Prüfers Kolumne: Auf der Grünen Woche deutet sich ein stiller Epochenwechsel an
Nächste Woche beginnt in Berlin die Grüne Woche, und sie feiert dabei gleich 100-jähriges Jubiläum. Die Grüne Woche ist die große Messe, auf der Deutschland ganz bei sich ist. Es geht um essen, essen, essen. Im Grunde hatte man in Deutschland damit schon den Food-Court erfunden, bevor es überhaupt die dazugehörige Mall gab.
Die Grüne Woche ist traditionell der Ort, an dem sich Landwirtschaft, Lebensmittelindustrie und Publikum darüber verständigen, was künftig gegessen werden soll – und mit welchem Gefühl. Und ein Trend zeichnet sich schon ab: Der große Hype um Fleischersatzprodukte flacht ab. Galt es vor nicht allzu langer Zeit noch, eigentlich alles, was man einem Tier aus den Rippen schneiden kann, aus Seitan oder Soja nachzuformen, will man jetzt wieder ins wahre Fleisch beißen.
Zwar sind alle Argumente gegen Massentierhaltung und Fleischgenuss in der Zwischenzeit nicht weniger wahr – aber man hört nicht mehr so genau hin. Vielleicht glauben wir auch einfach nicht mehr an die Heilsversprechen der Ernährung. Die vergangenen Jahre waren ja geprägt davon. Wer richtig isst, so die Hoffnung, lebt gesünder, handelt politisch korrekt und rettet im Idealfall gleich noch die Welt. Dieses Versprechen hat sich als überfordernd erwiesen.
Zu komplex sind globale Lieferketten, zu widersprüchlich ökologische Bilanzen, zu hoch die Anforderungen an den Einzelnen. Und daran, ob man die Welt retten kann, sind eher Zweifel gewachsen. Sie brennt an so vielen Stellen, dass man sich dann auch schon wieder ein Würstchen auf dem Feuer rösten kann.
Ernährung als Feld voller Kompromisse
So deutet sich auf der Grünen Woche ein stiller Epochenwechsel an: das Ende der Ersatzhandlungen. Weniger Versuch, durch perfekte Produkte auch perfekte Menschen zu schaffen – mehr Akzeptanz dafür, dass Ernährung ein Feld von Kompromissen ist. Vielleicht ist das der realistischste Fortschritt, den eine Messe leisten kann, auf der traditionell sehr viel gegessen wird. Wir glauben nicht mehr, dass wir nur anders konsumieren müssten, dann werde sich die Welt schon verändern. Wer denkt schon, dass man weniger Cola trinken solle, damit es in den USA einen anderen Präsidenten gibt?
Früher konnte ein Bundeskanzler allein damit Politik machen, dass er sich fähig zeigte, an nahezu jedem Stand der Grünen Woche innezuhalten und zu probieren. Große Massen musste er verzehren können, um dem Land zu zeigen: Uns geht es gut, ich habe es mit eigenem Magen erfahren. Wenn der Trend der Grünen Woche eines zeigt, dann die Sehnsucht nach diesen Tagen.
Die Abkehr vom Aktivismus durch Konsum führt nicht etwa dazu, dass wir wegen politischer Belange auf die Straßen drängen würden. Stattdessen wenden wir uns dem Trost durch Konsum zu. Wenn die Welt doch so gruselig ist, dann hilft vielleicht ein Hüftsteak.