Argentinien: Warum Milei den Papst beschimpfte – und sein Vermächtnis ablehnt
Mendoza. Vertreter des Bösen auf Erden, Kommunist, totaler Ignorant: Im Wahlkampf hatte der libertäre Kandidat Javier Milei den argentinischen Papst Franziskus vor zwei Jahren mehrmals auf das Übelste beschimpft.
Es waren die ruppigsten Worte, die je ein lateinamerikanischer Politiker gegenüber dem Papst gewählt hatte. Und es war ein hochriskantes Wahlkampfmanöver – ein Tabubruch.
Nicht nur, dass die Kirche in Argentinien traditionell großen Einfluss auf die Politik nimmt. Die Menschen sind auch besonders stolz darauf, dass der jetzt verstorbene Papst aus ihrer Heimat kam. Er war das erste Oberhaupt der katholischen Kirche überhaupt, das aus einem Land jenseits von Europa stammte. Politische Beobachter hatten deshalb erwartet, dass Mileis Schimpftiraden gegen Franziskus ihn den Wahlsieg kosten würden.
Warum ist Milei so zornig auf die Kirche?
Doch es kam anders. Die Beleidigungen schadeten seiner politischen Kampagne nicht wesentlich: Milei wurde im November 2023 mit mehr als 55 Prozent der Stimmen gewählt, entschuldigte sich aber anschließend persönlich beim Papst in Rom. Dennoch bleibt die Frage, warum die katholische Kirche den Zorn des Anarchokapitalisten so sehr auf sich gezogen hat.
Ein Besuch bei einer katholischen Tafel für Straßenbewohner und ein Gespräch mit dem Vorsitzenden der Bischofskonferenz in der vergangenen Woche geben Aufschluss darüber. Beide Begegnungen fanden in Mendoza statt, der viertgrößten Stadt des Landes am Rande der Anden, bekannt für ihren Weinbau und die Nähe zum Aconcagua, dem höchsten Berg Südamerikas. Unter den Millionenmetropolen Argentiniens gilt Mendoza als gut organisiert.
Dort treffe ich Fran Villegas. Er hat Jura studiert und bereits mit 22 Jahren bei der Generalstaatsanwaltschaft von Mendoza angefangen. Der heute 33-Jährige ist in einem katholischen Elternhaus aufgewachsen, in seiner Jugend habe er sich jedoch von der Kirche entfernt.
Das änderte sich, als der argentinische Papst im fernen Rom seine Solidarität mit den Armen beschwor. „Öffnet die Türen für die Armen“, forderte der Argentinier Jorge Mario Bergoglio als Papst. Als erstes Kirchenoberhaupt wählte er den Namen des Heiligen Franz von Assisi. Ein Papst der Armen wollte er sein.
Das überzeugte Villegas, der schon immer ehrenamtlich in Straßenprojekten mitgearbeitet hatte. Zwei Jahre nach dem Amtsantritt des Papstes begann er, in einer katholischen Armenküche für Straßenbewohner zu arbeiten. Inzwischen leitet er ehrenamtlich das Sozialprojekt, eine von 14 kirchlichen Tafeln in Mendoza.
Der Patio Callejero ist ein Hinterhof an einer Ausfallstraße, in dem ein knappes Dutzend junger Freiwilliger Essen an rund 50 Straßenbewohner ausgibt. Diese lassen sich in zwei Gruppen einteilen: Die älteren Männer und wenigen Frauen leben meist schon seit vielen Jahren auf der Straße. So wie der 62-jährige Lucho, der von allen begrüßt wird, aber allein am Tisch sitzt. „Besser allein als in schlechter Gesellschaft“, sagt er. Das Leben auf der Straße sei für viele wie eine Droge. „Man macht keine Kompromisse, lebt in den Tag hinein, ist frei.“
Diese Generation der überzeugten Straßenbewohner werde immer kleiner, sagt Villegas. Sorgen bereiten ihm die neuen: die jungen Frauen und Männer, die erst seit Kurzem auf der Straße leben. Alle wirken wie unter Strom, bewegen sich ruckhaft, suchen kaum Kontakt, blicken manchmal aggressiv um sich. „Früher war vor allem der Alkoholismus ein Problem“, sagt Villegas, „heute sind es die Drogen.“
Mendoza liegt nur wenige Stunden Autofahrt von der chilenischen Grenze entfernt. Die Drogen – Kokain, Kokainpaste, Crack – kommen aus dem Norden auch ins bisher weitgehend sichere Mendoza, eine der wenigen Städte Südamerikas, in denen man nachts problemlos durchs Zentrum gehen kann.
Zahl der Drogensüchtigen steigt
Aber Villegas ist besorgt. Die Regierung unternehme wenig, um die sozialen Folgen der Drogensucht auf den Straßen zu bekämpfen. Die staatlichen Krankenhäuser seien überlastet, Milei habe einen Teil der Gelder gestrichen. Durch die Liberalisierung der Mietpreise könnten sich viele Menschen eine Wohnung, Lebensmittel und Medikamente nicht mehr leisten. Für Arzneimittel wurden die Subventionen gekürzt. „Früher haben wir 70 Mahlzeiten am Tag ausgegeben, heute sind es bis zu 150“, sagt Villegas.
Für die Regierung sind die katholischen Armenküchen Instrumente, um die Armen in Abhängigkeit zu halten. Als „Pobrismo“, also „Verherrlichung der Armut“ oder „ideologisierte Armutspolitik“, hat Milei die kirchliche Sozialarbeit immer wieder kritisiert. Diese sei moralisch paternalistisch und rückwärtsgewandt.
Dem Papst warf Milei vor, mit seiner „Theologie der Armen“ das Privateigentum zu missachten. Die Betonung von sozialer Gerechtigkeit und Umverteilung hat Milei immer wieder als Hindernis für wirtschaftliches Wachstum gesehen.
„Die Liberalen wollen die katholische Kirche wieder auf die Rolle des Gottesdienstes beschränken“, sagt Marcelo Daniel Colombo in seinem Wohnzimmer in Maipú. Das liegt an der Peripherie von Mendoza. Hier sieht es ländlich aus. Die Blätter der Platanen sind frühherbstlich gelb gefärbt.
Der 64-Jährige ist Erzbischof von Mendoza und seit fünf Monaten Vorsitzender der argentinischen Bischofskonferenz – er galt als enger Vertrauter des verstorbenen Papstes. Damit zählt er zu den einflussreichsten Vertretern der katholischen Kirche in Südamerika. Diese Machtposition drückt Colombo jedoch nicht durch Pomp und Prunk aus, wie es bei manchen Erzbischöfen in Südamerika üblich ist. Er trägt einen alten Pullover, sitzt auf einem zerschlissenen Sofa. Seine Kirche nebenan ist schlicht, hat nichts von den kolonialen Prachtbauten des Katholizismus in der Region.
Institutionelle Kontakte zur Regierung Milei gebe es kaum, sagt er. Die Regierung unterstelle der katholischen Kirche eine politische Nähe zu den oppositionellen, linksgerichteten Peronisten. Dabei sei der Papst in seiner Zeit als Erzbischof von den früheren peronistischen Regierungen ständig angegriffen worden, weil er deren Liberalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe und der Abtreibung nicht unterstützt habe.
Colombo begrüßt die wirtschaftliche Umstrukturierung Argentiniens unter Milei. „Das ist dringend notwendig“, sagt er, der in Buenos Aires Jura studiert hatte und anschließend im Apostolischen Recht promovierte. Aber es sei bedenklich, wenn der Präsident nun mit der Kettensäge im Staatsapparat auch die Grundlagen der Demokratie bedrohe.
So verteidigte der Erzbischof im Januar eine Demonstration der LGBTQ+-Gemeinschaft gegen eine Behauptung Mileis in Davos, homosexuelle Paare brächten die Gefahr des Missbrauchs von Kindern mit sich.
Colombo äußerte sich besorgt über diese Äußerungen und betonte, dass die Gesellschaft nicht in Bezug auf Toleranz und Rechte von Minderheiten zurückfallen dürfe. Konservative Stimmen warfen Colombo vor, von der traditionellen Lehre der Kirche abzuweichen.
Auch die Armutsrate, die im ersten Jahr unter Milei erst rapide angestiegen war, dann aber stark sank, spreche nicht für die Regierungspolitik, meint Colombo. In seinen Gemeinden könne er keine sinkende Armut feststellen. „Die erhobenen Zahlen spiegeln nicht die Realität wider“, sagt er.
Knapp fallen Colombos Antworten aus, wenn es um die Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche geht. Man habe Protokolle entwickelt, es gebe Vorbereitungskurse, um solche Vorfälle zu vermeiden, sagt er ausweichend. Dabei gab es in Mendoza vor seiner Zeit schwere Missbrauchsfälle. Und nicht nur dort.
Das erinnert an die späte Reaktion von Franziskus, der das Thema Missbrauch in der katholischen Kirche Lateinamerikas lange nicht öffentlich erwähnte. Er habe es zeitweise sogar heruntergespielt, halten ihm Kritiker vor.
Missbrauchsskandale kosten die Kirche Vertrauen
Zahlreiche schwere Missbrauchsskandale haben das Vertrauen in die katholische Kirche Südamerikas massiv erschüttert. Noch 2010 gaben 60 Prozent der Argentinier an, volles Vertrauen in die katholische Kirche zu haben. 2020 waren es nur noch 31 Prozent. Das liegt im gesellschaftlich progressiven Argentinien auch daran, dass Franziskus den Zölibat nicht gelockert, keine Priesterinnen zugelassen und gleichgeschlechtliche Ehen ausgeschlossen hat.
Villegas wird dennoch weiter ehrenamtlich an der Armentafel der Kirche mitwirken, ein Dutzend anderer junger Menschen tut es ihm gleich. Doch Villegas hat eine Beobachtung gemacht, die paradox wirkt. Bei den Straßenbewohnern, um die er sich kümmert, habe Präsident Milei offenbar einen Nerv getroffen: „Jeder zweite findet den hier gut.“
