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BundeswehrDie Mär vom fehlenden Verteidigungswillen der Deutschen

Befragungen und Kommentare erwecken den Eindruck, die Deutschen wollten ihr Land nicht verteidigen. Tatsächlich würden aber wohl Millionen Frauen und Männer zur Waffe greifen.Thomas Hanke 12.04.2025 - 13:50 Uhr Artikel anhören
Vereidigung von Rekruten der Marine in Stralsund: Wie groß ist die Kampfbereitschaft der Deutschen? Foto: Bernd Wüstneck/dpa

Düsseldorf. Um Deutschlands Verteidigungswillen ist es äußerst schlecht bestellt, wenn man eine im März veröffentlichte Forsa-Umfrage für „Stern“ und N-TV oberflächlich betrachtet. Nur eine verschwindende Minderheit von 19 Prozent der Deutschen sei auf jeden Fall dazu bereit, die Bundesrepublik mit der Waffe zu verteidigen, ermittelte Forsa.

Ist Deutschland „kriegstüchtig“? Nur eine Minderheit sei bereit, mit der Waffe zu kämpfen. N-TV schlussfolgert, die Kriegstauglichkeit der Bundesrepublik scheitere an mangelnder „Resilienz der Gesellschaft“.

Da liegt die Frage nahe: Wozu Hunderte von Milliarden Euro in die Rüstung stecken, wenn nur eine kleine Minderheit überhaupt kämpfen will?

Doch es gibt auch völlig andere Aussagen. Zum Beispiel die einer jährlichen Befragung, die das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) organisiert. Der jüngsten Ausgabe von 2024 zufolge „geben 42 Prozent (+3 Prozentpunkte im Vergleich zu 2023) der Befragten an, Deutschland im Falle eines militärischen Angriffs mit der Waffe verteidigen zu wollen“.

Timo Graf, der die Befragung betreut, erklärt die sehr unterschiedlichen Ergebnisse mit Differenzen in der Fragetechnik. Die ZMSBw-Befragung geht ausführlich auf die aktuelle Bedrohungslage und die russische Aufrüstung ein und kommt am Ende zur Frage nach der Verteidigungsbereitschaft. Die Teilnehmer seien dadurch ganz anders sensibilisiert als etwa bei Forsa, wo nur die eine Frage nach der Bereitschaft gestellt wird, zur Waffe zu greifen.

Zudem ändern sich die Werte im Zeitablauf. 1981, noch während der Ost-West-Konfrontation, wollten nach ZMSBw-Zahlen 61 Prozent der Deutschen kämpfen. 1990 war die Zahl auf 34 Prozent gesunken. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine stieg sie wieder.

Von den Feinheiten der Demoskopie abgesehen: Was bedeuten die Prozentwerte, wenn man sie in absolute Zahlen umrechnet? „In der Altersgruppe der 20- bis 40-jährigen Männer sind es 60 Prozent, in absoluten Zahlen wären allein das sechs Millionen“ Soldaten, rechnet Graf vom Bundeswehr-Zentrum vor. Bei den Frauen liegt der Prozentsatz nach ZMSBw „mit 20 Prozent deutlich niedriger, aber auch hier wären es absolut betrachtet rund zwei Millionen potenzielle Verteidigerinnen“, unterstreicht Graf.

Eine Truppe mit mehr als acht Millionen Soldaten wäre ein Riesenheer, sechsmal so groß wie die russische Armee, mehr als 40-mal größer als die heutige Bundeswehr.

Interessant ist: Selbst wenn man die Forsa-Zahlen nimmt, die bei den 18- bis 30-Jährigen 45 Prozent „Verteidigungsbereite“ ausweisen, kommt man auf mehrere Millionen Deutsche, die für ihr Land zur Waffe greifen würden.

Handelsblatt-Autor Thomas Hanke analysiert in der Kolumne interessante Daten und Trends aus aller Welt. Foto: Klawe Rzeczy

An einem Mangel an Soldatinnen und Soldaten würde die Verteidigung der Bundesrepublik also bestimmt nicht scheitern. „Das in der aktuellen Debatte oftmals aufkommende Rumgejammer, Deutschland müsse sich mit einem kleinen letzten Aufgebot verteidigen, ist absurd“, ärgert sich Politologe Graf. Tatsächlich kann die verzerrte Darstellung unangenehme Folgen haben: Was sollen Franzosen oder Amerikaner von einer Bundesrepublik halten, die nicht kämpfen will, aber von ihren Partnern eine Sicherheitsgarantie erwartet?

Zum Glück ist es in der Realität nicht so. Mehrere Millionen Deutsche für die kämpfende Truppe sind allemal ausreichend. Hinzu kommen viele Menschen, die nicht zur Waffe greifen wollen, aber in Transport oder Logistik unterstützen könnten.

In unserem Unterbewusstsein steckt die Erkenntnis: Wenn Deutschland militärische Alleingänge unternommen hat, endete das in Tragödien.
Timo Graf
Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr

Bleibt am Ende die interessante Frage, warum sich in international vergleichenden Befragungen wie der von Gallup International zur Wehrbereitschaft fast doppelt so viele Polen wie Deutsche als verteidigungsbereit bezeichnen. Die Grünen-Bundestagsabgeordnete Sara Nanni meint, viele Deutsche würden aus der Geschichte unseres Landes die Schlussfolgerung ziehen, militärische Gewalt führe immer in die Katastrophe.

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Andere Länder hätten die Besatzung durch ein totalitäres System erfahren, dies habe bei der Bevölkerung ein kollektives Trauma ausgelöst. Graf sieht das ähnlich: „In unserem kollektiven Unterbewusstsein steckt die Erkenntnis: Wenn Deutschland militärische Alleingänge unternommen hat, endete das in Tragödien, für andere und für uns selbst.“

Doch heute geht es nicht um Angriffskriege gegen unsere Nachbarn. Deutschland will mit seinen europäischen Freunden und Nato-Partnern einem potenziellen Aggressor zeigen können: Wir sind abwehrbereit, damit es hoffentlich nicht zum Krieg kommt.

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