CATL-Börsengang: Auch Chinas Innovationen sind die Folge autoritärer Politik
Die chinesische Börsenaufsicht hat am Dienstag dem Batteriehersteller CATL die Genehmigung für seinen Megabörsengang in Hongkong erteilt. Das Unternehmen muss nun zwar noch die Prüfung der Hongkonger Börse selbst bestehen, wie es auf Anfrage des Handelsblatts bei der Börsengesellschaft heißt. Aber CATL ist nun einen bedeutenden Schritt weiter.
Das Unternehmen will rund 220 Millionen Aktien ausgeben, die CATL mindestens fünf Milliarden Dollar einbringen sollen. Das Geld will der weltgrößte Hersteller von Batterien für Elektroautos in seine Expansion nach Europa stecken. Das Unternehmen aus der südchinesischen Provinz Fujian erklärte im Antrag an die Hongkonger Börse, einen Teil des Erlöses für den Bau einer Fabrik in Ungarn zu benötigen.
Der Börsengang wäre der größte seit vier Jahren in Hongkong. CATL würde dadurch schlagartig sehr interessant für ausländische Investoren. Denn das Unternehmen ist aus der Elektroautobranche nicht mehr wegzudenken, war aber bislang nur an der abgeschotteten Börse im südchinesischen Shenzhen gelistet.
Der Hongkonger Aktienmarkt wird attraktiver
Die meisten Anleger aus den USA oder Europa konnten dort nicht oder nur umständlich über den Stock-Connect-Mechanismus der Hongkonger Börse investieren. Wenn sich das nun ändert, wird CATL internationaler.
Der Börsengang ist ein weiteres Indiz dafür, dass der chinesische – oder zumindest der Hongkonger – Aktienmarkt für Ausländer an Attraktivität gewinnt. Vielleicht sogar als Alternative, mindestens aber als Ergänzung zur gebeutelten Wall Street, die unter der Unberechenbarkeit von Donald Trumps Regierung leidet – auch wenn es zuletzt wieder aufwärtsging.
Nach mehr als zwei Monaten Trump scheinen viele Gewissheiten nicht mehr zu gelten. Gegenüber der US-Regierung wirkt selbst das autoritäre China geradezu stabil und verlässlich. Könnte China gar der berechenbarere Markt werden? Die Zahl der optimistischen Stimmen steigt.
Viele Experten raten inzwischen zu Investitionen in chinesische Aktien. So meint Carlo Gioja, Head of Asia Business Development bei Plenisfer Investments, dass „der Pessimismus gegenüber China, der in den vergangenen Jahren vorherrschte, heute weniger gerechtfertigt ist“.
Dieser Optimismus wird durch die jüngsten Aufwärtstrends bei chinesischen Elektroautoherstellern und Technologieaktien untermauert. Der Hang-Seng-Tech-Index legte am Donnerstag leicht zu, ebenso wie der breitere Hang-Seng-Index, der die wichtigsten Aktien Hongkongs umfasst.
Auch die chinesische Wirtschaftspolitik wirkt wie ein ruhigeres Gegengewicht zur aggressiven US-Politik. Tatsächlich scheint die Zeit der Exzesse vorbei zu sein. China strebt nicht mehr um jeden Preis nach hohen Wachstumsraten und setzt gezielt auf strategische Sektoren wie Künstliche Intelligenz oder Elektroautos. Davon profitiert CATL stark, dominiert den chinesischen Markt gemeinsam mit dem Hauptkonkurrenten, dem Autobauer BYD.
Selbst politisch präsentiert sich China als stabiler Anker in einer unsicheren Welt. Das kommt bei Investoren gut an, die stabile Regionen mit klaren Regeln bevorzugen.
CATL und BYD sind innovative Unternehmen, die sich zu Branchenführern entwickeln, vielleicht sogar weltweit. Die kurz- und mittelfristigen Aussichten an den Aktienmärkten sind äußerst positiv, wie man in diesen Tagen in Hongkong sehen kann. Dort sind mehr als 100 weitere Anträge auf einen IPO (Initial Public Offering; Börsengang) anhängig, bis Ende Februar sind nach Angaben des Börsenbetreibers 47 neue IPO-Anträge eingegangen, doppelt so viele wie im Vorjahreszeitraum.
Trotzdem ist China nicht so berechenbar, wie es sich derzeit präsentiert. Investoren sollten das erratische Vorgehen der Regierung in den vergangenen Jahren nicht vergessen:
- Die rigorosen Eingriffe der chinesischen Behörden in den privaten Technologiesektor.
- Das Vorgehen im Finanzsektor im Namen der angeblichen Korruptionsbekämpfung.
- Die fehlgeleiteten Milliarden, die Chinas Immobilienkrise erst möglich und chinesische Immobilienaktien unmöglich gemacht haben.
- Die erratische Pandemiebekämpfung zwischen harten Lockdowns und plötzlicher Öffnung, die das Vertrauen in die Lösungskompetenz der Regierung bis heute erschüttert.
- Die hausgemachten geopolitischen Risiken in der Taiwanfrage und die chinesische Unterstützung Russlands im Ukrainekrieg.
Auch die großen unternehmerischen Erfolge von BYD und CATL sind die Folge einer industriepolitischen Entscheidung der autoritär regierenden chinesischen Führung. Diese hatte erkannt, dass die chinesische Wirtschaft bei Verbrennungsmotoren nicht konkurrenzfähig ist. Daraufhin organisierte die Führung einen beispiellosen Schwenk zur Elektromobilität, der mangels Presse- und Meinungsfreiheit weder transparent gemacht noch öffentlich kontrovers diskutiert wurde.
Industriepolitisch ist das ein enormer Erfolg und treibt die Aktienkurse, in die mögliche Risiken bereits eingepreist sind. Doch Berechenbarkeit sieht anders aus. Die Unberechenbarkeit ist das einzig Berechenbare an China. Das gehört genauso zu einer wahrheitsgetreuen Einschätzung des Potenzials der Volksrepublik.