Künstliche Intelligenz: Wie smarte KI-Grills das Kochen verändern
Es gibt kaum eine anständige Technologie, die nicht erst nach einem Hype-Zyklus Fuß in unserem Leben fasst: Der Verknüpfung mit Hoffnungen für die Lösung der Probleme, die eine neue Technologie erfüllen soll (von einzelnen Socken bis Weltfrieden), folgt typischerweise eine mindestens genauso schwungvolle Ernüchterung.
KI ist dümmer, als wir meinen, das beschrieben erst vor Kurzem meine Handelsblatt-Kollegen in einer Titelgeschichte. Diese enttäuschten Erwartungen sagen oftmals mehr über uns aus als über die Technologie selbst. Wer erwartet denn wirklich, dass KI schon morgen die Steuererklärung für einen auf einem Bierdeckel erledigt oder per Prompt das Yang-Mills-Existenz- und Massenlückeproblem der Mathematik löst.
Es sind die Helden der Ingenieurskunst, die uns versöhnen können mit der Tristesse der mittelmäßigen Ergebnisse, weil sie Probleme lösen, die uns wirklich nah sind. Zum Beispiel, wie man ein perfektes Steak grillt oder gar ein Brisket über Stunden zubereitet.
Sie führen uns peu à peu auf das Plateau der Produktivität, nachdem wir vom Gipfel der überzogenen Erwartungen dem Tal der Enttäuschungen entgegengerauscht sind – und vermutlich den Pfad der Erleuchtung noch nicht klar sehen. Vielleicht, weil wir noch hungrig sind.
Der Hersteller Seergrills hat dafür den Perfecta ersonnen. Ein Grill mit Künstlicher Intelligenz. Das Gerät erinnert in seiner Darstellung an ein glühendes Kabinett, dem man das Berechnen teuflischer Gleichungen eher zutraut als die gefühlvolle Garung des Grillguts. Doch genau darum geht es beim Perfecta oder dem KI-gesteuerten Smoker von Brisk It „No Worries. Just Eat“. Die BBQ-Nerds sehen in ihren Blogs eine glorreiche Zukunft für KI auf dem Grill.
Die englische Sprache nutzt das Wort Doneness für den Grad an Durchgarung von Steaks. Von „raw“ über „rare“ und „medium“ bis „well done“ (Schuhsohle) reicht die Skala. Doch wer kann schon hineinschauen in sein Steak, wenn es erst mal auf der Sizzle-Zone liegt?
Ein zeitgemäßer Umgang ist die Verwendung eines Thermometers, das die Kerntemperatur misst und so zum gewünschten Ergebnis führt. Traditionalisten werden den Druck auf das zu garende Stück Fleisch bevorzugen. Wie sich blutig, medium oder durchgebraten anfühlt, dafür hat der Mensch alles am Körper, was er braucht. Handballen und unsere Fingerspitzen sind Indiz genug.
Was kann also KI leisten, was können Messmethoden nicht bewerkstelligen? Sie schafft Zeit, sich um andere Dinge zu kümmern. Viel bleibt davon allerdings nicht: 90 Sekunden, so das Versprechen, dauert die optimale Zubereitung bei bis zu 900 Grad Celsius in dem für 5.999 US-Dollar vorzubestellenden Perfecta – im Übrigen deutlich weniger Wartezeit als die auf die Auslieferung. Derzeit dürfen sich Interessenten in die Welle fünf der Bestellungen einreihen, die bis Dezember 2025 geliefert werden sollen.
Das mag für so fragende Blicke sorgen wie im Gesichtsausdruck des britischen Premiers Keir Starmer, als ihm das Gerät vorgeführt wurde.
Skepsis ist wenig verwunderlich, denn das zu grillende Stück wird nicht aufgelegt, sondern in einen Kasten gespannt und anschließend senkrecht den Systemen des Perfecta überantwortet. Im Display wird lediglich die gewünschte Doneness eingegeben, schwuppdich, den Rest erledigt die Maschine.
Sie zeigt uns damit einen Weg, wie wir unseren Ängsten über eine Kontrolle der Welt durch KI begegnen können. Wir akzeptieren in Demut den Weg, den die Maschine wählt, und feiern das Ergebnis. So wie KI schon in vielen Fällen zu Lösungen kommt, die wir bewundern, aber nicht verstehen – Brettspiel Go –, bleibt auch hier ominös, was genau die KI eigentlich macht, die die Hitzeelemente steuert.
Sensoren, die messen, was passiert – ja, natürlich. Prozessoren, die berechnen, gut und schön. KI, die mit dem Internet verbunden dazulernt, alles fein. Hat sie sämtliche gelungene und missratene Steaks der Welt im Gedächtnis und meidet die begangenen Fehler? Der Nutzer kauft keinen Grill, sondern Magie, die beruhigt. Sie möchte den Menschen erfreuen. Und sei es nur mit einem perfekt gegrillten Steak.
Erstpublikation: 31.07.2025, 21:52 Uhr.