Kommentar: Trump probt den Polizeistaat vor seiner Haustür

In einem sehr linksliberalen und laut Kriminalstatistik sehr sicheren Viertel Washingtons ist die Aufregung groß. „Kann man sich nicht ausdenken“, schreibt ein Mann im lokalen Nachbarschaftsnetzwerk. Schon wieder habe er Teenager vor einer Schule beim Drogendealen gesehen, am helllichten Tag. Schon wieder seien in seiner Straße über Nacht etliche Autos aufgebrochen worden. Und aus dem örtlichen Supermarkt sei vergangene Woche eine Gang mit geklauten Waren herausgestürmt, trotz schwer bewaffneter Security-Kräfte am Eingang. „Für die Polizei hat all das keine Priorität“, schimpft der Mann.
Diese Erfahrungen, die sich tatsächlich so in der amerikanischen Hauptstadt Washington, D.C., zugetragen haben, veranschaulichen, wie komplex die jüngste, erschreckende Entscheidung des US-Präsidenten zu betrachten ist. Donald Trump hat Washington – der Stadt, in der er im Weißen Haus wohnt – an diesem Montag den Krieg erklärt. Er will die Nationalgarde durch die Straßen patrouillieren lassen, um „Schluss mit Elend, Verlotterung und Verbrechen“ zu machen.
Das bis dahin letzte Mal, dass Nationalgardisten durch Washington marschierten, war nach dem Sturm aufs Kapitol am 6. Januar 2021, den Trump provoziert hatte. Außerdem wurde Trump selbst strafrechtlich verurteilt. Nun sollen Obdachlose von den Straßen „abtransportiert“ werden – ein Wort, das Trump selbst wählte – und FBI-Beamte ausschwärmen, um Diebe, Mörder und Gangster zu schnappen.