SPD-Parteitag: Wie Bärbel Bas für Finanzminister Klingbeil ein Problem wird
Berlin, Duisburg. Die Straßenbahnlinie 903 rumpelt vom Duisburger Hauptbahnhof in Richtung Norden. Im Waggon grölt ein stämmiger Mann mit Sonnenbrille ins Telefon: „Ruf die Cops an!“ „Die Nachbarn von oben grillen im Hausflur“, ruft er wenig später seinen zwei Begleitern zu. Das Gespräch riecht nach Hochprozentigem.
„Was für ne kaputte Welt, ey“, sagt er und fällt zurück in seinen Sitz. Ruhrpott-Rauheit, wie sie im Buche steht. Genau von hier kommt Bärbel Bas. Duisburgerin, Bundesarbeitsministerin. Ab diesem Freitag neue SPD-Chefin. Und für viele in der SPD neue Hoffnungsträgerin.
Seit der Bundestagswahl ist Co-Parteichef Lars Klingbeil die unangefochtene Nummer eins im Machtgefüge der SPD, trotz des unter seiner Führung erzielten schlechtesten Wahlergebnisses seit 1889. Doch der ab diesem Freitag stattfindende Parteitag wird für den Vizekanzler ungemütlich. Zu viele Genossen hat er mit seinem skrupellosen Machtstreben verprellt.
Der Frust in der Partei war am Wahlergebnis zu erkennen: Klingbeil kam bei seiner Wiederwahl als Parteichef nur auf 64,9 Prozent. Bas durfte sich dagegen über ein starkes Ergebnis freuen. Die 600 Delegierten kürten sie mit 95 Prozent der Stimmen zur neuen Co-Vorsitzenden.
Nach diesem Wahlergebnis dürfte eine Frage lauter werden, die schon jetzt manche in der SPD stellen: Kann Bas, die mit ihrer Aufstiegsbiografie so sehr alte SPD verkörpert wie keine andere Spitzenkraft der Sozialdemokraten, womöglich Klingbeils Konkurrentin für die nächste Kanzlerkandidatur werden?
Gleichzeitig sind da die Zweifel: Als Bundesarbeitsministerin die Rente stabilisieren und das Bürgergeld reformieren, nebenbei die SPD programmatisch erneuern – dafür braucht es politisches Vermögen und menschliche Härte. Beides musste Bas während ihres beachtlichen politischen Aufstiegs in den vergangenen Jahren, der sie aus dem Bundestagspräsidium an die Spitze des für die SPD so wichtigen Arbeitsministeriums führte, nur bedingt beweisen.
Das Handelsblatt hat Bas in den vergangenen Wochen begleitet und ist in die Stadt gereist, aus der sie stammt und die sie geprägt hat: Duisburg. AfD-Zulauf, Bürgergeldmissbrauch, Politikfrust – alle Herausforderungen, vor denen Bas in den nächsten Jahren politisch steht, kennt sie von hier.
Wer mit alten Weggefährten aus der Ruhrmetropole spricht, versteht, warum Bas in der SPD momentan als Heilsbringerin gilt, welches Weltbild sie als Arbeitsministerin der SPD wieder näher bringen will, wenn sie vor „mafiösen“ Strukturen beim Bürgergeld warnt – und warum sie für Klingbeil ein echtes Problem werden könnte.