Morning Briefing: Und was, wenn Trump mit seiner Politik doch Erfolg hat?
Trumps Triumph? US-Wachstum überraschend stark
Seit einigen Wochen beschleicht mich gelegentlich im wachen Zustand eine Art Albtraum. Was wäre, wenn Donald Trump mit seiner Wirtschaftspolitik entgegen allen seriösen Prognosen Erfolg hätte? Die Staatsfinanzen durch üppige Zolleinnahmen saniert. Die sozialen Spannungen in den USA durch neue Industriearbeitsplätze gelindert. Das Wachstum durch Steuersenkungen und niedrige Zinsen beflügelt.
Und die angesichts dieser Politik eigentlich unvermeidliche hohe Inflation? Naja, die müsste halt auch noch irgendwie verschwinden.
Wie das funktionieren könnte, übersteigt meine Vorstellungskraft. Aber wenn doch, wären weite Teile der bislang gelehrten ökonomischen Theorie entwertet. Das eigentlich Schlimme daran: Der US-Präsident hätte der Welt gezeigt, dass es sich lohnt, seine Handelspartner mit den Methoden eines Schulhof-Bullys zu erpressen.
Mein Albtraum erhielt gestern kurzzeitig neue Nahrung: Das US-Handelsministerium gab die erste Schätzung für das Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal bekannt. Die US-Wirtschaft hat demnach von April bis Juni unerwartet stark zugelegt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg auf das Jahr hochgerechnet um drei Prozent. Ökonomen hatten im Vorfeld einen BIP-Anstieg von lediglich 2,4 Prozent erwartet.
Dabei war doch der Zeitraum ab April derjenige, in dem Trump die US-Wirtschaft mit ständig wechselnden Zolldrohungen verunsichert hatte – normalerweise müsste das Gift fürs Wachstum sein.
Kluge Ökonominnen und Ökonomen können allerlei Gründe nennen, warum es derzeit trotz – und nicht wegen – Trump so gut läuft mit der US-Wirtschaft. Ihre Erklärungen enden sinngemäß alle mit: Wartet nur ab, das dicke Ende kommt noch!
Fed lässt Leitzins unverändert
Auch die Inflation in den USA ist zuletzt weniger stark gestiegen als erwartet. Das könnte sich ebenfalls bald ändern, warnt Diane Swonk, Chefvolkswirtin von KPMG. Sie verweist auf Inflationsdaten, die am Donnerstag veröffentlicht werden. Der Preisindex der Konsumausgaben (PCE), ein wichtiges Inflationsmaß für die Fed, könnte im Juni auf 2,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr angestiegen sein. Im Mai lag der Wert noch bei 2,3 Prozent.
Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) jedenfalls hält die Inflationsgefahr für real und beließ den Leitzins gestern wie erwartet auf der Spanne von 4,25 bis 4,5 Prozent. Trump wird diese Entscheidung nicht gefallen. Der Präsident hatte im Vorfeld des Fed-Entscheids Notenbankchef Jerome Powell erneut zu Zinssenkungen aufgefordert.
Bemerkenswert: Die Fed-Entscheidung, die Zinspause zu verlängern, fiel nicht einstimmig. Zwei Gouverneure, Christopher Waller und Michelle Bowman, stimmten dagegen. Das ist ungewöhnlich. Mehr als einen Abweichler gab es zuletzt 1993.
Waller hatte bereits Mitte Juli in einer Rede Zinssenkungen gefordert. Er gilt als einer der möglichen Kandidaten, die Powell ablösen könnten. Dessen Amtszeit an der Spitze der Notenbank endet im kommenden Mai.
Die Gewinner in Klingbeils Finanzplanung
Binnen knapp eineinhalb Monaten musste Bundesfinanzminister Lars Klingbeil gleich zwei Haushalte vorlegen: im Juni den für 2025, gestern den für 2026. Obwohl nur wenige Wochen zwischen beiden Etats liegen, hat sich Klingbeils Zungenschlag grundlegend verändert. Feierte sich Klingbeil im Juni noch als Investitionsminister, der dank der gelockerten Schuldenbremse Bundeswehr, Straßen und Schienen modernisiert, gibt der SPD-Chef nun angesichts der gewaltigen Etatlöcher den Sparkommissar. 172 Milliarden Euro fehlen in seiner Finanzplanung von 2027 bis 2029. Gestern richtete Klingbeil einen fast schon dramatischen Appell an seine Ministerkollegen. Jeder und jede am Kabinettstisch werde sparen müssen, denn:
Doch zunächst einmal können sich einige Ministerien laut Haushaltsplanung über deutliche Etatzuwächse in den Jahren 2025 bis 2029 freuen, wie unsere Grafik zeigt. Allen voran das Verteidigungsministerium, gefolgt vom Bauministerium und dem Kanzleramt mit dem angegliederten Kulturstaatsminister. Auf Platz vier der Profiteure folgt das Arbeits- und Sozialministerium, dessen Einzeletat bis 2029 um 15 Prozent auf dann 219 Milliarden Euro steigen soll. Laut Klingbeils Planungen fließen im Jahr 2029 etwa 75 Prozent aller Haushaltsmittel in Soziales, Verteidigung und Zinsen.
Anders als im Fall Trump habe ich nicht die geringsten Zweifel daran, dass diese Finanzpolitik ins Unheil führen wird, nämlich in die weitgehende Selbstlähmung des Staates.
MediaMarkt wird chinesisch
Die Elektronikhandelsketten MediaMarkt und Saturn sollen einen chinesischen Eigentümer bekommen. Der Tech-Gigant JD.com will die Muttergesellschaft der beiden Ketten, die Düsseldorfer Holding Ceconomy, übernehmen. Das teilten Ceconomy und der Bieter am späten Mittwochabend mit. JD.com biete den Ceconomy-Aktionären um die Gründerfamilie Kellerhals und die Familienholding Haniel je 4,60 Euro in bar für jede Stammaktie, hieß es weiter. Das entspreche einem Unternehmenswert von vier Milliarden Euro.
Die Familie Kellerhals, die mit knapp 30 Prozent der Anteile größter Einzelaktionär ist, habe die Offerte für 3,81 Prozent ihrer Aktien akzeptiert. Sie will also mit einem Anteil von rund 25,35 Prozent an Bord bleiben. Die Aktionäre Haniel, Beisheim, BC Equities und Freenet, die gemeinsam rund 27,9 Prozent der Anteile kontrollieren, wollen ihre Aktien komplett an JD.com verkaufen. Die Chinesen haben damit knapp 32 Prozent an Ceconomy bereits sicher.
Zuckerberg freut sich auf Superintelligenz
Gestützt auf robuste Werbeeinnahmen hat Meta ein überraschend starkes Quartalsergebnis und einen optimistischen Ausblick vorgelegt. Im zweiten Quartal steigerte der US-Konzern seinen Umsatz um 22 Prozent auf 47,52 Milliarden Dollar und den Reingewinn um 36 Prozent auf 18,34 Milliarden Dollar. Für das laufende Quartal stellte Finanzchefin Susan Li Erlöse zwischen 47,5 und 50,5 Milliarden Dollar in Aussicht. Meta-Aktien stiegen im nachbörslichen Geschäft der Wall Street um zehn Prozent.
Zugleich avisierte die Facebook-Muttergesellschaft noch höhere Investitionen in Künstliche Intelligenz (KI). Konzernchef Mark Zuckerberg sagte:
Unter einer Superintelligenz versteht man eine KI, die dem menschlichen Gehirn in vielen oder allen Bereichen überlegen ist und dadurch komplexe Aufgaben ohne menschliche Eingriffe erledigen kann.
Azure beflügelt Microsoft-Wachstum
Auch Microsoft hat gestern ein Quartalsergebnis über den Markterwartungen vorgelegt. Der Umsatz stieg währungsbereinigt um 18 Prozent auf 76,4 Milliarden Dollar und der Reingewinn um 22 Prozent auf 27,2 Milliarden Dollar. Besonders stark wuchs laut Konzernchef Satya Nadella das Cloudgeschäft der Sparte Azure. Microsoft-Aktien stiegen nachbörslich um sechs Prozent.
Kamala Harris mit Comeback-Plänen?
Die bei der jüngsten US-Präsidentschaftswahl von Trump geschlagene Demokratin Kamala Harris will sich nicht um die Nominierung als Kandidatin ihrer Partei für das Gouverneursamt in Kalifornien bewerben. Dazu habe sie sich nach „reiflicher Überlegung“ entschieden, schrieb Harris auf „X“.
So richtig relevant wird die Meldung erst durch die Recherchen der „Washington Post“ zum Thema: Demnach erwägt Harris, sich 2028 erneut um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten zu bewerben – und tritt auch deshalb nicht in Kalifornien an.
G20-Gipfel im Trump-Hotel
Laut einer Meldung der Nachrichtenagentur Bloomberg will Donald Trump den G20-Gipfel nächstes Jahr in seinem Doral-Resort nahe Miami veranstalten. Angesichts dieser ungenierten Vermischung von geschäftlichen und politischen Interessen können die Führer der mächtigsten Staaten der Welt vermutlich froh sein, dass Trump in der gehobenen Hotellerie tätig ist und nicht etwa im Campingplatz-Business – oder gar zu den vielen privaten Gefängnisbetreibern in den USA zählt.
Ich wünsche Ihnen einen aufschlussreichen Donnerstag.
Herzliche Grüße,
Ihr
Christian Rickens