Konflikt: China feiert Kampfjeteinsatz gegen Indien als „Deepseek-Moment“
Shanghai, Bangkok. Zwei Wochen nach der schweren militärischen Auseinandersetzung seines Landes mit Indien ist Pakistans Außenminister Ishaq Dar nach China gereist, um sich zu bedanken. Bei dem Besuch, der am Mittwoch zu Ende ging, lobte er China „für die Aufrechterhaltung der Gerechtigkeit“ und Pekings Beitrag zur Friedensförderung in dem Konflikt, wie es in einer Mitteilung des chinesischen Außenministeriums hieß. Für die zur Schau gestellte Dankbarkeit gibt es einen guten Grund: Waffen aus China haben der Regierung in Islamabad in der Konfrontation mit Indien wohl einen entscheidenden Vorteil verschafft.
Wie stark genau China – Pakistans wichtigster Rüstungslieferant – in der militärischen Eskalation Anfang des Monats involviert war, ist noch nicht abschließend geklärt. Zuletzt kamen aber immer mehr Details ans Licht, nach denen die Zusammenarbeit in der Rüstung mit China für die Regierung in Islamabad offenbar unverzichtbar war, um gegen Indiens Streitkräfte zu kontern.
Die Waffensysteme aus China konnten sich demnach erstmals in einem echten Kampfeinsatz behaupten – auch gegen ihre aus dem Westen stammenden Gegenstücke. Die Erkenntnisse, die der viertägige militärische Konflikt der beiden Atommächte liefert, sorgen in der Region für Verunsicherung – und in China für Jubel.
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Im Zentrum stehen dabei chinesische Kampfjets vom Typ J-10C, die von dem Rüstungsunternehmen Chengdu Aircraft Corporation produziert werden. Pakistans Militär war vor dreieinhalb Jahren die erste ausländische Armee, die das Kampfflugzeug aus China bestellt hat.
Wenige Monate später wurden die ersten Maschinen geliefert. Sie kamen nach pakistanischen Regierungsangaben nun erstmals in einem Gefecht zum Einsatz – und hatten demnach Erfolg.
China hat laut Pakistan „große Freude“ an Kampfjeteinsatz
Außenminister Dar berichtete in einer Parlamentssitzung in Islamabad, die von China erworbenen J-10C-Jets hätten fünf indische Kampfflugzeuge abgeschossen, darunter drei Kampfflugzeuge vom Typ Rafale, die Indien vom französischen Hersteller Dassault erworben hatte. Dar sagte, er habe eine Delegation um Chinas Botschafter in Pakistan davon in Kenntnis gesetzt. Sie sei mit der Leistung der Kampfjets auf dem Schlachtfeld sehr zufrieden gewesen, fügte Dar hinzu. „Da es sich um eine befreundete Nation handelt, brachten sie ihre große Freude zum Ausdruck“, ergänzte er.
Unabhängig bestätigt sind die pakistanischen Angaben nicht. Indiens Regierung hat sich dazu bislang nicht klar geäußert. Chinas Außenministerium teilte mit, man sei mit der Angelegenheit nicht vertraut.
In sozialen Medien veröffentlichte Aufnahmen scheinen aber mindestens den Absturz eines Rafale-Jets zu belegen. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete, dass Vertreter der US-Regierung den Abschuss von mindestens zwei indischen Kampfflugzeugen, darunter eines vom Typ Rafale, bestätigten.
Sollten die Berichte zutreffen, wäre es das erste Mal, dass eine Maschine des europäischen Kampfflugzeugtyps in einem Gefecht abgeschossen wurde – und der gleichzeitig größte Erfolg des chinesischen Gegenstücks, das im Pakistan-Indien-Konflikt radargelenkte Luft-Luft-Raketen vom Typ PL-15 aus chinesischer Produktion einsetzte.
Der mutmaßliche Kampferfolg mit chinesischer Technik hätte geopolitisch weitreichende Implikationen: „Möglicherweise müssen wir die Luftkampfkapazitäten der chinesischen Volksbefreiungsarmee neu bewerten, die sich dem Niveau der US-Luftstreitkräfte in Ostasien annähern oder es sogar übertreffen“, sagte Shu Hsiao-Huang, Militärexperte am taiwanesischen Institute of National Defense and Security Research, der Finanznachrichtenagentur Bloomberg.
Ähnlich äußerte sich Yun Sun, Direktorin des China-Programms der US-Denkfabrik Stimson Center: „Der überraschende Sieg der chinesischen J-10 und PL-15 wird die Menschen dazu zwingen, das militärische Kräfteverhältnis im Falle eines Taiwankonflikts neu zu bewerten.“
Indien wirft China Einmischung vor
Zudem rückt die Frage in den Vordergrund, ob sich China bei Konflikten anderer Länder in der Region tatsächlich so neutral verhält, wie die Regierung in Peking offiziell angibt. So bekräftigte die Sprecherin des Außenministeriums in Peking, Mao Ning, am Montag, China nehme eine „objektive und gerechte“ Haltung ein und begrüße den Waffenstillstand zwischen Indien und Pakistan.
Doch zugleich kam aus Indien der Vorwurf, China habe sich in der militärischen Auseinandersetzung stärker eingemischt als bisher bekannt. China habe Pakistan dabei geholfen, seine Radar- und Luftabwehrsysteme so umzugestalten, dass diese Bewegungen indischer Truppen und Waffen besser erkennen könnten, teilte das Centre For Joint Warfare Studies mit, das zum indischen Verteidigungsministerium gehört. China habe Pakistan zudem bei der Satellitenüberwachung Indiens unterstützt, hieß es.
Die Überlegenheit chinesischer Technik wird von Indien zumindest teilweise dementiert: „Die indische Luftwaffe umging und störte die von China gelieferten pakistanischen Luftabwehrsysteme“, teilte die Regierung in Neu-Delhi mit. „Sie schloss die Mission in nur 23 Minuten ab und demonstrierte damit Indiens technologischen Vorsprung.“
Soziale Medien feiern „Deepseek-Moment“ der Rüstungsindustrie Chinas
In China stieß der Einsatz heimischer Militärtechnik gegen den Rivalen Indien dennoch auf nationalistische Euphorie und patriotische Reaktionen in den sozialen Medien. Die Leistung der chinesischen Jets wurde sogar als „Deepseek-Moment“ gefeiert in Anspielung auf das Künstliche-Intelligenz-Start-up aus Hangzhou, das Anfang des Jahres in der Tech-Welt für Aufsehen gesorgt und Chinas Ambitionen in dem Bereich aufgezeigt hatte.
Der chinesische Influencer „Brother Hao“ – der über 16 Millionen Follower auf Douyin, der in China laufenden zensierten Version von TikTok, verfügt – veröffentlichte ein nationalistisches Parodie-Video, in dem er sich über den Abschuss indischer Kampfjets durch die Jets aus chinesischer Produktion lustig machte. Dazu versah er ein indisches Lied mit einem neuen Text über die indischen Verluste in der Luft.
Chinesische Staatsmedien wie die Nachrichtenagentur Xinhua oder CCTV hielten sich zwar anders als der Influencer zurück. Hu Xijin, der frühere Chefredakteur der Staatszeitung „Global Times“, schrieb jedoch von einem Durchbruch für Chinas Rüstungsindustrie, der Taiwan „zutiefst beunruhigen sollte“.
Ungeachtet der Regierungspropaganda dürfte auch Indien den Einsatz der chinesischen Militärtechnik genau analysieren. Das Land erlebte in den vergangenen Jahren tödliche Konfrontationen mit chinesischen Soldaten an der umstrittenen Grenze im Himalaya, was die Beziehungen der beiden Länder schwer belastete.
Im vergangenen Jahr näherten sich die Regierungen in Neu-Delhi und Peking zwar wieder an – und auch Chinas Außenminister Wang Yi lobte diese Woche Indiens Friedensbemühungen. Doch bei dem Besuch seines pakistanischen Amtskollegen machte Wang Yi auch deutlich, dass die Volksrepublik den Schutz der nationalen Souveränität Pakistans unterstützen werde. Der chinesische Politikanalyst Lin Minwang von der Fudan-Universität in Shanghai wertete diese Äußerungen in der chinesischen Ausgabe des arabischen Nachrichtensenders Al Dschasira als „Warnung an die indische Seite“.