dem Unternehmen. Ein Reiz, der viele junge Talente anlocke, sei die Zusammenarbeit mit weltweit führenden Kunden, berichtet Chen. „Wir beobachten, dass echte Talente sich für den Standort München entscheiden – anstatt nach San Francisco zu fliegen.“
Der Vorteil Deutschlands ist laut Chen ein stabiles politisches System – das sei vor allem für Start-ups entscheidend. „Das Ökosystem rund um München ist ideal für Robotik-Start-ups.“ Spitzenforschung und die gesamte automobile Wertschöpfungskette säßen hier Tür an Tür, erklärt der Agile-Mitgründer. Zu Beginn sei China ein wichtiger Wachstumsmarkt für das Unternehmen gewesen. Doch der Fokus für die Technologieentwicklung werde auf Deutschland liegen.
Auch unabhängige Beobachter sehen echte Chancen für Europa, in der Robotik zu den USA aufzuschließen. Etwa Mariolina Esposito, die für den Vermögensverwalter Eurizon Capital einen der ersten Fonds für Robotikwerte aufgelegt hat: „Europa bildet die Speerspitze der Robotikentwicklung. Hier gibt es führende Ingenieure, eine große Tradition und Exzellenz beim Bau mechanischer Produkte.“
Auch Florian Theyermann vom Münchener Finanzhaus FCF Fox Corporate hebt Agile Robots gemeinsam mit zwei weiteren deutschen Robotik-Start-ups hervor: Neura Robotics und Quantum Systems. Die drei Unternehmen haben seit 2019 gemeinsam mehr als 600 Millionen Euro Kapital eingesammelt.
In den vergangenen vier Jahren hat Agile seinen Umsatz jährlich verdoppelt – 2024 betrug er 200 Millionen Euro. Der Fokus liegt umso mehr auf dem Ausbau der Forschung. „Jährlich investieren wir in Deutschland rund 70 Millionen Euro in Forschung und Entwicklung – mit steigender Tendenz“, sagt Chen.
Zusammenarbeit mit Apple und Foxconn
Knapp 1000 von insgesamt 2300 Mitarbeitern beschäftigen sich direkt mit der Forschung und Weiterentwicklung von KI und Robotern. Wichtig ist laut Chen ein enger Kontakt zwischen Entwicklern und Kunden, um zu verstehen, an welchen Punkten Probleme bestehen. „Viele Unternehmen liefern ihre Produkte an Händler oder an Systemprüfer, die im Grunde genommen von den Kunden abgekoppelt sind. Bei uns läuft es andersherum: Der Kunde nennt uns sein Problem, und dann entwickeln wir gemeinsam eine Lösung“, erklärt der Geschäftsführer.
Erfolgsrezepte aus San Francisco will Chen auch nach Deutschland holen: „Die Unterhaltungselektronik bringt inzwischen in einem Zyklus von zwölf Monaten neue Produkte auf den Markt.“ Das Modell, dies alle zehn Jahre zu tun, sei überholt.
Der Schlüssel ist laut dem Agile-Chef Geschwindigkeit – Fachkräftemangel und Bürokratie bremsten diese aus. „Dennoch ist mein Vertrauen in die deutsche Industrie vorhanden.“
Als Agile Robots Ende 2023 den insolventen Roboterbauer Franka Emika übernahm, befürchteten Branchenvertreter, die deutsche Technologie könnte nach China abwandern. Ein weiterer damaliger Kaufinteressent, die Beteiligungsgesellschaft Schoeller, hatte sich an das Bundeswirtschaftsministerium gewandt, um den Verkauf von Franka Emika an Agile zu verhindern.
Chen begegnet den Vorwürfen unbeeindruckt – und unterstreicht sein Interesse am deutschen Standort. „Dass Agile Robots mit mir einen Gründer aus China hat, macht es einfach, mit Stereotypen zu spielen. Dabei lebe ich bald länger in Deutschland als in China.“ Agile Robots habe er gemeinsam mit anderen Forschern aus dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) gegründet. „Inzwischen ist Japans Softbank unser Hauptinvestor.“
München werde er auf keinen Fall verlassen, so Chen. „Gerade in der Robotikbranche sehen wir hier sehr viel Potenzial.“ Die Kunden des Unternehmens seien zwar global verteilt, sie säßen unter anderem auch in China. Doch: „Deutschland bleibt für uns das Flaggschiff der Technologien, und hier investieren wir in Forschung und Entwicklung“, betont der Geschäftsführer.
In seinen Augen unterscheidet Agile nichts von einem anderen deutschen Unternehmen. Er mache sich über diese Fragen eher wenige Gedanken, sagt Chen. „Ich beschäftige mich lieber damit, unsere KI und Technologie voranzubringen.“