Finanzen: Wie die Wirtschaft Wissenslücken bei Jugendlichen schließen will
Göttingen. Ob sich denn jemand in der Schülervertretung engagiere? „Ich bin Schulsprecher“, antwortet einer der Jugendlichen. Dina Stollwerk-Bauer hakt sofort ein: „Hier sitzt der zukünftige Betriebsratsvorsitzende.“ Dann führt die Hauptgeschäftsführerin des Arbeitgeberverbands Mitte aus, welche Möglichkeiten das Arbeitsrecht zur Mitbestimmung bietet. Und mehr als zwei Dutzend junger Menschen wie der Klassensprecher hören aufmerksam zu.
Dass sich rund 30 Jugendliche wie an diesem Abend auf Initiative von „business4school“ in Göttingen nach der Schule freiwillig zwei Stunden lang mit Finanzthemen beschäftigen, ist eher ungewöhnlich – und zeigt, wie groß der Bedarf ist. Denn im regulären Unterricht kommen solche Inhalte häufig zu kurz: Laut einer Studie des Bankenverbands mit 700 Befragten gaben 80 Prozent der 14- bis 24-Jährigen an, in der Schule „wenig“ oder „so gut wie nichts“ über Wirtschaft zu lernen oder gelernt zu haben.
„Das Fach heißt ‚Politik-Wirtschaft‘, aber ehrlich gesagt ist es mehr Politik als Wirtschaft“, kritisiert die Göttinger Schülerin Catharina Ammermann. Von Themen wie Steuern habe man zum Beispiel als Teenager gar keine Ahnung, da sei es ganz cool, „mal die Basics mitzukriegen.“ In ihrem Auslandsjahr konnte die 17-Jährige das Fach „Business und Economics“ belegen, das in Deutschland nicht angeboten wird. Im Unterricht gehe es zudem eher um volkswirtschaftliche Inhalte, Betriebswirtschaft komme so gut wie gar nicht vor, ergänzt Teilnehmer Peter Strata.
Fehlende Finanzkompetenz kann fatale Folgen für die deutsche Wirtschaft haben
„Es ist eigentlich ein No-Brainer, in der Schule unternehmerisches Denken und Handeln zu vermitteln, zumal Deutschland keine nennenswerten Rohstoffe mehr hat außer geistiges Kapital“, sagt der Bildungsexperte Hauke Schwiezer. Er ist Mitbegründer und Geschäftsführer von zwei NGOs, der Bildungsplattform ‚Startup Teens‘ und Personalvermittlung ‚Gen Talents‘. „Woher soll der Wohlstand der Zukunft kommen, wenn nicht durch eigene junge Menschen, die Ideen umsetzen und Probleme lösen können?“, mahnt Schwiezer.
Fehlende Finanzkompetenz könne sich negativ auf die Wirtschaft auswirken: Noch nie habe es etwa eine so hohe Verschuldungsquote pro Kopf gegeben wie gegenwärtig. Dem Statistischen Bundesamt zufolge lag sie im Jahr 2023 bei 28.942 Euro – ein Rekordwert. Das ist laut Schwiezer unter anderem darauf zurückzuführen, dass Werbung auf Social Media immer professioneller wird.
Auch die „Buy now, pay later“‘-Funktion (BNPL) von Online-Bezahldiensten wie Klarna oder Paypal kann zur Überschuldung beitragen: Nach Angaben des „Jugend-Finanzmonitor 2023“ der Schufa nutzen rund 30 Prozent der 15- bis 25-Jährigen BNPL.
Projekte dienen auch der Berufsorientierung
Diese Wissenslücken versuchen Initiativen wie „business4school“ von den Lions Clubs, das gemeinnützige Wirtschaftsnetzwerk „Wissensfabrik“, „business@school“ von der Boston Consulting Group oder der „Deutsche Gründerpreis für Schüler:innen“ zu schließen. Daneben sollen die Projekte den Jugendlichen bei der Berufsorientierung helfen. „Sie lassen junge, intelligente Menschen möglicherweise auch eine besser zu ihren Talenten passende Auswahl ihrer Ausbildung oder ihres Studiums treffen“, erklärt Schwiezer.
„Ich finde es spannend, dass einzelne Unternehmen Inhalte vorstellen“, sagt „business4school“-Teilnehmer Strata. Der Unterricht beginnt meist mit einem theoretischen Teil, danach wird in der Regel ein konkreter Betrieb besprochen.
Strata überlegt, nach dem Abitur Jura zu studieren. Durch die Tätigkeit des Projektgründers Ulrich Herfurth als Anwalt würde bei den Wirtschaftsthemen häufig auch ein Bezug zum Recht hergestellt, erzählt Teilnehmerin Ammermann.
Sie geht wie Strata in die zwölfte Klasse und ist in der Schule auf die Initiative aufmerksam geworden. Ihr gefällt besonders, dass oft auch jüngere Gastdozierende dabei sind und von ihrem Arbeitsalltag erzählen. Häufig kenne man nur die Berufe der eigenen Eltern, eine Handvoll anderer Tätigkeiten und viele Jobbezeichnungen, über die man jedoch wenig wisse, sagt Ammermann.
Konzentration auf Betriebswirtschaftslehre
Ulrich Herfurth ergreift das Wort. Zur Übung teilt der Jurist einen Fragebogen aus, bei dem man ankreuzen kann, welche Bewerbungsunterlagen wie wichtig sind. „Super ist übrigens ein Zertifikat von ‚business4school‘“, scherzt er. Wer bis Ende des Semesters nur einmal fehlt, bekommt eine Teilnahmebescheinigung. „Natürlich ist das auch eine Motivation“, gibt Ammermann zu. Sie erhofft sich so bessere Chancen bei zukünftigen Jobs.
Jungen Menschen Wirtschaft möglichst praxisnah vermitteln: Das ist die Idee hinter „business4school“. Einmal im Monat treffen sich Jugendliche sowie Dozierende aus Wissenschaft und Praxis in den Räumlichkeiten der privaten Hochschule Göttingen. Auch in anderen Städten gibt es das Projekt bereits. Die Themen reichen von Rente und Berufsunfähigkeit über Handelsbilanzen und Zölle bis hin zu Medien und Informationsgesellschaften. „Die Konzentration liegt aber auf ,business‘, also eher Unternehmertum als VWL“, erklärt Herfurth.
Natürlich sei die Initiative auch eine gute Gelegenheit, um Nachwuchs zu gewinnen, räumt Simon Ahlborn von Sartorius ein. Als „Head of HR Business Partners“‘ ist er eigentlich für die Betreuung der Führungskräfte des Pharma- und Laborzulieferers verantwortlich. Die Inhalte einer ganz anderen Zielgruppe beizubringen, sei deshalb manchmal gar nicht so einfach.
„Wer von euch weiß denn schon, was er beruflich mal machen will?“, fragt Ahlborn in die Runde. Zwei Personen melden sich. „Und wisst ihr beiden, ob ihr das in zehn Jahren definitiv auch noch machen wollt?“ Erneutes Nicken. „Das ist gut, heißt auf der anderen Seite aber auch: Ganz viele von euch wissen es noch nicht“, stellt er fest.
Das könne zum Unternehmensrisiko werden: Nur 50 Prozent der Mitarbeitenden sähen sich in den nächsten zwölf Monaten noch in dem Unternehmen, in dem sie heute arbeiten, erklärt Ahlborn. Was gegen die hohe Fluktuation helfen könne? Zum Beispiel flache Hierarchien, findet er. Schließlich erklärt der Personaler den Teenagern von seiner eigenen „Growth Journey“, wie der Karriereweg bei Sartorius genannt wird.
Um möglichst niederschwellig zu bleiben, ist „business4school“ kostenlos. Neben Gymnasiasten nehmen laut Herfurth auch Gesamt- sowie einige Berufsschüler teil, Realschüler seien eher die Ausnahme. Hauptschüler fallen aufgrund ihres Alters ganz heraus: Der Unterricht ist auf die Stufen zehn bis zwölf ausgelegt.
„Wir haben die Vortragsart von unseren Seminaren für Unternehmer übernommen“, erklärt Herfurth. Für jüngere Zielgruppen hätte der Stoff noch stärker vereinfacht werden müssen. Stattdessen konzentriere man sich lieber auf das, was man gut könne: „Entweder Sie machen eine Sache richtig oder alles ein bisschen“, begründet Herfurth seine Entscheidung.
Möglichst praxisnahe Alltagsbeispiele
„Keine Angst, ich versuche, das möglichst praxisnah zu machen“, versichert Stollwerk-Bauer zu Beginn ihres Vortrags. Sie hält eine dicke Ausgabe des Arbeitsgesetzbuches hoch – „zur Abschreckung“. Bei solchen Veranstaltungen werde sie häufig gefragt, ob sie alles wisse, was da drinstehe, erzählt die Juristin. Ihre Standardsatz: „Nein, aber ich weiß, wo das Inhaltsverzeichnis ist.“
Der Arbeitgeberverband Mitte berät Unternehmen in arbeits- und sozialrechtlichen Fragen. Mit einem Quiz versucht Stollwerck-Bauer, die Jugendlichen spielerisch mit ihrem Job vertraut zu machen. In einem fiktiven Arbeitsvertrag sollen sie Fehler erkennen. Etwa, dass die maximal erlaubte Arbeitszeit von 48 Stunden über- oder der aktuelle Mindestlohn von 12,82 Euro unterschritten wird. Es folgt der Unterschied zwischen Brutto und Netto und die Frage, ob es überhaupt einen Arbeitsvertrag braucht. Antwort: „Nein, aber wäre besser.“
Die Jugendlichen wirken zufrieden, als sie den Hörsaal verlassen. Ihm habe der Teil von Sartorius am besten gefallen, erzählt einer – „weil er ganz gut zeigt, wie es in einem Unternehmen wirklich läuft“. Ein anderer hat den Unterricht genutzt, um sich über seine Rechte als Arbeitnehmer schlau zu machen. „Ich fange in den Sommerferien an zu jobben und wollte mich deshalb noch darüber informieren“, erzählt er – wieder etwas Neues gelernt.