Naher Osten: „Wir sind im Krieg“ – Israel attackiert den Iran
Düsseldorf, New York, San Francisco, Peking. Israel hat in der Nacht zum Freitag einen Angriff auf iranische Atomanlagen bestätigt. Bei der Operation mit dem Namen „Rising Lion“ handele es sich um „eine präventive, präzise, kombinierte Offensive“, um das iranische Atomprogramm und andere militärische Ziele anzugreifen, teilte das Militär auf dem Nachrichtendienst Telegram mit.
Der Außenminister des Irans, Abbas Araghtschi, nannte den Angriff laut der staatlichen Nachrichtenagentur eine „Kriegserklärung“. Israel habe damit alle roten Linien überschritten. Er forderte den UN-Sicherheitsrat dazu auf, sich sofort mit dem Vorfall zu befassen.
Der Iran schlug gegen Israel zunächst mit mehr als hundert Drohnen zurück. Laut einer Meldung des israelischen Nachrichtenportal „ynet“ wurden alle abgeschossen, manche von Jordanien. Das israelische Militär kommentierte dies vorerst nicht.
Iranische Staatsmedien hatten in der Nacht Explosionen in Teheran gemeldet. Laut Augenzeugenberichten waren laute Explosionsgeräusche in der iranischen Hauptstadt zu hören. Dutzende Flugzeuge haben die erste Angriffswelle vor Tagesanbruch am Freitag abgeschlossen.
Am Freitagmittag (Ortszeit) dann hat Israel neue Angriffe auf den Iran gestartet. Im Fokus lag diesmal die Stadt Täbris im Nordwesten des Landes. Das melden zunächst die iranische Nachrichtenagentur Fars und israelische Medien. Letztere berichten zudem, dass der Angriff dem Militärflughafen in Täbris gegolten habe. Kurz darauf bestätigte der israelische Militärsprecher Brigadegeneral Effie Defrin, dass die Angriffe fortgesetzt werden.
Es droht somit eine massive Eskalation der Spannungen zwischen den beiden Ländern. Zuletzt hatte sich ein Streit über das Atomprogramm des Irans immer weiter zugespitzt. Ende Mai hatten US-Medien berichtet, Israel habe eine mögliche Attacke auf die iranischen Atomanlagen bereits vorbereitet. Nur wenige Stunden vor dem Angriff waren die von den USA angeführten Bemühungen um eine diplomatische Lösung des Konflikts abgebrochen worden.
Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bezeichnete den Angriff als entscheidenden Moment in der Geschichte Israels. „Diese Operation wird noch viele Tage weitergehen“, sagte er. „Wir haben das Herz der iranischen Kernwaffenanreicherung getroffen.“ Zugleich sollten sich Israelis darauf vorbereiten, längere Zeit in Bunkern bleiben zu müssen, sollte der Iran einen Gegenangriff versuchen, sagte Netanjahu.
Israelische Piloten hätten die iranische Hauptanreicherungsanlage Natans beschossen. Zudem seien führende iranische Atomwissenschaftler ins Visier genommen worden. Der Schlag gegen den Iran werde seiner Atominfrastruktur und seiner militärischen Stärke schaden, so Netanjahu weiter. „Wir kämpfen nicht gegen die iranische Bevölkerung, wir kämpfen gegen die iranische Diktatur.“
Der Iran habe im vergangenen Jahr 300 ballistische Raketen auf Israel abgefeuert, so Netanjahu. Jede dieser Raketen trage eine Tonne Sprengstoff und bedrohe das Leben von Hunderten von Menschen.
Bundeskanzler Friedrich Merz hat am Freitagmorgen mit Netanjahu telefoniert. Dieser habe Merz dabei über die Militäraktionen und deren Ziele informiert, heißt es in einer Mitteilung des Bundespresseamts. „Anschließend habe ich zu einer Sitzung des Sicherheitskabinetts der Bundesregierung eingeladen. Auf der Grundlage der uns zur Verfügung stehenden Informationen haben wir die Lage beraten“, wird Merz zitiert. „Wir bekräftigen, dass Israel das Recht hat, seine Existenz und die Sicherheit seiner Bürger zu verteidigen.“
Iran droht mit Gegenschlag
Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) bestätigt, dass die iranische Atomanlage Natans zu den Zielen der israelischen Angriffe auf den Iran gehört. „Die Agentur beobachtet die zutiefst besorgniserregende Situation genau“, teilte die IAEA mit. Die Behörde stehe wegen der Strahlenwerte mit den iranischen Behörden in Kontakt und sei auch mit ihren Inspektoren im Iran in Verbindung. Bislang sei keine erhöhte Strahlung festgestellt worden.
Ajatollah Ali Chamenei, der Oberste Führer des Irans, drohte im iranischen Fernsehen mit einem Gegenschlag. Israel solle sich auf „eine harte Strafe“ einstellen. Ob damit die bisherigen Drohnenangriffe gemeint waren, ist unklar. Ein Beitrag des iranischen Militärs auf der Social-Media-Plattform X legt allerdings nahe, dass dies nicht das volle Ausmaß der Gegenangriffe sein werde. „Dies wird keine einfache Demonstration unseres Willens oder unserer technologischen Fähigkeiten. Diesmal wird unsere Antwort tödlich ausfallen“, schrieb der Militäraccount.
Die iranische Revolutionsgarde nannte die USA mitverantwortlich. „Der israelische Angriff wurde unter vollem Wissen und mit Unterstützung der bösartigen Machthaber im Weißen Haus ausgeführt“, behauptete die Elitetruppe des Irans in einem Statement. Der Sprecher der israelischen Armee, Effie Defrin, sagte am Freitag, alle Abwehrsysteme seien im Einsatz.
Bei dem israelischen Großangriff im Iran soll der Kommandeur der mächtigen Revolutionsgarden, Generalmajor Hussein Salami, Generalmajor Mohammad Bagheri, Stabschef des Militärs, sowie führende Atomwissenschaftler getötet worden sein. Das berichtete die Nachrichtenagentur Tasnim, die als Sprachrohr der iranischen Elitestreitmacht gilt.
Die Angriffe im Iran sollen nach Äußerungen eines ranghohen israelischen Militärvertreters auch in den kommenden Tagen weitergehen. „Wir verfügen über einen langfristigen, breit angelegten Angriffsplan für die kommenden Tage – vor uns liegen schwierige Zeiten“, sagte der Militär nach Angaben des regierungsnahen israelischen TV-Senders C14.
„Die Iraner werden reagieren. Wenn die Bevölkerung (in Israel) diszipliniert bleibt, wird es nur wenige Verletzte geben“, sagte er demnach weiter. Anderenfalls seien viele Opfer zu befürchten. „Wir befinden uns im Krieg.“
USA: Sind nicht beteiligt
US-Präsident Donald Trump hofft laut einem Bericht des Senders Fox News trotz des israelischen Angriffs auf den Iran auf eine Rückkehr zu Verhandlungen. „Der Iran darf keine Atombombe haben, und wir hoffen, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Wir werden sehen“, sagte Trump demnach in einem Telefoninterview.
Im Falle iranischer Vergeltungsschläge seien die USA jedoch bereit, sich und Israel zu verteidigen. Er sei vorab über den israelischen Angriff informiert worden, sagte Trump laut Fox News, das US-Militär sei aber nicht in den Angriff einbezogen worden.
Auch US-Außenminister Marco Rubio betonte in einer Mitteilung am Donnerstagabend (Ortszeit), dass die USA nicht an dem Schlag gegen den Iran beteiligt gewesen seien. „Israel hat uns informiert, dass sie glauben, eine solche Aktion sei notwendig, um sich selbst zu verteidigen.“ US-Präsident Trump und seiner Regierung sei es vor allem daran gelegen, US-Militär in der Region zu schützen.
US-Senator Lindsey Graham warnte den Iran davor, US-Truppen anzugreifen. Sollte dies passieren, müsse die USA eine „überwältigende Reaktion“ zeigen. Der Republikaner schlug in einem Social-Media-Beitrag vor, in diesem Fall alle iranischen Ölraffinerien anzugreifen, um so „den Ajatollah und seine Handlanger aus dem Ölgeschäft“ zu vertreiben.
Erst am Mittwoch hatten das US-Außenministerium und das Pentagon erklärt, die Präsenz von Mitarbeitern im Nahen Osten aufgrund möglicher regionaler Unruhen zu reduzieren. Demnach wurde unter anderem die Ausreise aller nicht unbedingt erforderlichen Mitarbeiter der US-Botschaft in der irakischen Hauptstadt Bagdad angeordnet.
Furcht vor weiteren Eskalationen
UN-Generalsekretär Antonio Guterres hat beide Länder dazu aufgerufen, „maximale Zurückhaltung“ zu üben, um eine weitere Eskalation zu verhindern. Guterres verurteile jegliche militärische Eskalation im Nahen Osten, teilte ein Sprecher mit.
Israel zeige, was passiere, „wenn Eskalationsdominanz und das Gesetz des Dschungels aufeinandertreffen“, kommentierte Ian Bremmer, Gründer der auf Außenpolitik spezialisierten US-Beratungsgesellschaft Eurasia die Luftschläge auf der Social-Media-Plattform X. Offenbar sei niemand „in der Lage oder willens“, Israel zu stoppen. Aus seiner Sicht ist unklar, ob die USA Israel direkt gegen iranische Vergeltungsschläge verteidigen werden. Er geht allerdings davon aus, dass der nachrichtendienstliche Austausch fortgesetzt wird.
Länder in der Umgebung zeigten sich besorgt und bemüht darum, nicht Teil des Konflikts zu werden. Ein Sprecher der jordanischen Regierung teilte bereits vor den Drohnenangriffen mit, dass der Luftraum des Königreichs nicht für Angriffe genutzt werden dürfe. Iranische Raketen waren bei Kämpfen im vergangenen Jahr auch über Jordanien geflogen, das zwischen den beiden Ländern liegt. Der Irak sperrte seinen Luftraum nach den israelischen Angriffen komplett. Alle Flughäfen im Land sind aktuell stillgelegt.
Finanzmärkte reagieren stark
Die globalen Finanzmärkte reagierten unmittelbar auf die Meldung des Angriffs. Der japanische Leitindex Nikkei sank im frühen Freitagshandel um mehr als ein Prozent. Der Ölpreis erhöhte sich zwischenzeitlich um mehr als elf Prozent. Damit kostete ein Barrel der Sorte Brent 76,50 Dollar. Der Iran ist ein wichtiges Förderland von Öl, und die militärische Eskalation schürt die Sorge bei Anlegern, dass sich das Angebot auf dem Weltmarkt nun verknappen wird.
Sollten im Rahmen der Angriffe auch wichtige Transportrouten für Öl blockiert werden, würde das unter anderem die US-Inflation anheizen. Die Futures der großen US-Indizes sackten daher deutlich ab. Die Futures auf den breit gefassten S&P 500 lagen am frühen Freitagmorgen um 1,7 Prozent im Minus, die des technologielastigen Nasdaq gab um 1,8 Prozent nach.
Auch die Kryptomärkte, an denen rund um die Uhr gehandelt wird, reagierten deutlich. Der Bitcoin, die größte und älteste Kryptowährung, notierte gut drei Prozent schwächer und kostete 104.371 Dollar. Ether, die Nummer zwei, brach um acht Prozent ein und notierte bei 2513 Dollar.
Mit Agenturmaterial