Bauindustrie: Wie der Trend zu erneuerbaren Energien Max Bögl stärkt
München. Über den Hügeln von Sengenthal ragt ein Windrad in den Himmel – mit einer Höhe von 128 Metern. Als dieser erste Prototyp eines hybriden Turms aus Beton und Stahl des ortsansässigen Baukonzerns Max Bögl im Jahr 2010 aufgestellt wurde, war das eine beachtliche Höhe.
Demnächst wird auf demselben Höhenzug wieder ein Windrad mit einem Bögl-Turm errichtet – bei dem sich die Rotorblätter in einer Höhe von knapp 200 Metern drehen. „Für uns hat sich der Einstieg in die Windkraft als Glücksfall erwiesen“, sagte Vorstandschef Stefan Bögl dem Handelsblatt. Rund ein Drittel seiner Umsätze erzielt der Baukonzern inzwischen mit den Windkrafttürmen, Tendenz weiter steigend.
Auch die übrigen Baugeschäfte laufen dank einer besonderen strategischen Ausrichtung weiter gut. Insgesamt sollen die Konzernumsätze in diesem Jahr von 2,6 auf 3,2 Milliarden Euro wachsen. Für 2026 ist erneut ein Anstieg von etwa 25 Prozent geplant.
Dabei steckt die Branche noch immer in der Krise. Zwar hat sich die Stimmung gerade im Wohnungsbau laut Ifo-Geschäftsklima zuletzt verbessert. Doch sagte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe: „Von einer echten Trendwende kann noch keine Rede sein.“ Knapp die Hälfte der Firmen klagt über Auftragsmangel. Die gestiegene Zahl der Baugenehmigungen schlägt sich bislang nicht in den Orderbüchern nieder.
Schneller und billiger mit Modulen
Bei Bögl zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Ein Grund für die gute Auftragslage: „Wir haben früh auf Modularisierung gesetzt“, sagt Stefan Bögl, dessen Firma nach eigenen Angaben eines der größten deutschen Bauunternehmen in Privatbesitz ist.
Der Konzern errichtet Gewerbebauten ebenso wie Eisenbahnbrücken modular. Bauten werden digital geplant, Teile so weit wie möglich automatisiert vorgefertigt und vor Ort zusammengesetzt. Durch die Vorfertigung in Fabriken könne man schneller und billiger bauen, sagt Stefan Bögl.
Die Kapazitäten im modularen Wohnungsbau habe man gerade verdoppelt. Mit seiner modularen Brückenlösung könnte der Konzern aus der Oberpfalz zudem zum Zug kommen, wenn das vom Bund aufgelegte Infrastruktur-Sondervermögen seine Wirkung entfaltet.
Bögl war zudem unter anderem am Bau der Tesla-Fabrik in Deutschland beteiligt und hat eine Reihe von Logistikzentren für Amazon errichtet. Auch bei den Windkrafttürmen entwickelte Bögl eine modulare Lösung, mit deren Hilfe weniger Schwertransporter notwendig sind.
Seit dem Einstieg in das Windkraftsegment ist die Zahl der Onshore-Windräder in Deutschland stark gestiegen. Zwischenzeitlich gab es einen starken Rückgang in der Windbranche wegen Änderungen im Erneuerbare-Energien-Gesetz. Als langfristig orientiertes Familienunternehmen habe man die Geduld gehabt, an dem Geschäft festzuhalten, sagt Bögl.
Windparks für die Versorgung von Fabriken
Dank steigender Höhe der Türme rechnen sich die Anlagen zunehmend auch in windschwächeren Regionen in Süddeutschland. Es sei sinnvoll, Strom dort zu produzieren, wo er verbraucht werde, sagt Stefan Bögl, der das Unternehmen im Familienverbund in dritter Generation führt. „Mit jedem Meter Höhe steigt die Stromproduktion um ein Prozent.“ Der Trend werde sich fortsetzen. „Wir werden in einigen Jahren Windräder mit einer Nabenhöhe von 230 Metern sehen.“
Im vergangenen Jahr gab es in Deutschland eine Rekordzahl von Genehmigungen für neue Anlagen. Insgesamt hat sich die monatlich beantragte Leistung laut Daten des Windmonitors des gemeinnützigen Vereins Goal 100 hierzulande innerhalb von vier Jahren mehr als verdreifacht.
Dennoch ist die Stimmung in der Branche derzeit nur durchwachsen. In den ersten Monaten des laufenden Jahres sind weniger Windräder beantragt worden als im gleichen Zeitraum 2024. Vor allem offshore, also bei Parks auf hoher See, sind die Kosten für die Projekte deutlich gestiegen.
Bögl rechnet damit, dass sich die Windenergie weiter durchsetzen wird, auch unabhängig von politischen Mehrheiten. „Aktuell kann man Windstrom für fünf bis sechs Cent herstellen, vielleicht bald auch mit Kosten von vier Cent.“ Dies müssten andere Erzeugungsarten erst einmal hinbekommen.
Der Baukonzern sieht dabei auch Wachstumschancen in einem speziellen Segment. Nicht nur Max Bögl versorgt sich mit selbst produziertem Windstrom und Photovoltaik. Auch andere Unternehmen setzen angesichts von Klimazielen und geopolitischen Verwerfungen, die zu starken Preisschwankungen führen können, verstärkt auf eine gewisse Autarkie.
So entwickelt derzeit eine Projektgesellschaft mit Bögl-Türmen einen Park mit 20 Windkraftanlagen auf einem Mercedes-Testgelände in Papenburg. Von hier aus sollen auch andere Mercedes-Standorte mit Strom versorgt werden. Das Projekt komme ohne staatliche Förderung aus, sagt Bögl. „Das könnte ein Modell auch für andere Unternehmen sein.“ Windkraft sei wirtschaftlich oft die beste Wahl. „Da geht es nicht um irgendwelche grünen Ideologien. Wir haben mit dem Wind in Deutschland eine Ressource, und die nutzen wir.“
Aktuell kann der Max-Bögl-Konzern mehr als 700 Windkrafttürme im Jahr bauen. „Bis 2027 wollen wir die Kapazitäten erheblich erweitern auf über 1000“, sagt Stefan Bögl. Bislang baut der Konzern Türme fast ausschließlich in Deutschland. „Wir sehen eine Chance, unser Produkt in ganz Europa anzubieten.“
Ein zentrales Thema bei Bögl: „Für uns ist Nachhaltigkeit weiterhin ein wichtiger Megatrend“, sagt der Chef. Max Bögl habe früh begonnen, mit dem Umweltbeton von Bögl Zement zu ersetzen und sogar CO₂-negativen Beton zu entwickeln, der mehr Kohlenstoff speichert, als bei seiner Produktion freigesetzt wird. Der Einsatz des Umweltbetons sei inzwischen Standard. Kunden des Unternehmens, die sich auf dem Weg zur Klimaneutralität befänden, zeigten großes Interesse daran.
Magnetschwebebahn setzt sich bisher nicht durch
Etwas schwieriger gestaltet sich die Lage bei einem anderen Zukunftsprojekt, das der Konzern verfolgt: Bögl hat auf Basis der Magnetschwebebahn-Technologie das Transportsystem Bögl (TSB) entwickelt. Anders als beim Transrapid, dessen Fahrzeug den Fahrweg umfasste, umschließt beim TSB der Fahrweg das Fahrwerk. So ist der Betrieb deutlich leiser. Das System ist für den Nahverkehr mit Distanzen von fünf bis etwa 30 Kilometern gedacht.
Allerdings tut sich der Konzern schwer damit, ein Pilotprojekt auf den Weg zu bringen. „Es fehlt einer, der sich mal traut, etwas zu riskieren und der Erste zu sein“, sagt Stefan Bögl. Ein Hindernis immerhin sei beseitigt: In Deutschland sei der TSB inzwischen wie andere ÖPNV-Verkehrsmittel förderfähig.
Bislang schwebt nur eine Pilotbahn in Sengenthal auf dem Firmengelände an einem kleinen See auf und ab. „Wir haben als Familienunternehmen nicht den Zwang, dass das in zwei Jahren Erlöse abwerfen muss“, sagt Bögl, „das ist eine Lösung für die nächsten Jahrzehnte.“ Auch beim Modulbau habe man als Vorreiter Geduld haben müssen. Und dies zahle sich heute aus.
Erstpublikation: 12.11.2025, 04:15 Uhr.