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HeizungsgesetzWie bekommt die Koalition in spe den Gebäudesektor klimaneutral?

Union und SPD halten an Deutschlands Klimazielen fest. Dafür müssen Gebäude umfassend saniert – oder konsequent anders geheizt werden. Für Verbraucher und Wirtschaft gilt: Teurer wird es so oder so.Silke Kersting 09.04.2025 - 14:07 Uhr Artikel anhören
Heizen mit Gas wird für Kunden immer teurer. Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Berlin. Deutschland will bis 2045 klimaneutral werden. Ob das gelingt, hängt maßgeblich an der kommenden Bundesregierung – und an deren Plänen für den Gebäudesektor. Der ist für gut ein Drittel der deutschen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Auch, weil viele Gebäude unsaniert sind und noch immer zu etwa drei Vierteln mit fossilen Brennstoffen beheizt werden.

Staatliche Milliardenhilfen haben daran bislang nicht viel geändert. Weder Fördermittel zur Sanierung der Gebäude noch die von der Ampelregierung auf den Weg gebrachte, heftig umkämpfte Reform des Gebäudeenergiegesetzes (GEG), die als „Heizungsgesetz“ bekannt wurde.

Angesichts der Kosten und der Komplexität, den Gebäudesektor klimaneutral zu bekommen, ist die politische Grundsatzarbeit in den Koalitionsverhandlungen von Union und SPD von großer Bedeutung: für Unternehmen und Privathaushalte, deren Energiekosten derzeit kontinuierlich stark steigen. Doch die Koalitionäre in spe haben noch keine abschließende Einigung erzielt.

Die Union hatte angekündigt, das Heizungsgesetz abzuschaffen, doch geeint mit der SPD ist das noch nicht. Allerdings will auch die Union die Klimaneutralität bis 2045 und weiß, dass es dafür Fortschritte bei der Wärmewende weg von fossilen Energieträgern braucht. Eine Abschaffung ist darum kaum zu erwarten, eher kleinteilige Änderungen.

Die unklare Situation schürt Unruhe in der Wirtschaft. „Die Wärmewende in Deutschland steckt fest“, sagt Christian Noll, geschäftsführender Vorstand Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz (Deneff). „Hohe Kosten, unklare politische Rahmenbedingungen und ein massiver Modernisierungsstau behindern den Wandel zu einer klimafreundlichen und sozial gerechten Wärmeversorgung.“

Auseinandersetzung um Emissions- statt Energieeffizienz

Deutschland stehe vor einer doppelten Herausforderung, sagt Noll:  „Millionen von Haushalten mit niedrigen Einkommen leben in unsanierten Gebäuden und leiden besonders unter hohen Heizkosten, während Eigentümerinnen und Eigentümer oft vor den hohen Investitionen zur Modernisierung zurückschrecken.“ Heißt: Bewohner solcher Gebäude heizen zu viel, weil viel Wärme verloren geht.

Für Unsicherheit in der Wirtschaft sorgt mit Blick auf die künftige Heizungspolitik ein weiterer Punkt, der sich in den bisherigen Verhandlungspapieren findet: „weg von einer kurzfristigen Energieeffizienzbetrachtung beim Einzelgebäude hin zu einer langfristigen Betrachtung der Emissionseffizienz“.

Dahinter steckt die Überlegung, auf hohe Effizienzanforderungen an einzelne Gebäude zu verzichten und dafür die Wärmeversorgung möglichst schnell auf emissionsfreie Energieträger umzustellen. Im Fokus sollen Quartiere stehen, nicht einzelne Gebäude. Wärmenetze sollen aufgebaut und etwa Abwärme aus Industrieprozessen genutzt werden.

Während vor allem die Wohnungswirtschaft die Emissionseffizienz für ein geeignetes Steuerungsziel hält, warnt der Spitzenverband der Immobilienwirtschaft (ZIA) die künftigen Koalitionäre vor einseitiger Betrachtung. „Erneuerbare Energien stehen auf absehbare Zeit nicht unbegrenzt zur Verfügung“, heißt es in einem Impulspapier des Verbands, das an diesem Mittwoch veröffentlicht werden soll und dem Handelsblatt vorliegt. „Insbesondere bei der Wärmeversorgung sind Erneuerbare bis auf Weiteres ein knappes Gut.“

Der Ausbau der Erneuerbaren bedürfe „umfangreicher Investitionen in dekarbonisierte Erzeugungsstrukturen und die Verteilnetze“, argumentiert der Verband weiter. Soll heißen: Auch erneuerbare Energien sind nicht umsonst und treiben am Ende die Heizkosten hoch. Es braucht demnach einen klugen Mix zwischen Sanierung und klimafreundlichen Heizungen.

Emissionen nicht nur beim Betrieb von Gebäuden

Auch Martin Pehnt, Vorstand des Instituts für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (ifeu), gibt zu bedenken, dass  Erneuerbare nicht kostenlos seien. Je mehr im Winter mit Strom geheizt und im Sommer gekühlt werde, desto mehr müssten die Stromnetze ausgebaut und der Kraftwerkspark darauf konzentriert werden. „Das kostet Geld.“

Pehnt sieht zudem die Gefahr, dass Aspekte des Gesamtenergiesystems übergangen werden. Auch Clemens Felsmann, Professor für Gebäudeenergietechnik und Wärmeversorgung an der Technischen Universität Dresden, gibt zu bedenken: Selbst wenn Emissionen nicht mehr am Gebäude anfielen, müsse Energie in irgendeiner Form bereitgestellt werden, was wiederum mit Emissionen verbunden sei und bilanziert werden müsse.

Nichtsdestotrotz fordern Experten seit längerer Zeit, die CO2-Emissionen im Gebäudesektor stärker in den Fokus zu nehmen – und zwar über die gesamte Lebensdauer eines Gebäudes hinweg. So führen auch die eingesetzten Materialien, die Werkstoffe und Technologien zu Emissionen, ebenso der logistische Aufwand, um ein Gebäude zu errichten, es umzubauen, zu sanieren oder zu entsorgen, sagt Felsmann.

Den Auftakt macht die Europäische Gebäuderichtlinie (EPBD), die vorsieht, dass neue Gebäude ab 2030 maximale Grenzwerte an „Lebenszyklus-Treibhausgasemissionen“ einhalten müssen. Bis Mai 2026 müssen die Anforderungen in nationales Recht übertragen werden.

Die Immobilienwirtschaft warnt vor neuer Regulierung. Angesichts „der Vielzahl politischer Steuerungsimpulse auf Ebene der EU-, Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik“ brauche es eine „widerspruchsfreie, nicht überlappende Gesetzgebung“, heißt es beim ZIA. Es brauche Lösungen, „die pro eingesetztem Euro den größten Klimaschutz- und Energieeinspareffekt erzielen“. Wirtschaftlichkeit müsse „ein zentraler Maßstab bleiben“.

Das Wohnen in geheizten Häusern und Wohnungen wird in den meisten Fällen teurer werden.
Joachim Lohse
Zentraler Immobilien Ausschuss (ZIA)

Angesichts einer hohen Regulierungsdichte und stetig steigender Baukosten besteht der Verband auf Wirtschaftlichkeit. Vor allem der Wohnungsbau steckt in einer tiefen Krise: Gestiegene Zins- und Baukosten bremsen den Neubau von Wohnungen, aber auch die notwendige Modernisierung im Bestand.

Dabei befinden sich nach Angaben des Bundesverbands energieeffiziente Gebäudehülle (Buveg) rund 30 Prozent aller Gebäude in Deutschland in den schlechtesten Energieeffizienzklassen, es gäbe viel zu tun. Für eine bezahlbare Energieversorgung reiche es nicht aus, nur Heizungen zu dekarbonisieren, meint der Verband.

ZIA-Geschäftsführer Joachim Lohse fordert die Politik auf, „ehrlich“ zu den Menschen zu sein: „Das Wohnen in geheizten Häusern und Wohnungen wird in den meisten Fällen teurer werden.“ Ganz gleich, ob jemand bei fossilen Brennstoffen bleibe, auf erneuerbare Energien umsteige oder das Haus energetisch saniert werde.

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Doch es wird Unterschiede geben. Wenn 2027 der europäische Emissionshandel im Gebäude- und Verkehrssektor den in Deutschland 2021 eingeführten nationalen CO2-Preis ersetzt, werden sich die Preise für fossile Brennstoffe weiter erhöhen – und damit die Heizkosten vor  allem in energetisch schlecht sanierten Häusern mit alten Öl- und Gasheizungen.

Erstpublikation: 09.04.2025, 04:30 Uhr.

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