Betrug: USA stellen Bitcoins im Wert von 15 Milliarden Dollar sicher
Bangkok. Chen Zhi brüstet sich damit, innerhalb weniger Jahre eines der größten Konglomerate Kambodschas aufgebaut zu haben – mit Einkaufszentren, Supermärkten, Hotels, einer Bank und einem Immobilienentwickler: die Prince Group.
Die US-Justiz schätzt jedoch, dass hinter dem Anschein des Ausnahmeunternehmers eine deutlich düstere Geschichte steckt. Sie wirft Chen vor, für eine der größten grenzüberschreitenden kriminellen Vereinigungen Asiens verantwortlich zu sein.
Diese soll mithilfe von Menschenhandel, Zwangsarbeit, Folter und massenhaftem Onlinebetrug weltweit Milliardensummen erbeutet haben, wie aus einer am Dienstag veröffentlichten Klageschrift hervorgeht.
Wie ihnen das genau gelang, teilte die US-Justiz nicht mit. Sie gab aber an, dass die Gelder „aus den Betrugs- und Geldwäschesystemen des Angeklagten“ stammten und nun offiziell eingezogen werden sollen. Es handele sich demnach um die größte Beschlagnahmungsmaßnahme in der Geschichte des Ministeriums.
Experten schätzen Erlöse auf bis zu 75 Milliarden Dollar im Jahr
In der Anklageschrift wird Chen und dessen Konglomerat vorgeworfen, hinter sogenannten Betrugsfabriken zu stehen, die von Südostasien aus zu einem Zentrum der globalen Cyberkriminalität geworden sind. Es handelt sich dabei um nach außen abgeschirmte Anlagen, in denen Schätzungen zufolge in der gesamten Region mehr als 300.000 Beschäftigte unter falschen Identitäten versuchen, Internetnutzer zu Geldtransaktionen zu bringen – etwa mit dem Versprechen vermeintlich lukrativer Investments.
Die Personen, die den Onlinebetrug ausführen, sind dabei selbst oft Opfer. Sie werden vielfach unter falschen Angaben in die Betrugsfabriken gelockt und anschließend unter der Androhung von Gewalt gezwungen, dort zu arbeiten. Die Hintermänner verdienen damit ein Vermögen: Experten beziffern die jährlichen Einnahmen der in Kambodscha, Myanmar und Laos tätigen Cyberkriminellen auf 50 bis 75 Milliarden Dollar.
Allein in Kambodscha ging das UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) bereits vor zwei Jahren von Erlösen von bis zu 12,5 Milliarden Dollar aus. Neuere Schätzungen beziffern die jährlichen Erträge auf 19 Milliarden US-Dollar – fast die Hälfte von Kambodschas gesamter Wirtschaftsleistung.
Chen Zhi und seine Prince Group sollen daran laut US-Justiz mit dem Betrieb von einer Reihe von Betrugsfabriken einen erheblichen Anteil haben. „Der Angeklagte leitete mutmaßlich eine der größten Anlagebetrugsoperationen der Geschichte und trieb damit eine illegale Industrie an, die mittlerweile epidemische Ausmaße angenommen hat“, sagte US-Staatsanwalt Joseph Nocella Jr.
Die Anlagebetrügereien hätten weltweit Milliardenverluste und unermessliches Leid bei den Opfern verursacht, „auf dem Rücken von Menschen, die verschleppt und gegen ihren Willen zur Arbeit gezwungen wurden“. US-Justizministerin Pam Bondi sprach von einem „der bedeutendsten Schläge gegen die globale Geißel des Menschenhandels und des internetgestützten Finanzbetrugs“.
Konkret wirft die US-Justiz Chen Überweisungsbetrug und Geldwäsche vor. Im Fall einer Verurteilung drohen ihm bis zu 40 Jahre Gefängnis. Ob er jemals vor einem US-Gericht erscheinen wird, ist jedoch unklar – auch wo er sich derzeit aufhält.
Politisch bestens vernetzter Geschäftsmann
Eine E-Mail mit der Bitte um eine Stellungnahme an die Pressestelle der Prince Group wurde von deren Mailserver als „unzustellbar“ zurückgewiesen. Die zu Chens Konglomerat gehörende Prince Bank teilte mit, ihr Betrieb in Kambodscha sei von den US-Maßnahmen nicht betroffen.
Chen ist Medienberichten zufolge 37 Jahre alt und begann seine Karriere laut einer Kurzbiografie auf einer seiner Unternehmenswebseiten mit der Gründung eines Internetcafés in der chinesischen Stadt Fuzhou. 2011 sei er nach Kambodscha gezogen, um dort im Immobiliengeschäft zu arbeiten.
2014 nahm er die kambodschanische Staatsbürgerschaft an und gründete ein Jahr später die Prince Group. Er wurde schnell zu einem der politisch am besten vernetzten Geschäftsleute des Landes: 2017 wurde er per königlichem Dekret zum Berater des Innenministeriums ernannt und stieg später zum Berater des damaligen Regierungschefs Hun Sen auf. Auch dessen Sohn Hun Manet, der Hun Sen als Premierminister ablöste, holte Chen in sein Beratergremium.
Die US-Justiz wirft Chen und seinen Komplizen vor, politische Verbindungen genutzt zu haben, „um ihr kriminelles Unternehmen zu schützen“. Sie hätten Bestechungsgelder an Amtsträger gezahlt, um Störungen durch Strafverfolgungsbehörden zu vermeiden. Laut Anklageschrift flossen die Schmiergelder unter anderem an chinesische Sicherheitsbehörden.
Die US-Ankläger veröffentlichten auch Details zum Vorgehen der mutmaßlichen Onlinebetrüger. In den „gefängnisartigen“ Betrugsfabriken seien Opfer von Menschenhändlern zur Anbahnung der Betrügereien gezwungen worden. Interne Dokumente der Prince Group sollen zudem Anleitungen zur massenhaften Erstellung gefälschter Social-Media-Profile enthalten haben – inklusive des Hinweises, dass die vermeintlichen Profilfotos von Frauen „nicht zu hübsch“ ausfallen sollten, um realistisch zu wirken.
Netzwerk kaufte laut US-Justiz Privatjets und Ferienimmobilien
Chen soll laut Anklageschrift zudem direkt bei der Anwendung von Gewalt gegen die Zwangsarbeiter in den Betrugsfabriken beteiligt gewesen sein. Er habe Bilder besessen, die Schläge und andere Foltermethoden zeigten. Zudem habe er mit Untergebenen über Gewalt kommuniziert – und in einem Fall darauf hingewiesen, dass die Opfer nicht „zu Tode geprügelt“ werden sollten.
Die mit den kriminellen Methoden erwirtschafteten Profite hätten Chen und seine Komplizen den US-Anklägern zufolge anschließend für Luxusreisen, den Kauf von Uhren, Jachten, Privatjets und Ferienimmobilien verwendet. In New York soll das Netzwerk bei einer Auktion ein Picasso-Gemälde ersteigert haben.
Neben dem strafrechtlichen Verfahren belegten die US-Behörden das Geschäftsimperium rund um die Prince Group mit Sanktionen. Daran beteiligten sich auch britische Behörden, die Vermögenswerte von Chen und seinem Netzwerk in Großbritannien einfroren – darunter ein Anwesen im Norden Londons im Wert von umgerechnet knapp 14 Millionen Euro.
Erstpublikation: 15.10.2025, 15:45 Uhr.