Accountable: Für eine hohe Millionensumme – Steuer-App wird verkauft
Frankfurt. Der norwegische Cloud-Softwarenbieter Visma wird das Berliner Steuer-Start-up Accountable übernehmen. Eigentümer von Visma ist das Londoner Private-Equity-Unternehmen HG Capital. Das Handelsblatt erfuhr vorab davon.
Merete Hverven, Chefin von Visma, erklärte zur Übernahme: „Wir haben die Entwicklung von Accountable über mehrere Jahre hinweg mit Interesse verfolgt und waren sowohl von der Qualität des Managementteams als auch von der erstaunlichen Intuitivität und Benutzerfreundlichkeit der Produkte sehr beeindruckt.“
Accountable bietet eine App für Deutschland und Belgien, mit der Selbstständige auch ohne steuerliches Vorwissen ihre Finanzen und Steuern eigenständig verwalten können. Die Bewertung für Accountable im Zuge der Übernahme soll im hohen zweistelligen Millionenbereich liegen.
Management von Accountable bleibt an Bord
Das Geld von Visma wird genutzt, um die bisherigen Eigentümer von Accountable auszuzahlen. Darunter befinden sich Venture-Capital-Investoren, die zusammen zehn Millionen Euro in das Start-up investiert haben, sowie die Gründer und Mitarbeiter. Doch Visma wird auch Geld in die Firma selbst investieren.
„Die Investition von Visma leitet eine neue Wachstumsphase ein“, sagt Tino Keller, Mitgründer und CMO von Accountable, „Die langjährige Erfahrung von Visma speziell im Bereich E-Rechnung, die seit Januar auch in Deutschland verpflichtend ist, bringt uns wertvolle Impulse.“
Die Berliner bleiben nach der Investition ein eigenständiges Unternehmen innerhalb der Visma-Gruppe. Die mehr als 26.000 Kundinnen und Kunden werden weiterhin von Accountable betreut. Ziel sei die vollständige Übernahme. Die Gründer von Accountable bleiben auch nach dem Exit an Bord, heißt es von den Beteiligten.
2024 hat Visma 2,8 Milliarden Euro Umsatz und dabei ein Ebitda von 893 Millionen Euro erwirtschaftet. Für die Norweger ist Accountable die zweite Akquisition in Deutschland. 2023 übernahmen sie bereits das Start-up Buchhaltungsbutler. Anfang April dieses Jahres folgte zudem Finmatics, ein österreichisches Start-up, das Steuerkanzleien mithilfe Künstlicher Intelligenz bei der Automatisierung unterstützt.
Private-Equity-Investoren sehen aktuell großes Geschäftspotenzial, die Buchhaltung für Selbstständige und kleine Unternehmen zu digitalisieren.
So ist der Exit von Accountable schon der zweite Branchendeal in diesem Jahr. Im Januar hatte bereits Cegid aus Frankreich, das dem Private-Equity-Riesen Silver Lake gehört, das Buchhaltungssoftware-Start-up Sevdesk aus Offenburg übernommen. Branchenkreisen zufolge ist Sevdesk mit 320 Millionen Euro bewertet.
Exakt und Teamsystems zeigen ebenfalls Interesse an Deutschland
„Wir sehen momentan viele Deal-Anfragen in dem Bereich Buchhaltung, Abrechnung und Steuern für Selbstständige und kleine Unternehmen“, sagt Ashkan Kalantary, für die DACH-Region verantwortlicher Managing Director und B2B-Softwareexperte bei der Investmentbank Lincoln international.
Die Softwareanbieter Exakt aus Holland und Teamsystems aus Italien, Konkurrenten von Visma und Cegid und beide ebenfalls in der Hand von Private-Equity-Investoren, haben Kalantary zufolge auch schon Interesse an deutschen Start-ups gezeigt.
Mit Sevdesk und Accountable sind nun zwei wachstumsstarke Start-ups vom Markt. Aber es befinden sich noch Anbieter im Besitz ihrer Gründer wie beispielsweise Moss, Curcula, Pleo oder Belegmeister.
Europaweit sei Deutschland der größte Markt, der Zugang aber nicht einfach, sagte Kalantary. „Investoren sehen hier viel Potenzial, denn viele Selbstständige und kleine Unternehmen waren bisher analog unterwegs und beginnen durch die E-Rechnungspflicht, aber auch KI-Lösungen ihre Buchhaltung zu digitalisieren“, erklärte Kalantary. Übernahmen böten die Möglichkeit, Produkte aus dem Ausland auch in Deutschland einzuführen.
Die Start-ups wie Accountable kooperieren auch mit Steuerberatern. Auch an diese hätten Private-Equity-Investoren Interesse. Für die Kanzleien gilt in Deutschland ein Fremdbesitzverbot, das heißt: Finanzinvestoren dürfen sich daran nicht beteiligen. Doch inzwischen werden kreative Lösungen gefunden, das Verbot zu umgehen. So wurde bekannt, dass Großinvestor KKR Geld an die Kanzleigruppe ETL gegeben hat.